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Land im Aufbruch "Literatur ist auch eine Waffe"

2. Teil: Eine Welt der Mythen und Träume

Und ich bin ein traditioneller Schriftsteller. So wie das Fleisch fest mit dem Knochen verbunden ist, will ich nicht, dass sich meine Kunst loslöst vom Volk. Ich bin in einem kleinen Dorf der Çukurova geboren. In der Nähe befinden sich die Ruinen der großen römischen Stadt Anazarbos. Als Kind spielte ich in den Gassen dieser Stadt. Aus ihr stammte der berühmte Arzt Dioskurides, hier ist Cicero eine Zeitlang Präfekt gewesen. 50 Jahre vor meiner Geburt wurden die Bewohner meines Dorfs nach der Niederschlagung eines Aufstands hier angesiedelt. Während meiner Kindheit sangen sie noch immer Lieder dieses Aufstands. Die Tradition unserer Literatur ist auch eine Tradition von Aufständen und mit ihnen verbundener Opfer. In dieser Tradition ist die Literatur auch eine Waffe.

Die Kunst des Wortes stand immer an der Spitze menschlicher Werte. Eine Gesellschaft spiegelt sich in ihrer Literatur wider. Und weil die Literatur die einflussreichste Kunst ist, muss sie auch den Niedergang in der Gesellschaft bekämpfen. Eine degenerierte Literatur ist das Produkt einer ungesunden Gesellschaft.

In keinem Zeitalter hatte sich das Böse so organisiert, war es so mächtig wie heute. Wir sind täglich Zeuge, wie das Böse das Leben unserer Welt bedroht. Milliarden Menschen werden von ihren Brüdern ausgebeutet, die dazu Möglichkeiten bekommen haben. Eine rasende Kriegshetze ist nicht aufzuhalten. Wenn die Literatur wie früher ihren Kampf für mehr Menschlichkeit fortsetzt, können wir leichter drohendes Unheil verhindern.

Literatur war niemals nur ein Zierrat. Sie wurde immer auch als politische Waffe benutzt, um Ziele durchzusetzen. Und Künstler wussten meistens, auf wessen Seite sie zu stehen haben.

Betrachten wir das Tagesgeschehen, so müssen wir uns fragen: Sind wir auf Seiten des Atoms, des Todes oder auf der Seite des Friedens, der Brüderlichkeit, der Lebensfreude? Der Dunkelheit oder der Helle? Der Liebe oder der Feindschaft? In unserer Zeit ist alles so offensichtlich, ist es für den Künstler eigentlich unmöglich, sofern er keine eigensüchtigen Ziele verfolgt, einen Irrweg einzuschlagen. Und es gibt keine zwingenden Gründe, die den Künstler in den Sumpf der Entfremdung und Degeneration führen.

Doch wie werden wir Künstler mit dieser Herausforderung fertig? Der Künstler unseres Zeitalters muss wie ein Vogel zwitschern, hell wie klares Wasser leuchten, einfältig sein wie ein Kind. Ansonsten wird es sehr schwer, trotz all dem auf uns lastenden Schmutz zu bestehen. Die Künste des Wortes haben die reinigende Kraft des Feuers, das jeden Schmutz tilgt.

Der 1923 als Sohn kurdischer Eltern geborene Kemal gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern seines Landes. Der Autor, der als Kind bei einem Messerunfall sein rechtes Auge verlor, hat sich als überzeugter Sozialist immer wieder in die türkische Politik eingemischt und war mehrfach inhaftiert. Er empfing zahlreiche Auszeichnungen, Preise und Ehrungen.

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