SPIEGEL: Der Vorwurf gegen die Entwicklung am Golf lautet sinngemäß: "Alles Disney-Land."
Koolhaas: Die ewige Wiederkehr dieser Disney-Fatwa sagt in Wahrheit mehr über die Stagnation der kritischen Vorstellungskraft des Westens aus als über die Städte am Golf. Was unser Büro baut, wird überall kontrovers diskutiert, aber mir fällt auf, dass Leute, die tatsächlich in China oder am Golf leben, meistens etwas mit unseren Ideen anfangen können. Sie sind eben draußen im Felde, und im Felde hat man ein anderes Bild.
SPIEGEL: Lässt sich das, was in Dubai entsteht, mit dem vergleichen, was Sie in Hamburg entworfen haben - dem aus Containern zu einem spektakulären Ring gestapelten "Science Center"?
Koolhaas: Vergleichbar ist, dass wir es in beiden Fällen mit großen, von Immobilien-Entwicklern angetriebenen Projekten zu tun haben, also mit einer sehr abstrakten Substanz. Das führt dazu, dass man den Unterschied solcher Projekte oft nicht erkennt. Völlig unterschiedlich aber sind die Bedingungen in Hamburg oder in Dubai, das politische Umfeld, die Freiheit, auch der Spielraum eines Architekten. Womit wieder ein Charakteristikum zeitgenössischen Bauens deutlich wird: Wir versuchen im Grunde überall die gleiche Masse in eine örtlich vorgegebene Form zu gießen.
SPIEGEL: Sie beklagen, dass moderne Architektur sich dem Primat des Ikonischen unterordne und dadurch beliebig werde. Auf der anderen Seite haben Sie selbst einige der einprägsamsten Ikonen überhaupt geschaffen, allen voran das Gebäude für den chinesischen Fernsehsender CCTV in Peking.
Koolhaas: Ich bin ein kritischer Geist und ein Architekt zugleich, und ich fühle mich nicht verpflichtet, in meiner konkreten Arbeit immer meine eigenen Theorien zu bestätigen. Es gibt Widersprüche, und die Möglichkeiten, die sich uns heute bieten, fordern solche Widersprüche heraus. Trotzdem versuchen wir Gebäude zu errichten, deren Identität instabil ist, die also Tiefe haben. Nehmen Sie den CCTV-Komplex: Jetzt, wo er fast fertig ist, wird deutlich, wie er funktioniert. Wo immer Sie stehen - er sieht von überall anders aus. Permanent verschieben sich Vordergrund und Hintergrund. Wir haben nicht eine einzige, sondern 400 Identitäten geschaffen. Das ist es, was wir wollten: Zweideutigkeiten, Unübersichtlichkeiten herstellen, um dem Zwang des Expliziten zu entgehen.
SPIEGEL: Heißt das, dass die Ikone des 20. Jahrhunderts, der Wolkenkratzer, die schiere Vertikale, damit auf ihr Ende zugeht?
Koolhaas: Anfang des 20. Jahrhunderts gab es sehr viele Typologien des Bauens, heute haben wir im Grunde nurmehr zwei davon: das Haus und den Turm - und nichts dazwischen. Ich sehe wenig Anzeichen dafür, dass sich das ändert. In Russland und China erleben wir ja geradezu eine Apotheose des Turms. Vielleicht erleben manche Typologien ihre Mystifizierung aber auch erst, wenn sie in Wahrheit schon tot sind.
SPIEGEL: Was halten Sie von den Türmen, die sich um den Titel des höchsten Gebäudes der Welt balgen? Gefällt Ihnen einer davon?
Koolhaas: Ich finde es lächerlich. Nüchtern betrachtet, mag ich den einen oder anderen sogar - den Burj Dubai zum Beispiel, einfach, weil er so irrsinnig aussieht, ein Gebäude das weit höher ist als jedes andere, das es je gab. Ganz kann ich diesem Reiz auch nicht widerstehen, aber intellektuell bin ich durchaus in der Lage, diesen Wettlauf abzulehnen.
SPIEGEL: Was kommt denn nach dem Wolkenkratzer?
Koolhaas: Es geht inzwischen immer weniger um Höhe, es geht immer mehr um Größe, um "Bigness". Im Mittelalter hatte ein großes Gebäude, sagen wir, 200 Quadratmeter, in der Renaissance mögen es 10.000 gewesen sein, im 19. Jahrhundert 40.000. Heute bauen wir Komplexe von 500.000 Quadratmetern. Die Veränderung der Quantität hat Folgen: Eine davon ist, dass wir es mit multifunktionalen Gebäuden zu tun haben, weil sich mit einer einzigen Funktion eine solche Fläche gar nicht mehr füllen lässt.
