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18.11.2008
 

Auf dem Schulweg

Rotkäppchen und Wölfe

Von Annette Bruhns

Wenn Kinder Angst haben, weil Klassenkameraden sie hänseln, triezen oder hauen werden, dann hat die Schule versagt. Schon in den ersten Jahrgängen muss das friedliche Miteinander eingeübt werden, fordern Jugendgewaltforscher. Aber wie?

Berlin, 9. Juni 2008. Ein 15-Jähriger würgt einen 14-Jährigen an der Carl-Bosch-Oberschule bis zur Bewusstlosigkeit. Das Opfer muss ins Krankenhaus.

Neuruppin, 3. Dezember 2007. Zwei Brüder bedrohen Grundschulkameraden mit einem Messer. Ein Achtjähriger verletzt einen Elfjährigen.

Berlin, 19. Juni 2007. An der Kurt-Tucholsky-Grundschule in Moabit kommt es zu sogenanntem Happy slapping: "Fröhliches Schlagen" - vor laufender Kamera. Die Anstifterin ist elf. Ein Schüler filmt, wie ein am Boden liegender, schreiender Junge von Mitschülern malträtiert wird.

Jugendgewalt: An den Schulen keineswegs massive Zunahme
DPA

Jugendgewalt: An den Schulen keineswegs massive Zunahme

"Kinder als Gewalttäter. Es werden immer mehr, sie werden immer jünger", schreibt die "Bild"-Zeitung über einen der Fälle. Mahnend werden die blutigen Amokläufe an Schulen 2002 in Erfurt und 2006 in Emsdetten in Erinnerung gerufen. Droht die Verrohung bald in der Vorschule?

Längst hat die Gegenwehr eingesetzt. Besorgte Eltern schicken ihre Kinder gleich nach der Einschulung zu teuren Selbstverteidigungskursen. Wachmänner sichern die Pausenhöfe einiger Berliner Schulen. Das beliebteste Gegengift der Bildungspolitiker und Schulbürokraten aber heißt "Gewaltprävention": Staat und Privatstiftungen zahlen viel Geld für Programme wie "Faustlos", "Buddy", "Ich schaffs" oder "Aufgschaut".

Es soll, es muss etwas getan werden. Aber was? Schon Grundfragen sind ungeklärt: Was genau ist Gewalt, und wie häufig tritt sie auf? Gehören bereits Rangeln und Raufen auf Pausenhöfen rigoros verboten? Chronisches Mobbing andererseits ist oft gewaltfrei und dennoch schmerzhafter als jeder Faustschlag. Nichts tut so weh, als wenn die zum Geburtstag eingeladenen Mitschüler einfach nicht erscheinen. Was aber können Anti-Gewalt-Programme gegen Ausgrenzung ausrichten?

Zunächst einmal die gute Nachricht: Die Gewalt an Schulen nimmt nicht zu. Sie scheint, im Gegenteil, rückläufig zu sein. Viele Hiobsbotschaften erweisen sich vor diesem Hintergrund als aufgebauscht.

Auch die eingangs zitierten Fälle gingen glimpflicher aus, als die Meldungen nahelegten: Der junge "Würger" in Berlin vergoss hinterher Tränen der Reue. Das "Opfer" habe ihn gepiesakt, da sei er ausgerastet. Schon als der Krankentransport kam, reichten sich die beiden zur Versöhnung die Hände. Der kleine Neuruppiner "Messerstecher" wiederum hatte mit der gefundenen Waffe prahlerisch herumgefuchtelt. Das vorgebliche Grundschulmassaker endete mit einem Kratzer auf einem Handrücken.

Sogar das makabre "Happy slapping" endete eher "happy" als "slapping". Der vor der Kamera vor Schmerz brüllende Junge erwies sich überraschend als nahezu unverletzt. Ein älterer Schüler hatte das Treiben der Jüngeren der Schulleiterin gemeldet, die wiederum die Polizei einschaltete. Die lokalen Medien schlachteten die "Gewalt-Orgie" ("Berliner Kurier") dann dutzendfach aus.

