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Frühe Jahre Armes, schlaues Superkind

3. Teil: "Menschen sind äußerst anpassungsfähig" - und Kinder keine Computer


Hüther beschreibt verlässliche emotionale Bindungen als "wohl wichtigste Voraussetzung für eine optimale Hirnentwicklung. Störungen dieser emotionalen Beziehungen stellen für Kinder, je früher sie auftreten, umso weniger zu bewältigende Belastungen dar".

Anders gesagt: Kinderhirne sind keine Computer, die mechanisch lernen, denn beim kindlichen Lernen sind Emotionen immer mit verwoben. Deshalb brauchen Babys und Kleinkinder weniger kognitives Wissen, sondern jemanden, der sie liebevoll umsorgt, sie liebevoll anschaut, liebevoll hält. Ist diese emotionale Zuwendung nicht vorhanden oder wird sie von Nervosität, Unbehagen, innerer Anspannung und Angst vor Fehlern verdeckt, fühlen sich die Kleinen schlicht unwohl. Vor allem Einzelkinder werden oft, aus übergroßer Liebe und Sorge, zum Objekt rastloser Beobachtung, zum Prestigesymbol, das vorzeigbar sein soll. Auch das erzeugt Stress.

"Das fängt schon bei der Geburt an, das Kind muss einfach super werden", hat der Schweizer Kinderarzt Remo Largo festgestellt. Largo, Verfasser der Bestseller "Babyjahre" und "Kinderjahre", kritisiert die wachsende Förderwut, die mehrere Eigenheiten des kindlichen Lernverhaltens missachte, nämlich "die genuine Neugier, die entwicklungsspezifischen Bedürfnisse und die Selbstbestimmung des Kindes".

Auch stehen Eltern und Kinder heute dauernd auf dem Prüfstand. "Was, deiner krabbelt schon?" oder "Oh, eurer läuft immer noch nicht?" - solche Bemerkungen mitfühlender Freunde werfen Eltern heute viel schneller aus der Bahn als noch vor 20 Jahren: Die eigenen Gefühle geraten aus der Balance, schwanken permanent zwischen Sorge, schlechtem Gewissen, Hilflosigkeit und Erschöpfung. So suchen Mütter oft schon kurz nach der Geburt verzweifelt Rat in der Hamburger Einrichtung "Dreiklang", die im gutbürgerlichen Stadtteil Volksdorf "Beratung und Therapie rund um Schwangerschaft, Geburt und Kindheit" anbietet.

"Dreiklang"-Therapeutin Sabine Kirsch kennt sie gut, diese Mütter, die verunsichert und überfordert kommen, getrieben von unrealistischen Glückserwartungen. "Die haben alle Bücher über Erziehung und Hirnforschung gelesen, wollen ganz viel für ihr Kind und stehen unter ungeheurer Anspannung", sagt Kirsch.

Diese Frauen sind voller Pläne für ihren Nachwuchs, fragen sich dauernd, was sie ihm noch anbieten könnten, das Kind, so Kirsch, sei davon überfordert, verweigere sich diesem Übereifer "und kann seine Eltern so eigentlich nur enttäuschen".

Auch die Münchner Therapeutin Gabriela von Windau sieht den Förderehrgeiz vieler Eltern mit Sorge. Eigentlich behandelt sie in ihrer psychotherapeutischen Praxis Erwachsene, doch immer häufiger bringen entnervte Mütter ihre kleinen Kinder "wie zur Reparatur", so Windau - weil diese sich angeblich nicht entspannen könnten. Der Terminplan der Kleinen, von dem die Therapeutin dann erfährt, ist bemerkenswert: Singgruppe, Schwimmkurs, Klavierstunde, Golf.

Oft, kritisiert Windau, "heißt die Frage nicht: Was will das Kind?, sondern: Was will ich, dass das Kind soll?" Meist hilft schon eine schlichte Frage: "Welchen Termin Ihres Kindes könnten Sie wegfallen lassen?" In fast allen Fällen reagieren die Kinder auf eine Reduzierung ihrer Aktivitäten mit großer Erleichterung.

Eltern sollten sich doch bitte entspannen, was die frühe Entwicklung ihres Nachwuchses angeht, schreibt der amerikanische Forscher John T. Bruer in seinem Buch "Der Mythos der ersten drei Jahre": Man solle nicht vergessen, dass "Menschen äußerst anpassungsfähig sind und dass unsere Kinder über eine bemerkenswerte Widerstandskraft verfügen". Was das Kind brauche, sei das, was Instinkt und gesunder Menschenverstand einem sagen: liebevolle, sprachliche Zuwendung, Spielen, Singen, Vorlesen, Körperkontakt.

Der Neurowissenschaftler Steven Petersen von der Washington University in St. Louis sagt es noch drastischer: "Es müssen schon äußerst elende Bedingungen sein, um die Entwicklung ernsthaft zu stören. Ziehen Sie Ihr Kind nicht in einem Schrank auf, lassen Sie es nicht verhungern, und schlagen Sie es nicht mit einer Bratpfanne auf den Kopf."

