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30.09.2008
 

Deutsch-Türkische Welten

Kurz vor dem Durchbruch

Fatih Akin über den türkischen Film zwischen Kitsch, Kultur und Politik

Würde ich einen Film über meine Beziehung zum türkischen Kino drehen, wäre die Eröffnungsszene klar:

Zwei Jungen toben durch die Gassen eines türkischen Dorfes. Sie wollen mit Freunden ins Kino. Sie sind noch viel zu jung für den Film. Aber mit Hilfe der anderen mogeln sie sich an der Kasse vorbei. Stolz sitzen sie schließlich unter all den älteren Zuschauern. Vor allem der Jüngere der beiden ist fasziniert von dem Spektakel auf der Leinwand. Er bekommt vor Staunen den Mund nicht zu.


Das Geschehen ist nicht erfunden. Der Kleinere, das bin ich, der ältere ist mein Bruder. Das Dorf liegt in der Nähe von Istanbul und ist die Heimat meiner Mutter. Dort verbrachten wir Hamburger Jungs mit unseren Eltern die Sommerferien. Wir sollten unser Türkisch aufbessern und den Kontakt zur Verwandtschaft pflegen. Damals hatten meine Eltern noch die Hoffnung, in absehbarer Zeit mit uns wieder in ihrem Land zu leben. Dass sie ihre Rückkehrpläne aufgeben sollten, ahnten sie nicht. Und ich ahnte nicht, dass an jenem Abend des Jahres 1981 meine Liebe zum türkischen Kino beginnen sollte – eine bis heute sehr innige Beziehung.

An den Titel des Films erinnere ich mich zwar nicht mehr, aber den Hauptdarsteller habe ich nicht vergessen: Ferdi Tayfur, einer der großen Stars jener Zeit, Sänger, Schauspieler, Frauenschwarm und Kassenmagnet der Yesilçam-Filme, die das Bild vom türkischen Kino bis heute prägen. Der Name leitet sich ab von dem "Grüne Tanne"-Viertel in Istanbul, in dem sie, gleichsam am Fließband, produziert wurden.

Die Handlungsmuster waren entsprechend schlicht: Entweder kam ein Mädchen vom Lande in die Stadt und wurde in böse Intrigen verwickelt, oder ein armes Mädchen verliebte sich in einen reichen Mann, der schon Familie hatte; in jedem Fall ging es um Herz und Schmerz, und es wurde voll auf die Tränendrüse gedrückt. Bei Abenteuer- und Kriminalfilmen hingegen zählte nur Action, strömte Blut aus allen Poren. Ich erinnere mich noch, dass die Brutalität mich anfangs sehr erschreckt hat. Mit meinem Vater hatte ich vorher in Hamburg nur Disney-Filme in der Sonntagsmatinee gesehen.

Mehr als die austauschbaren Inhalte der Filme ist mir ihre schreckliche technische Qualität in Erinnerung. Die Farben waren zu grell, der Ton war völlig übersteuert. Und in historischen Filmen konnte man zuweilen am Himmel Flugzeuge sehen. Aber das war den Zuschauern egal, auch mir. Kino in der Türkei war besonders in jener Zeit eine Art Ritual. Für türkische Familien, auch für die ärmeren, war der Kinobesuch einmal in der Woche ein fester Bestandteil ihres Lebens, weshalb die Produzenten bei vielen Filmen auf die Familientauglichkeit achteten. Ins Kino zu gehen hieß Freunde treffen. Das Foyer glich einem Marktsaal, die Pausen waren eine Mischung aus Stehempfang und Party. Das Zusammensitzen im Zuschauerraum war eine kollektive Angelegenheit, auch weil die Säle, anders als heute, immer voll waren. Das alles hatte nichts entrückt Cineastisches. Es war lebendig, voll ansteckender Unbefangenheit.

Auf Video waren die Yesilçam-Streifen – von denen die türkische Filmindustrie in ihrer Hoch-Zeit bis zu 400 Werke im Jahr herstellte und dadurch nach Bollywood und Hollywood zu einer der größten der Welt aufstieg – schon nicht mehr so packend. Dennoch trafen sich meine Eltern mit ihren Freunden regelmäßig in Hamburg vor dem Fernsehgerät, um sie zu sehen. Ihnen brachten Stars wie Tayfur oder Orhan Gencebay ein Stück Heimat in die Fremde. Als ich den großen Gencebay, der damals so etwas wie ein Frank Sinatra der Türkei war, vor vier Jahren für meinen Film "Crossing the Bridge – The Sound of Istanbul" gewinnen wollte, war ich vor Ehrfurcht total nervös – und umso glücklicher, als er zusagte.

Ich selber habe den TV-Apparat daheim nur benutzt, um den europäischen Film kennenzulernen. Mit der Fernsehzeitschrift auf dem Boden habe ich den Videorecorder programmiert. Ich erinnere mich noch, mit acht oder neun Jahren "Mein Essen mit André" von Louis Malle gesehen zu haben. Wirklich verstanden habe ich den Film nicht, aber gefallen hat er mir sehr. So wurden die europäischen Filme meine Filme; die türkischen hingegen waren die meiner Eltern. Wohl auch deshalb habe ich die Filme schließlich abgelehnt.

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