SPIEGEL: Was sollen Kinder wann, wo und wie lernen?
Largo: Wir sollten uns an drei Punkten orientieren.
Beispiel Mathematik, die Mengenlehre. Hat die Mengenlehre einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Kinder? Hat sie tatsächlich die Fähigkeit, logisch zu denken, verbessert? Wo liegt der Nutzen für den Erwachsenen, die Mengenlehre gelernt zu haben? Wie viel wissen Erwachsene noch von der Mengenlehre? Wir wissen es nicht. Bei Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren ist die Nachhaltigkeit im Alltag belegt. In der Schule werden einige Bereiche der Mathematik gelehrt, deren Nützlichkeit und Nachhaltigkeit wir nicht kennen. Ich bin überzeugt, dass man 30 bis 50 Prozent der Mathematikstunden streichen könnte. Was machen wir Sinnvolleres mit der gewonnenen Zeit? Aber so diskutieren wir nicht über diese Frage, sondern die Fachlehrer kriegen Angst um ihre Stelle. Es sind leider meistens keine kind- und entwicklungsgerechten Argumente, die das Curriculum bestimmen.
SPIEGEL: Welche Argumente wünschen Sie sich?
Largo: Schule ist für Kinder da. Wir brauchen Schulen, die sich an den Kindern orientieren, nicht an irgendwelchen Ideologien oder Interessen der Erwachsenen. Zurzeit driften wir ab auf kurzfristige Bedürfnisse der Wirtschaft, an die wir die Schulen anpassen. Ich finde das grundfalsch. Man müsste aus jedem einzelnen Kind das Maximum herausholen - durch Freude am Lernen. Das wäre auch für die Gesellschaft und die Wirtschaft das Beste.
SPIEGEL: Eltern fühlen sich zunehmend überfordert, wenn sie beurteilen sollen, ob die dreigliedrige Schule, die Ganztagsschule, das jahrgangsübergreifende Lernen, vier, sechs oder neun gemeinsame Schuljahre ihre Kinder optimal fördern und fordern. Gibt es gesicherte Erkenntnisse zur Wahl einer Schule?
Largo: Fachleute können Eltern drei, vier Schulen empfehlen, aber dann müssen Eltern selbst herausfinden, was für ihr Kind das Beste ist. Man kann nicht einfach sagen, Waldorf oder Montessori, das ist die Lösung. Auch Waldorfschule ist nicht gleich Waldorfschule. Die Frage ist: Was sind da für Lehrer, was für ein pädagogisches Konzept, welche Stimmung herrscht in der Schule?
SPIEGEL: Gibt es methodische Empfehlungen?
Largo: Individualisierter Unterricht, rhythmisierter Unterricht, jahrgangsübergreifendes Lernen - das sind auch alles Schlagworte. Die Eltern müssen trotzdem hingehen und schauen, wie das in der Praxis aussieht.
SPIEGEL: Das zu beurteilen setzt auch bei Eltern eine gewisse Kompetenz voraus.
Largo: ... und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Es gibt zum Beispiel Lehrer, die machen immer noch Frontalunterricht. Und sind durchaus imstande, zu individualisieren. Und dann gibt es Lehrer, die arbeiten in Gruppen, es geht chaotisch zu, und das Ganze ist pädagogisch nicht zu empfehlen. Ich würde mich nur auf die konkrete Erfahrung verlassen.
SPIEGEL: Kinder, sagen Sie, können nur optimal ihrer Leistungsfähigkeit und ihrer Begabung entsprechend lernen, wenn sie "aus sich heraus handeln" dürfen. Was bedeutet das?
Largo: In den ersten Lebensjahren tragen wir Erwachsene wenig zur geistigen Entwicklung der Kinder bei - außer dass wir mit ihnen reden. Den Rest machen die selbst. Dann haben sie mit fünf Jahren gute Grundkompetenzen entwickelt. Nun kommen sie in die Schule, und jetzt soll selbstbestimmtes Lernen plötzlich nicht mehr gelten. Die Kinder gehen gern in die Schule, die Frage ist nur, wie lange. Man verdirbt ihnen die Lernmotivation, weil man sie nicht so lernen lässt, wie sie wollen. Wir meinen, wir wüssten es besser.
SPIEGEL: Wie ließe sich das Prinzip des Aus-sich-heraus-Handelns auf Unterrichtspläne anwenden?
Largo: Lehrpläne gibt es seit vielen Jahren. Sie sind noch nie erfüllt worden. Keine Schule, kein Lehrer kann behaupten, sie zu erfüllen. Auch das zeigen die Pisa-Studien. Wenn sie bei 15-, 16-Jährigen die Lesekompetenz prüfen, verfügen 20 Prozent der Jugendlichen über eine Lesekompetenz, die der vierten bis sechsten Klasse entspricht, weil die Unterschiede unter den Kindern so groß sind. Man muss sich eingestehen, dass die Standards immer versagen.
SPIEGEL: Ihr neues Buch, das im Frühjahr herauskommt, handelt von Schule. Was ist die wichtigste Botschaft, die Sie Eltern mitgeben können?
Largo: Es ist für Eltern ganz schwierig, sich dem allgemeinen Leistungsdruck zu entziehen und ihn nicht an die Kinder weiterzugeben. Wenn sie sich darum bemühen, ist das schon ganz viel. Das heißt auch, dass sie immer auf der Seite des Kindes stehen. Der Druck ist sehr oft kontraproduktiv: Er blockiert die Kinder. Vor allem Eltern aus der Mittel- und Oberschicht müssen sich fragen, wie viel von dem Druck ihre eigenen Erwartungen sind, Status- und Prestigeangelegenheiten, die überhaupt nichts mit dem Kind zu tun haben. Es gehört ein Stück Demut dazu, sich einzugestehen, dass ein Kind nicht den Eltern gehört, sondern nur sich selbst.
Das Interview führte Bettina Musall
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Da stimme ich ihnen natürlich zu. So hatte ich das aber auch gar nicht gemeint. Nur sollte man wenigstens versuchen zumindest ein bisschen Interesse aufzubauen und nicht die Schüler mit dem Fach erschlagen, was gerade im [...] mehr...
Was wir in Deutschland bräuchten sind klare Richtlinien und Standards, die in Hamburg genauso gelten wie in Jena oder München. Warum kocht in Deutschland jedes Bundesland da seine eigene Schulsuppe? Warum entscheiden [...] mehr...
Ich hoffe, Sie meinen damit die Eltern und nicht Kinder. Dass die meisten Eltern Erwartungen haben, die nicht erfüllt werden können, ist nicht neu. Das gilt übrigens nicht nur für die Schule. Die Erwartungen der Kinder sind da [...] mehr...
Interessant nur, dass ich noch nie in meinem Leben jemanden erlebt habe, der Prozentrechnung ohne Taschenrechner gemacht hat. Also muss die ganze Übung in der Schule nur deswegen stattgefunden haben, damit irgendjemand seine [...] mehr...
Verwechseln Sie bitte nicht die Ursache und Wirkung, sondern seien Sie froh, dass unsere gegenwärtige Gesellschaft mit der Schule als Leitbild der Zukunft und Spiegelbild dieser Gesellschaft noch "Rapper, Fussballmillionär, [...] mehr...
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