Mittwoch, 10. Februar 2010

SchulSPIEGEL



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11.12.2008
 

Auf dem Schulweg

"Schule ist für Kinder da"

Der Schweizer Arzt und Kinderforscher Remo Largo über Lehrer, die ihre Schüler mögen, unsinnige Bildungsstandards und die Bedeutung sozialer Kompetenz.

SPIEGEL: Herr Professor Largo, wie wichtig ist es für die Bildungsentwicklung, als Kind Geborgenheit, Zuwendung und feste Bindungen erlebt zu haben?

Ob Doktorspiele oder kleines Einmaleins: Bleibende Erfahrungen machen Kinder oft aus eigenem Antrieb
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Corbis

Ob Doktorspiele oder kleines Einmaleins: Bleibende Erfahrungen machen Kinder oft aus eigenem Antrieb

Largo: Sich geborgen fühlen und angenommen zu sein sind Grundvoraussetzungen für erfolgreiches Lernen. Aber in der Schule sind solche Emotionen oft regelrecht tabu. Das ist nicht kindgerecht. Eltern haben eigentlich ein ganz gesundes Empfinden: Ein guter Lehrer ist einer, der Kinder gern hat und mit Kindern gut umgehen kann. Das klingt banal ...

SPIEGEL: ... aber das spielt doch schon bei der Berufswahl kaum eine Rolle.

Largo: Leider wahr. Es gibt zwar auch Lehrer, die diese Grundbedingung mitbringen, aber methodisch, didaktisch im Unterricht versagen. Kinder zu mögen ist also keine Garantie für guten Unterricht. Wenn dem Lehrer diese Voraussetzung allerdings fehlt, haben die Kinder ein Problem und der Lehrer auch.

SPIEGEL: In Bayern, das sich gern als deutsches Musterland sieht, wechseln die Kinder alle zwei Jahre, oft jedes Jahr den Lehrer. Das gilt als gute Vorbereitung auf eine globalisierte Welt, in der wir flexibel sein müssen für den Arbeitsmarkt.

SPIEGEL SPECIAL 7/2008


TITEL
Was Kinder klug & glücklich macht


Largo: Das kann man so behaupten. Aber im Grunde genommen ist das eine emotionale Misshandlung, man kann auch sagen: eine Vernachlässigung der Kinder. Da wird ein Grundbedürfnis einfach missachtet. Wenn wir nachschauen, warum manche Klassen völlig aus dem Ruder laufen, ist ein häufiger Grund intensiver Lehrerwechsel. Weil die Kinder irgendwann nicht mehr bereit sind, sich zu binden, sind sie auch nicht mehr führbar. Geborgenheit und soziale Akzeptanz sind verhaltensbiologische Notwendigkeiten für ein gutes Lernklima. Vielleicht dauert es noch ein Weilchen, aber irgendwann werden auch die Vertreter einer Hochleistungspädagogik darauf kommen.

SPIEGEL: Welchen Rang räumen Sie dem Intelligenzquotienten für die geistige Entwicklung ein?

Largo: Die Lernbereitschaft ist nicht abhängig vom IQ. Eine wichtige Voraussetzung ist die Beziehung. Das hat mit Wohlfühlpädagogik nichts zu tun, das hat schon die berühmte Studie des englischen Kinderforschers Michael Rutter 1979 wissenschaftlich bewiesen.

SPIEGEL: Sie fächern die Intelligenz in sechs Kompetenzen auf. Welchen Rang nimmt hierbei die soziale Kompetenz ein?

Largo: Manche Politiker teilen die Welt ein in Bildung, wofür die Schule zuständig sei, und in Erziehung, die Ausbildung der sozialen Kompetenz in der Familie. Das geht völlig an der Realität vorbei. Erstens: Die Kleinfamilie schafft allein die Sozialisation des Kindes nicht mehr. Zweitens: Die Kinder verbringen bis zu 15.000 Stunden in der Schule. Sie werden da zwangsläufig sozialisiert. Wir können uns dann nur noch darüber unterhalten, wie.

ZUR PERSON

Remo Largo, Jahrgang 1943, Kinderarzt und Wissenschaftler, warnt in seinen zeitlosen Büchern "Babyjahre" (1993) und "Kinderjahre" (2000) davor, Kinder zu überfordern. Im Frühjahr erscheint sein neues Buch über Schule und Erziehung.
SPIEGEL: In den Jahren nach 1968 wurde der sozialen Kompetenz mehr Aufmerksamkeit als zuvor gewidmet. Hat sich das unter dem Eindruck der Pisa-Studien und anderer Leistungstests geändert?

Largo: Das Interesse der Wirtschaft an der sozialen Kompetenz hat stark zugenommen. Konfliktfähigkeit, Verantwortung übernehmen, Teamfähigkeit, das sind Voraussetzungen, die in den Stellenanzeigen obenan stehen. Die Schule hat noch nicht kapiert, dass die Kinder diese Fähigkeiten als Erwachsene nicht mitbringen werden, wenn die Schule sie dazu nicht erzieht. So was kann man nicht in der Kleinfamilie lernen.

SPIEGEL: Was sagen Tests wie Pisa über die Qualität von Bildung und Ausbildung aus?

Largo: Die Pisa-Studien sind methodisch erstaunlich gut gemacht und haben politisch die Einsicht erbracht, dass Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien im deutschsprachigen Raum deutlich benachteiligt sind. Aber: Wer meint, man müsse nun national oder in den Bundesländern, in einzelnen Schulen und für jedes Kind Standards einführen und hätte damit auch gleich die Qualität von Bildung verbessert, ist auf dem Holzweg. Dadurch wird nur der formale Wettbewerb angeheizt.

SPIEGEL: Heutzutage geraten Eltern und Kinder häufig schon in der Grundschule in Leistungsstress. Notendurchschnitte, Förderunterricht, Nachhilfe - das alles wird immer weiter nach vorn verlagert.

Largo: In Bayern brüsten sich die Minister sogar damit, dass nach der Grundschule die Noten besonders gut seien. Das ist wirklich tragisch und zeigt nur, dass viele Leute die Pisa-Resultate nicht verstehen. Die Vergleiche beziehen sich immer auf den Durchschnitt, aber Mittelwerte sagen doch überhaupt nichts über die große Streubreite der individuellen Leistungsfähigkeit aus.

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