Von Markus Verbeet
Alf Zimmer ahnte nicht, dass er einen lebensgefährlichen Beruf ausübt. Rektor der Universität Regensburg - das klingt nach gelehrtem Austausch an beschaulicher Stätte und nicht nach tödlicher Bedrohung.
Absolventen der Uni Bonn
Doch eines Mittags wäre es beinahe um ihn geschehen gewesen. Als der Rektor das Gebäude der Philosophischen Fakultäten passierte, sah er sich aus heiterem Himmel attackiert. Ein dicker Brocken löste sich aus der Betonfassade und krachte auf den Bauzaun neben seinem Kopf. "Das war ganz schön knapp", kommentiert der 64-Jährige.
Der Alltag an vielen deutschen Bildungsstätten bietet heutzutage ganz neue Herausforderungen. Mancherorts kämpfen Schüler und Studenten in altersschwachen Gebäuden damit, dass es tropft, bröckelt oder zieht. Allein die kommunalen Schulen bis 2020 zu sanieren und in gutem Zustand zu halten koste 73 Milliarden Euro, schätzt das Deutsche Institut für Urbanistik. Für die Hochschulen kommen noch einmal viele Milliarden obendrauf.
Die berühmten Worte, mit denen der verstorbene SPD-Politiker Peter Glotz sein Buch über das deutsche Hochschulsystem titelte, haben eine neue Bedeutung gewonnen: Manche Bildungsstätte ist tatsächlich "im Kern verrottet". Das ist peinlich genug für ein Land, das sich seiner Dichter und Denker rühmt und gar als "Bildungsrepublik Deutschland" reüssieren will, wie es Kanzlerin Angela Merkel (CDU) jüngst formulierte.
Das wahre Problem des deutschen Bildungssystems ist jedoch nicht der Schimmel oder der Rost, der manche Schule und Hochschule verunstaltet. Das lässt sich mit Geld reparieren.
Das wahre Problem des deutschen Bildungssystems liegt darin, dass es auch im übertragenen Sinne von Schimmel und Rost überzogen ist. Viel zu lange wurde viel zu wenig getan.
Heute stellt sich die Bundesrepublik internationalen Vergleichen wie den Pisa-Tests und europäischen Reformen. Gerade die Gegenüberstellung mit anderen Ländern aber macht deutlich, dass in Deutschland vieles besser werden muss.
"Die Wende zur Empirie in der Bildungspolitik hat entscheidend dabei geholfen, von gefühlter Wirklichkeit wegzukommen", sagt Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). "Bis zu Pisa konnte man ja behaupten, was man wollte."
Nunmehr zweifelt niemand daran, dass dringende System-Reparaturen erforderlich sind. Die kosten teilweise auch Geld - vor allem aber erfordern sie Mut und Weitsicht der Politik. "Große Verantwortungsfreude" fordert die Kanzlerin, um "jedem Einzelnen entsprechend seinen Fähigkeiten und Neigungen Einstieg und Aufstieg zu ermöglichen". Das Ziel müsse heißen: "Bildung für alle".
Das klingt gut, bringt aber noch gar nichts.
Wer immer in Kindergärten, Schulen und Hochschulen ernsthaft Erfolge anstrebt, muss dringend mindestens sechs Risikogruppen besser fördern:
© SPIEGEL special 5/2008
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