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Deutsch-Türkische Welten Kurz vor dem Durchbruch

2. Teil: Kein Thema ist mehr tabu


Erst als Erwachsener, der sich dann ernsthaft mit Film auseinandersetzte, habe ich Klassiker der türkischen Filmgeschichte entdeckt wie "Das Mädchen mit dem roten Halstuch" von Atif Yilmaz – eine anrührende Lovestory mit exzellenten Schauspielern und einer hervorragenden Kameraführung. Beeindruckend geht der Film den Fragen nach: Was ist Liebe? Was ist Vaterschaft? Und wie weit dürfen wir wofür gehen? Obwohl diese Kostbarkeiten im öffentlichen Bewusstsein tief verschüttet sind unter der Lawine der populistischen Yesilçam-Filme, kann die türkische Cinematografie etliche solcher Schätze vorweisen. Damit solche Prachtstücke der Nachwelt nicht verlorengehen, wähle ich gerade für Martin Scorceses Welt-Film-Stiftung zehn türkische Werke aus, die technisch nachbearbeitet und dann neu präsentiert werden sollen.


So wie sich meine zweite Heimat Türkei in den vergangenen 10, 20 Jahren entwickelt hat und in vielen Bereichen europäisches Niveau vorweisen kann, sind auch dem türkischen Film große qualitative Sprünge gelungen. Der Umbruch kam mit dem Putsch von 1980. Zum einen drängten auf einmal US-Filme auf den türkischen Markt. Noch heute amüsieren sich meine Kollegen in Istanbul oder Ankara darüber, dass Washington angeblich die Generäle in Ankara erpresst hat: Entweder darf unsere Filmindustrie auf den türkischen Markt, oder eure Nüsse fliegen vom amerikanischen. Und weil es nicht nur Schrott war, der über den Großen Teich in die Türkei schwappte, lernten Regisseure und Produzenten viel durch die US-Filme. Einer wie Zeki Demirkubuz, einer der wirklich ganz großen Autorenfilmer, bekennt sich ganz offen zu seiner amerikanischen Prägung.

Zum anderen begann ein genereller gesellschaftspolitischer Emanzipationsprozess, pochten die Menschen verstärkt auf ihre Rechte. Das schlug sich auch in mutiger werdenden Filmen nieder. Langsam aber stetig überwanden die türkischen Filmemacher die lange Verbotstradition des Landes, in der die Zensur ihr größter Feind war: Alles was kritisch wirkte, galt den beinharten Kemalisten in den Schaltstellen gleich als Befleckung der nationalen Ehre.

Ein Film wie "Umut" ("Die Hoffnung") von Yilmaz Güney aus dem Jahr 1970 ging den politischen Erben des Staatsgründers und Reformers Mustafa Kemal Atatürk zu weit, weil er die Armut auf dem Lande zeigte. Die durfte es nicht geben. Also gab es auch den Film nicht, der sie zeigte. Güneys bei uns in Deutschland bekanntester Film "Yol" ("Der Weg"), 1982 gedreht, kam erst 1999 in die türkischen Kinos, 17 Jahre nachdem er in Cannes die Goldene Palme erhalten hatte. Die banalen Yesilçam-Filme, die übrigens alle im urbanen Milieu spielten, waren auch der Versuch, mit Herz, Schmerz und Action dem Zensor zu entgehen.

Heute steht der türkische Film kurz vor dem internationalen Durchbruch. Ehrungen türkischer Filmemacher in Cannes, wo in diesem Jahr Nuri Bilge Ceylan für "Üç Maymun" ("Three Monkeys") den Preis für die beste Regie erhielt, gelten nicht mehr als Sensation.

Die Themenvielfalt meiner türkischen Mitstreiter für ein Kino, das sich als visuelle Reflexion unserer Gesellschaft versteht und dennoch unterhalten will, ist enorm: Es gibt großartige Filme über junge Frauen, die gegen die Tradition aufbegehren, oder über Männer, die als ertappte Liebhaber Ehrenmord-Opfer werden; kein Thema ist mehr tabu. Doch leider werden diese Werke noch immer viel zu wenig beachtet.

Wenn dann aber über nationalistische Action-Filme wie "Tal der Wölfe – Irak" mit Schaum vor dem Mund geschrieben wird, als stünden solche Machwerke für das ganze türkische Kino, dann könnte ich laut aufheulen. Das hat die türkische Film-Szene, das hat das Land nicht verdient.

Das ungeheure Talent der türkischen Filmemacher zeigt das Istanbuler Filmfestival jedes Jahr aufs Neue. Das türkische Arthouse-Kino ist inzwischen eines der spannendsten und wichtigsten überhaupt – knapp 30 Jahre nach meinem Yesilçam-Erlebnis.

Die Schlussszene meines Films über das türkische Kino habe ich übrigens auch schon vor Augen: Sie zeigt ein älteres türkisches Ehepaar in dessen Hamburger Wohnung. Mit Bekannten sitzen die beiden vor dem Fernseher und schauen alte Streifen mit Ferdi Tayfur und Orhan Gencebay. Ein Mann, so um Mitte dreißig, begrüßt sie als Vater und Mutter, setzt sich zu ihnen. Er lehnt sich entspannt zurück und sieht lächelnd zum Bildschirm hinüber.

Ich genieße diese Stunden mit meinen Eltern sehr.

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