SPIEGEL: So dass wir dann, wie im Burj Dubai, 50 Etagen Büros, 50 Etagen Hotel, und 50 Etagen Wohnungen haben.
Koolhaas: Eine andere Folge ist, dass das Augenmerk sich auf das Innere verlegt - denn je größer ein Gebäude ist, desto weniger Kontakt hat es mit der Außenwelt. Im Inneren solcher Komplexe aber haben wir es jetzt mit unterschiedlichen Zonen zu tun, die mit ganz unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewohnt werden, einen ganz anderen Stoffwechsel haben, ständig in Bewegung sind, umgebaut oder repariert oder einem neuen Zweck zugeführt werden.
SPIEGEL: Vor ein paar Jahren waren Sie in Lagos, der größten Stadt Nigerias, und kamen mit einer Botschaft der Demut zurück: Architekten, lasst den Dingen ihren Lauf, passt euch der Realität an!
Koolhaas: Als ich mich zum erstenmal mit Lagos befasste, fand ich eine völlig dysfunktionale Stadt vor, die ihre zehn Millionen Einwohner zwang, Wege zum Überleben zu finden. Mir erschien das als ein Prozess schierer Selbstorganisation - ein Begriff, der damals sehr in Mode war. Inzwischen habe ich die Geschichte dieser Stadt eingehend studiert und mir ist klargeworden, dass diese Selbstorganisation tatsächlich im Rahmen einer Struktur stattfindet, die eine Reihe moderner Denker, Architekten und Städteplaner geschaffen haben.
SPIEGEL: In Lagos haben Sie den Ausdruck "Junk Space" geprägt - was bedeutet dieser in Europa?
Koolhaas: Der Ausdruck beschreibt den Effekt, den Kommerz auf Architektur hat, wie er sich auf die Schönheit, auf die Authentizität und die Akzeptanz eines Gebäudes auswirkt. Die Ironie ist, dass gerade im Westen uns die Überbewertung des Ökonomischen in ein permanentes Chaos zwingt: Früher war ein Flughafen stolz darauf, wenn seine Wege von der Zufahrt zum Gate kurz und direkt waren. Heute sind die Flughäfen durch die Vielzahl der Ladenpassagen zu Labyrinthen geworden. Vom Paradigma der Klarheit ausgehend, sind wir also in nur 20 Jahren beim Paradigma des Chaos gelandet.
SPIEGEL: Können Architektur und Städtebau etwas gegen die Zwänge ausrichten, die Sie beschreiben - gegen die Allmacht der Ökonomie, gegen die Atomisierung der Gesellschaft?
Koolhaas: Als wir in Hollywood ein Hauptquartier für die Universal Studios planten, hatten wir das Problem, dass alle einzelnen Komponenten der Firma über ein weites Areal verstreut waren - also haben wir dieses Gebäude als eine Art Maschine konzipiert, die diese Komponenten wieder zusammenführt. So etwas Ähnliches haben wir jetzt auch beim CCTV-Gebäude gemacht. Dort sprechen wir von einem "Visitors' Loop", einem Durchlauf, in dem sich alle Leute begegnen werden, die sonst disparat vor sich hinarbeiten würden.
SPIEGEL: Nehmen Sie damit auf moderne Art einen Gedanken auf, den der US-Architekt Louis Sullivan auf den Begriff "form follows function" gebracht hat?
Koolhaas: Manche unserer Gebäude erfüllen diesen Grundgedanken zu hundert Prozent, und das Ironische ist, dass dieser funktionalistische Gedanke heute so vergessen, so unbekannt ist, dass er wieder völlig neu erscheint. Die Moderne ist letztlich vom Gedanken der Aufklärung bestimmt, vom Fortschritt. So wacklig uns diese Begriffe heute erscheinen mögen - es wäre absurd, sich von ihnen zu verabschieden, denn erst heute sind wir in der Lage, sie als Europäer mit der Welt zu teilen. Und das wiederum macht die Glaubwürdigkeit europäischer Architektur im Zeitalter der Globalisierung aus: dass wir unsere Formeln weniger formelhaft umsetzen können als andere, dass wir uns genauer auf die Umstände einlassen können, unter denen andere leben.
SPIEGEL: Herr Koolhaas, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Stephan Burgdorff und Bernhard Zand.
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