Von Merlind Theile
Hamburg - Die Briefwaage für die Firma Soehnle war ein schlichtes Stück, ein viereckiges Kunststoffkästchen zum Aufklappen, innen die kreisrunde Gewichtsanzeige, das Gehäuse Orange, sehr schick in den Siebzigern. Rido Busse, damals Anfang 40 und als Industriedesigner gut im Geschäft, mochte seine Waage, denn sie war so geworden, wie ein Busse-Produkt sein sollte: funktional, schnörkellos, technisch einwandfrei, ästhetisch ansprechend. Der Designer genoss das wohlige Gefühl, etwas Einzigartiges geschaffen zu haben. Doch dieses Gefühl währte nur kurz.
Im Frühjahr 1977, die Waage war gerade ein halbes Jahr auf dem Markt, schlenderte Busse über die Frankfurter Frühjahrsmesse. Möbel, Leuchten, Alltagswaren. Und was er dort am Stand eines Ausstellers aus Hongkong entdeckte, machte Busse erst fassungslos, dann wütend und schließlich zum Rächer.
Da stand ein viereckiges Kunststoffkästchen zum Aufklappen, innen die kreisrunde Gewichtsanzeige, das Gehäuse Orange, etwas heller vielleicht als bei Busses Modell, die Ziffern in Schwarz statt in Weiß, das Firmenlogo: "KL". Es war Busses Waage, und doch war sie es nicht. Der Meister war kopiert worden, vor ihm stand ein Plagiat.
Wütend über den Schaden, hilflos gegen Fälscher
Über 30 Jahre sind vergangen seit dem Vorfall, doch Rido Busse, 73, ein großer Herr mit Brille und halblangem Silberhaar, seit fünf Jahrzehnten Designer, seit 25 Jahren Dozent an verschiedenen Hochschulen, kann die Empörung von damals immer noch abrufen. "Das Ding war aus einem ganz schlechten, weichen Kunststoff produziert", schimpft er. Polypropylen, das sei wie Gummi, es klingt wie eine Beleidigung.
Der Kunststoff des Plagiats sah nicht nur billiger aus, er war es auch, und so kostete die Waage von KL nur ein Sechstel des Originals von Soehnle. Die Firma konnte wenig dagegen ausrichten, dass asiatische Hersteller den deutschen Markt mit Billigzwillingen überschwemmten, die schlechter funktionierten als die Qualitätswaage und deshalb auch noch deren Ruf zerstörten. Busse: "Das Produkt war tot."
Wütend über den Schaden, hilflos angesichts dürftiger Sanktionen gegen die Fälscher beschloss Busse, sich selbst am Feind zu rächen, und zwar mit einem Preis. Er nahm einen Gartenzwerg, lackierte ihn schwarz, verpasste ihm eine goldene Nase und nannte ihn "Plagiarius". Der erste Preisträger, die Waagenfälscherfirma KL, nahm die Auszeichnung nicht entgegen - keiner sollte das jemals tun, aber das machte nichts. Busse ging es um die Aktion, es ging um Öffentlichkeit.
"Wir mussten überhaupt erst mal das Problem publik machen", sagt er, "Die Leute hatten ja gar kein Unrechtsbewusstsein."
An dreisten Kopien mangelte es nicht, im Gegenteil. Mühelos konnte Busse immer wieder seinen Preis verleihen, mehrere pro Jahr. Busse machte PR und gewann prominente Laudatoren aus Politik und Wirtschaft, Joschka Fischer war schon dabei, Hans-Olaf Henkel, Brigitte Zypries, alle sprachen ein paar mahnende Worte bei der jährlichen Preisverleihung auf der Frankfurter Ambiente. Prominente ziehen die Presse an, und so bekam Busse ein Forum für seine Botschaft: Plagiate sind kein Kavaliersdelikt, sie richten immensen Schaden an, denn wenn eine Firma ihre Entwicklungskosten über den Warenabsatz nicht wieder hereinholen kann, muss sie schlimmstenfalls dichtmachen. Nach jüngsten Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages kosten kopierte Waren die deutsche Wirtschaft jährlich 29 Milliarden Euro und 75.000 Jobs.
Gefälschte Produkte im Wert von 426 Millionen Euro
Es gibt etliche Geschichten von nachgemachten Produkten und dadurch geschädigten Firmen, und Busses Aktion zum Trotz werden es immer mehr. Die Geiz-ist-geil-Mentalität der Kunden, die verbesserten technischen Möglichkeiten, die Unwissenheit der meisten Hersteller, die ihre Produkte nicht schützen lassen, und natürlich: die Globalisierung - all das führe dazu, sagt Busse, dass die Zahl kopierter Waren exponentiell steige.
Allein 2007 beschlagnahmte der deutsche Zoll in fast 8000 Fällen plagiierte und gefälschte Produkte im Wert von 426 Millionen Euro, dabei kontrolliert er überhaupt nur einen Bruchteil des Warenverkehrs. Viele der nachgeahmten Möbel, Kleidungsstücke, Haushaltswaren stammen aus Asien und Osteuropa, aber die Auftraggeber sitzen oft genug in Deutschland, manchmal sogar in der Nachbarschaft des mittelständischen Unternehmens, das ein gutes Produkt designt hat und nun vom Konkurrenten kopiert wird.
"Die Kopisten sparen sich nicht nur das Geld für die Entwicklungskosten, sie sparen sich auch die Flops", sagt Busse. Bloß zwei von zehn Produktentwicklungen seien erfolgreich. "Und die Nachahmer machen natürlich nur die Marktrenner."
Wer mit Rido Busse einmal durch seine Firma im bayerischen Elchingen geht, der ahnt, wie viel Arbeit in der Gestaltung solcher Marktrenner steckt. An Werkbänken und Computern bei busse design ulm tüfteln 20 Angestellte an neuen Formen; von den ersten Skizzen über Computeranimationen bis zum Hartschaummodell vergehen meist Monate. "Alles ist Design", sagt Busse, jede Rührschüssel, jeder Kindersitz, jede Motorsäge, die sie hier entwerfen.
Wenn Busse durch die Büroräume und die Werkhalle streift, wirkt er stolz auf das, was hier geschaffen wird. Vor ein paar Jahren hat er sich aus dem Geschäft zurückgezogen, aber er hängt an seinem Laden, er will die Arbeitsplätze schützen. Auch deshalb ist er nun hauptamtlich als Rächer tätig, als Rächer der Kopierten, selbst wenn es ein Kampf gegen Windmühlen ist.
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