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24.06.2008
 

Architektur

Zwang zum Spektakel

Der Niederländer Rem Koolhaas über neue Trends in Architektur und Städtebau, das Ende der europäischen Stadt sowie den Unterschied zwischen Architekten und "Stararchitekten"

SPIEGEL: Herr Koolhaas, Sie bauen in Europa, in den USA, am Golf und in China. Aus welchem Teil der Welt erwarten Sie künftig die stärksten Impulse für Architektur und Städtebau?

CCTV Tower von Rem Koolhaas in Peking (Ende 2007): "Wo immer Sie stehen - er sieht von überall anders aus"
AFP

CCTV Tower von Rem Koolhaas in Peking (Ende 2007): "Wo immer Sie stehen - er sieht von überall anders aus"

Koolhaas: Da müssen wir unterscheiden: Was die Erfahrung des Bauens angeht, wird der stärkste Impuls mit Sicherheit aus China, aus dem Nahen Osten, wahrscheinlich auch aus Indien kommen. Komplexer ist es mit dem Denken: Noch dominiert ja die intellektuelle Kraft des Westens, doch die anderen Kulturen werden stärker. Ich erwarte, dass wir in Architektur und Städteplanung ein neues Denken entwickeln werden, das weniger von unseren Modellen ausgehen wird. Es gibt viele junge, gute Architekten in China. Offen ist die Frage, ob sich aus unserer Zusammenarbeit, aus dieser Internationalisierung, eine gemeinsame Sprache der Architektur ergeben wird, ob wir zwei verschiedene Sprachen sprechen - oder ob es eine Mischung wird.

SPIEGEL: Bei einem Vortrag in Dubai haben Sie unlängst zwei Dias an die Wand geworfen: erst eine Aufreihung ikonischer Wolkenkratzer, die Sie selbst, Zaha Hadid und andere Stararchitekten entworfen haben - und dann eine Sammlung von Hochhäusern, deren Schöpfer unbekannt sind. Die Bilder sahen sich zum Verwechseln ähnlich.

Koolhaas: Ich tue mich furchtbar schwer mit dem Wort "Stararchitekt". Denn es macht den Eindruck, als bezeichne es Menschen, die kein Herz haben, Egomanen, die immer nur ihr Ding machen, völlig losgelöst von jedem Kontext. Ich finde, das ist eine groteske Beleidigung für einen Berufsstand, der sich - soweit ich meine Kollegen kenne - sehr viel Mühe gibt, für jeden einzelnen Fall das Richtige, das Passende zu finden. Gleichzeitig werden wir natürlich vom Markt angetrieben - und von Bauherren, die uns auf gewisse Formen festlegen wollen. Ich denke seit langem darüber nach, wie es uns vielleicht gelingt, dieser Festlegung auf das rein Formale zu entgehen. Deshalb habe ich das einfach mal gezeigt: Es gibt in Wirklichkeit gar keinen so großen Unterschied zwischen den Bauten der "Stararchitekten" und denen anderer.

SPIEGEL: Wie viel Zeit bleibt Ihnen eigentlich bei großen Projekten, sich auf einen Ort, auf einen konkreten Kontext einzulassen? In Dubai haben Sie gerade in nur einem Jahr eine Stadt für 1,5 Millionen Einwohner entworfen, genannt Waterfront City.

Koolhaas: Es ist weniger Zeit zur Recherche da, so dass eine Tendenz zur Nachahmung entsteht. Eine unserer Theorien ist, dass man diesen exzessiven Zwang zum Spektakulären durch Rückkehr zur Einfachkeit kontern kann. Das ist ein Effekt der Geschwindigkeit. Ein anderer ist die mittlerweile universelle Forderung, alles müsse nun "nachhaltig" sein. Uns hat diese Idee seit den sechziger Jahren interessiert, insofern fühlen wir uns bestätigt. Doch inzwischen ist Nachhaltigkeit eine so politische Kategorie, dass es immer schwieriger wird, wirklich ernsthaft darüber nachzudenken. Die Nachhaltigkeit ist zu einem Ornament geworden. Immer häufiger gewinnen Entwürfe in Wettbewerben, weil sie buchstäblich grün sind und sich irgendwo an ihnen eine kleine Windmühle dreht.

SPIEGEL: Ihnen passt offenbar der Begriff der Nachhaltigkeit nicht.

Koolhaas: Weil er zu einer hohlen Formel geworden ist - und es deshalb immer schwieriger wird, über Ökologie nachzudenken und nicht ironisch zu werden. Auf der anderen Seite hat es natürlich auch einen Vorteil, dass die Etikette der Nachhaltigkeit heute so populär ist: Wir versuchen schon seit langem so zu bauen, dass wir so weit wie möglich ohne Klimatisierung auskommen, dass wir unnötige Sonneneinstrahlung vermeiden, dass wir eine Dichte herstellen, die Schatten wirft. Früher gab es dafür kaum Interesse, heute zahlen Kunden dafür.

SPIEGEL: Nachhaltig soll auch Ihre Waterfront City in Dubai werden - worauf genau wollen Sie mit diesem Projekt hinaus?

Koolhaas: Es geht mir darum, in Dubai einen Stadtteil zu etablieren, der eine wirkliche Metropole ist. Dazu gehört vor allem ein echter öffentlicher Raum - nicht die Karikatur eines öffentlichen Raums, also Shopping Malls. Ich bin der Regierung in Dubai sehr dankbar, dass wir dort ein Gericht haben werden, Krankenhäuser, die Endstationen zweier U-Bahn-Linien. Es wird also eine erkennbare Identität dieses Raumes geben: Zutaten dessen, was Dubai ausmacht, aber auch echtes städtisches Leben ...

SPIEGEL: ... das im Augenblick noch fehlt?

Koolhaas: Es fehlt nicht, es ist eher konfus. Wir haben dort einen Stadtteil namens Deira, der absolut urban ist, unglaublich dicht, gemischt, aufregend und schön - von einer Art Schönheit, die wahrscheinlich bald unseres Schutzes bedarf. Wie wir als Städteplaner in Zukunft überhaupt mehr darüber nachdenken müssen, wie wir gleichzeitig planen und konservieren.

SPIEGEL: Die gewachsene europäische Stadt, wie wir sie kennen, ist also bald eine historische Reminiszenz, ein Fall fürs Weltkulturerbe?

Koolhaas: Genau. Wobei wir uns von der europäischen Stadt nicht verabschieden müssen - sie ist ja noch da. Aber als Norm, als einziges Modell ist sie eben schon zu lange da. Und das ist gewissermaßen die Tragödie der vergangenen 20 Jahre. Weil sie als Norm so dominant ist, weil sie der zeitgenössischen Architektur so fest im Kopf steckt, hebt sich alles andere negativ dagegen ab: Wir sind gegen China, wir sind gegen Dubai - weil das alles nicht europäisch ist. Womit vielleicht auch im weiteren Sinn ein Problem Europas bezeichnet ist: Wir sind so geprägt von unserem Modell, dass es uns oft schwerfällt, in anderen Welten zu denken.

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