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insgesamt 115 Beiträge
Ich kenne diesen Wunsch aus der Hundeerziehung, da wird ein Superhund gekauft, der bekommt dann die Erziehung aufgedrückt, die von allen "Sachverständigen" anempfohlen wird. Da wird die Intelligenz des Hundes [...]
Zitat von sysopImmer mehr Eltern versuchen, ihren Kindern möglichst früh möglichst viel Bildung angedeihen zu lassen. Dabei warnen Experten vor Überforderung - Kindern müsse auch eine Kindheit zugestanden werden, damit sie sich vielfältig entwickeln können. Was meinen Sie?
Ich kenne diesen Wunsch aus der Hundeerziehung, da wird ein Superhund gekauft, der bekommt dann die Erziehung aufgedrückt, die von allen "Sachverständigen" anempfohlen wird. Da wird die Intelligenz des Hundes kontrolliert, ohne die Grundlagen von Vertrauen und Familienstrich zu bedenken. Bei Kindern ist das genau so, Kinder werden zum Statussymbol, spielen nur noch mit Lernspielzeug, sollen nur noch Wunderkinder sein und wenn sie die Eltern enttäuschen, weil sie noch nicht dem Standard entsprechen, werden sie verlassen. Zeit wird nicht investiert, besonders nicht, wenn der "Erfolg" ausbleibt. Das ist ein Rollenspiel, bei dem von Außen die Ansprüche festgelegt werden. Eltern sind Laien, die die Talente ihrer Kinder gar nicht beurteilen können. Selbst Fachleute haben Schwierigkeiten Talente zu erkennen. Eltern, die auch eigene Wünsche haben, sind damit überfordert, sie sollten ihre Kinder lieben, dass ist das, worauf sich Kinder und Eltern stützen können, auf Wünsche kann man nicht aufbauen. MfG. Rainer
Reziprozität 18.11.2008
Ich bin da ganz bei den Experten. Wenn Eltern, aus womöglich hehren Motiven ihren Kindern die unbeschwerte Kindheit rauben, dann sollte es Mittel geben ihnen in den Arm zu fallen. Früheinschulungen verhindern, die Fünfjährigen [...]
Zitat von sysopImmer mehr Eltern versuchen, ihren Kindern möglichst früh möglichst viel Bildung angedeihen zu lassen. Dabei warnen Experten vor Überforderung - Kindern müsse auch eine Kindheit zugestanden werden, damit sie sich vielfältig entwickeln können. Was meinen Sie?
Ich bin da ganz bei den Experten. Wenn Eltern, aus womöglich hehren Motiven ihren Kindern die unbeschwerte Kindheit rauben, dann sollte es Mittel geben ihnen in den Arm zu fallen. Früheinschulungen verhindern, die Fünfjährigen können ja vielfach noch nicht einmal den Füllfederhalter richtig halten. Aufgeräumt gehört vielmehr das "Kuschelbiotop Grundschule", da werden doch in der Regel die Weichen falsch gestellt.
MonaM 18.11.2008
Ich bin der - auch aus Erfahrung genährten - Überzeugung, dass Kleinkinder vor allem zwei Dinge brauchen: Viel liebevolle Zuwendung und viel zeitlichen Freiraum für das freie, unreglementierte Spiel. Die besten Spielkameraden [...]
Zitat von sysopImmer mehr Eltern versuchen, ihren Kindern möglichst früh möglichst viel Bildung angedeihen zu lassen. Dabei warnen Experten vor Überforderung - Kindern müsse auch eine Kindheit zugestanden werden, damit sie sich vielfältig entwickeln können. Was meinen Sie?
Ich bin der - auch aus Erfahrung genährten - Überzeugung, dass Kleinkinder vor allem zwei Dinge brauchen: Viel liebevolle Zuwendung und viel zeitlichen Freiraum für das freie, unreglementierte Spiel. Die besten Spielkameraden sind natürlich die Eltern (Mutter _und_ Vater), andere vertraute Betreuungspersonen und Gleichaltrige. Spielen ist für Kinder sowieso eine ernste und lehrreiche Sache. Bis mindestens zum 5. Lebensjahr sollte es keine "Beschulung" der Kleinen geben, je nachdem auch bis zum tatsächlichen Schuleintritt nicht. Wer Kleinkinder zu Schülern macht, stiehlt ihnen die Kindheit.
DJ Doena 18.11.2008
Auf der einen Seite kann man Kindern nicht zu früh zu viel zumuten, auf der anderen Seite finde ich es verschwendete Lebenszeit, wenn Kinder nach der dritten Klasse immer noch Probleme mit dem Alphabet haben, geschweigen denn mit [...]
Auf der einen Seite kann man Kindern nicht zu früh zu viel zumuten, auf der anderen Seite finde ich es verschwendete Lebenszeit, wenn Kinder nach der dritten Klasse immer noch Probleme mit dem Alphabet haben, geschweigen denn mit diesen Problemen von der Hauptschule abgehen. Eltern dürfen ihren Kindern nicht zu viel abverlangen, sonst endet das in Selbstmordraten á la Japan. Aber endlos schleifen kann man es auch nicht lassen. Man versucht ja seinen Kindern nicht etwas beizubringen, damit diese dann für die Rente der Eltern sorgen können, sondern damit sie auf eigenen Beinen im Leben stehen können. Was hab ich davon Kindern 18 Jahre Kindheit zu gönnen, nur um sie dann in 55 Jahre Elend zu stürzen, weil sie nicht auf eine wissensbasierte Arbeitswelt vorbereitet sind?
DJ Doena 18.11.2008
PS: Was für mich jenseits aller Diskussionswürdigkeit dazugehört, ist, dass die Kinder die Sprache altersgemäß beherrschen müssen, mit der sie in der Schule konfrontiert werden. Und zwar müssen sie diese (wieder: altersgemäß) [...]
PS: Was für mich jenseits aller Diskussionswürdigkeit dazugehört, ist, dass die Kinder die Sprache altersgemäß beherrschen müssen, mit der sie in der Schule konfrontiert werden. Und zwar müssen sie diese (wieder: altersgemäß) beherrschen, _bevor_ sie die erste Klasse erreichen. Wenn man diese Vorraussetzung nicht als notwendig einsieht, kann man sich die Einschulung auch gleich sparen, denn viel sinnvolles wird dann eh nicht bei rauskommen.
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