Präzise Statistiken werden über Schulhofprügeleien, über Mobbing im Klassenzimmer und andere Grausamkeiten nicht geführt. Eines steht allerdings fest: Die Bereitschaft der Schulen, Exzesse polizeilich aktenkundig zu machen, ist deutlich gewachsen. Wenn also die Zahl der Kinder in der Tatverdächtigenstatistik steigt - wie etwa in Berlin von 2005 auf 2006 - so ist das noch kein Beweis dafür, dass auch wirklich mehr passiert.

"Wir zeigen neuerdings sogar verbale Gewalt an", sagt der Direktor der Vineta-Grundschule in Berlin-Wedding, Roland Barth. "Lückenlose Aktenführung ist wichtig. Wenn jemand als Jugendlicher gewalttätig wird, weiß die Sekundarschule, ob er schon als Grundschüler auffällig war. Das deutet dann meistens auf ein massives Problem im Elternhaus."

Eine erstaunliche Tendenz verzeichnet der Bundesverband der Unfallkassen: Danach sanken die Versicherungsfälle aggressionsbedingter Verletzungen an Schulen zwischen 1993 und 2006 um mehr als ein Viertel. Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen anhand von Schülerbefragungen, die 1998, 2000 und 2005/06 in München, Stuttgart, Hannover und Schwäbisch Gmünd stattfanden, ergab ebenfalls einen Rückgang der Jugendgewalt: im Gesamttrend um ein Sechstel.

Die Gründe dieser Wendung zum Guten? "Das ist noch nicht erforscht", sagt der Konstanzer Kriminologe Wolfgang Heinz. Er tippt auf die Effekte neuer Präventionsmaßnahmen. "In den letzten Jahren ist da viel passiert. Es wäre verwunderlich, wenn dies nicht Auswirkungen haben würde."

Die Annedore-Leber-Schule in Berlin-Tempelhof-Schöneberg ist mit 600 Schülern eine der größten Grundschulen der Hauptstadt. Berlin kann von schulischer Gewalt ein Lied singen; zuletzt schrieb die Rütli-Schule schlimme Schlagzeilen. Fernab der Öffentlichkeit sammelt der Stadtstaat aber auch schon lange Erfahrung mit Gewaltprävention. An der Annedore-Leber-Grundschule ist Lehrerin Christiane Strack seit 1996 für das zwischenmenschliche Klima zuständig.

Stracks Arbeitsplatz ist der Konfliktlotsenraum, ein ehemaliges Klassenzimmer gleich neben dem Schulhof. In der Ecke steht ein ausgebeultes graues Sofa, an den Wänden hängen Tierposter und Regeln wie: "Lass dich heil. Lass andere heil. Lass Tiere und Pflanzen heil. Es ist okay, wenn du wütend bist. Wenn du wütend bist, dann rede darüber."

Die Pädagogin hat eine ganze Palette von Programmen im Angebot. Ihr neustes Projekt ist der "Ich-schaffs-Club", ein 15-Schritte-Programm des finnischen Psychiaters Ben Furman. Erik kennt sich aus: "Da kommen die Kinder rein, die Streit haben." Der Elfjährige mit den abstehenden Haaren strahlt die vor Gesundheit strotzende Gemütlichkeit eines schwedischen Karlsson vom Dach aus.

Bis vor kurzem war Erik alles andere als gemütlich. Er hat geschubst und gepöbelt, hat Bälle gemopst und Mädchen zum Weinen gebracht. Jetzt hat Erik neue Ziele: "In den kleinen Pausen bin ich vernünftig", formuliert er ernsthaft. "In den großen Pausen gehe ich mit den anderen friedlich um." Zwei eingeweihte Klassenkameraden helfen ihm, so sieht es Furmans Programm vor. "Tennisball", flüstern sie Erik zu, wenn er mal wieder droht, grob zu werden. Tennisball ist der Geheimname für sein Problem. Oder sie halten die Hände zum Time-out-Zeichen hoch. "Dann zähle ich bis drei und atme tief durch."

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