Von Angela Gatterburg
Hüther beschreibt verlässliche emotionale Bindungen als "wohl wichtigste Voraussetzung für eine optimale Hirnentwicklung. Störungen dieser emotionalen Beziehungen stellen für Kinder, je früher sie auftreten, umso weniger zu bewältigende Belastungen dar".
Anders gesagt: Kinderhirne sind keine Computer, die mechanisch lernen, denn beim kindlichen Lernen sind Emotionen immer mit verwoben. Deshalb brauchen Babys und Kleinkinder weniger kognitives Wissen, sondern jemanden, der sie liebevoll umsorgt, sie liebevoll anschaut, liebevoll hält. Ist diese emotionale Zuwendung nicht vorhanden oder wird sie von Nervosität, Unbehagen, innerer Anspannung und Angst vor Fehlern verdeckt, fühlen sich die Kleinen schlicht unwohl. Vor allem Einzelkinder werden oft, aus übergroßer Liebe und Sorge, zum Objekt rastloser Beobachtung, zum Prestigesymbol, das vorzeigbar sein soll. Auch das erzeugt Stress.
"Das fängt schon bei der Geburt an, das Kind muss einfach super werden", hat der Schweizer Kinderarzt Remo Largo festgestellt. Largo, Verfasser der Bestseller "Babyjahre" und "Kinderjahre", kritisiert die wachsende Förderwut, die mehrere Eigenheiten des kindlichen Lernverhaltens missachte, nämlich "die genuine Neugier, die entwicklungsspezifischen Bedürfnisse und die Selbstbestimmung des Kindes".
Auch stehen Eltern und Kinder heute dauernd auf dem Prüfstand. "Was, deiner krabbelt schon?" oder "Oh, eurer läuft immer noch nicht?" - solche Bemerkungen mitfühlender Freunde werfen Eltern heute viel schneller aus der Bahn als noch vor 20 Jahren: Die eigenen Gefühle geraten aus der Balance, schwanken permanent zwischen Sorge, schlechtem Gewissen, Hilflosigkeit und Erschöpfung. So suchen Mütter oft schon kurz nach der Geburt verzweifelt Rat in der Hamburger Einrichtung "Dreiklang", die im gutbürgerlichen Stadtteil Volksdorf "Beratung und Therapie rund um Schwangerschaft, Geburt und Kindheit" anbietet.
"Dreiklang"-Therapeutin Sabine Kirsch kennt sie gut, diese Mütter, die verunsichert und überfordert kommen, getrieben von unrealistischen Glückserwartungen. "Die haben alle Bücher über Erziehung und Hirnforschung gelesen, wollen ganz viel für ihr Kind und stehen unter ungeheurer Anspannung", sagt Kirsch.
Diese Frauen sind voller Pläne für ihren Nachwuchs, fragen sich dauernd, was sie ihm noch anbieten könnten, das Kind, so Kirsch, sei davon überfordert, verweigere sich diesem Übereifer "und kann seine Eltern so eigentlich nur enttäuschen".
Auch die Münchner Therapeutin Gabriela von Windau sieht den Förderehrgeiz vieler Eltern mit Sorge. Eigentlich behandelt sie in ihrer psychotherapeutischen Praxis Erwachsene, doch immer häufiger bringen entnervte Mütter ihre kleinen Kinder "wie zur Reparatur", so Windau - weil diese sich angeblich nicht entspannen könnten. Der Terminplan der Kleinen, von dem die Therapeutin dann erfährt, ist bemerkenswert: Singgruppe, Schwimmkurs, Klavierstunde, Golf.
Oft, kritisiert Windau, "heißt die Frage nicht: Was will das Kind?, sondern: Was will ich, dass das Kind soll?" Meist hilft schon eine schlichte Frage: "Welchen Termin Ihres Kindes könnten Sie wegfallen lassen?" In fast allen Fällen reagieren die Kinder auf eine Reduzierung ihrer Aktivitäten mit großer Erleichterung.
Eltern sollten sich doch bitte entspannen, was die frühe Entwicklung ihres Nachwuchses angeht, schreibt der amerikanische Forscher John T. Bruer in seinem Buch "Der Mythos der ersten drei Jahre": Man solle nicht vergessen, dass "Menschen äußerst anpassungsfähig sind und dass unsere Kinder über eine bemerkenswerte Widerstandskraft verfügen". Was das Kind brauche, sei das, was Instinkt und gesunder Menschenverstand einem sagen: liebevolle, sprachliche Zuwendung, Spielen, Singen, Vorlesen, Körperkontakt.
Der Neurowissenschaftler Steven Petersen von der Washington University in St. Louis sagt es noch drastischer: "Es müssen schon äußerst elende Bedingungen sein, um die Entwicklung ernsthaft zu stören. Ziehen Sie Ihr Kind nicht in einem Schrank auf, lassen Sie es nicht verhungern, und schlagen Sie es nicht mit einer Bratpfanne auf den Kopf."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
© SPIEGEL special 7/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH