• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Auf dem Schulweg Rotkäppchen und Wölfe

3. Teil: "Gute Schulpädagogik muss auch mal wegsehen können"


Die Situation in Erfurt ist paradox. Die hypernervöse Klientel der 3b soll anhand von Fotos das Fühlen lernen. Körperlich dagegen spüren sie sich selten; die Klasse hat gerade mal zwei Sportstunden pro Woche. Auch das Geschlechterverhältnis an der Förderschule ist ungünstig: 90 Prozent der Schüler sind Jungen, aber nur 10 Prozent der Lehrer Männer.

"Wenn der Lehrer nicht den Alphaaffen gibt, dann macht es halt jemand anders", stellt die Psychologin Mechthild Schäfer von der Ludwig-Maximilians-Universität in München lakonisch fest. Schäfer ist Schulmobbing-Forscherin. Ihre Faustformel: "Zum Mobbing gehören ein fähiger Täter, ein geeignetes Opfer und ein Lehrer, der pennt."

Mobbing, in der Fachsprache auch "Bullying" - Tyrannisieren - ist eine Form von struktureller Gruppengewalt: Ein Kind schikaniert ständig ein anderes, und fast alle übrigen in der Klasse machen mit, feuern an oder schauen stumm zu. Ein geschickter "Bully" gewinnt dabei an Ansehen, während sein - oder ihr - Opfer oft in eine Abwärtsspirale gerät: Je mehr es sich wehrt, je mehr es jammert, petzt oder Schläge verteilt, desto unsympathischer wirkt es auf alle. Mobbing ist chronisch. Erst wenn die Schikanen mindestens drei Monate lang anhalten, sprechen Experten von einem Mobbing-Fall.

Die schlimmen Mobbing-Dramen setzen meist mit dem Wechsel zur weiterführenden Schule ein. Rund eine halbe Million Schüler in Deutschland werden laut Schätzung Woche zu Woche von Mitschülern schikaniert. Doch die Anfänge liegen früher. In Großbritannien erstritt eine 23-Jährige vor Gericht 29 000 Euro Schadensersatz, weil die an der Grundschule erlebte Ausgrenzung sie seelisch ruinierte. Auch in Deutschland wurde das Land Rheinland-Pfalz zu Schmerzensgeld verurteilt, weil ein Lehrer einen Jungen dem Spott der Klasse ausgesetzt hatte. Dadurch hatte er das Mobbing angeheizt.

Olaf Dörr, Studienrat an der Montessori-Schule Schloss Hagerhof in Bad Honnef bei Bonn, glaubt, dass sich "bei aller Prävention Bullying nie ganz verhindern lässt". Zu verlockend sei der miese Spaß, Macht auszuüben, indem man auf Schwächeren herumhackt - zur Gaudi der anderen. "'Du Opfer', das ist regelrecht ein Schimpfwort unter Schülern."

Der Deutschlehrer schwört auf den "No blame approach". Die "Hilfe ohne Schuldzuweisung" ist ein in England entwickeltes Interventionsprogramm, das - glaubt man Anwendern - aggressive Bullys in lammfromme Helfer verwandeln kann. "Ich hatte einen Fünftklässler, der in seiner neuen Klasse alle nervte. Die anderen wehrten sich, ließen ihn beim Fußball nicht mitspielen, hänselten ihn. Daraufhin wurde er krank, fehlte erst Tage, dann Wochen."

Schließlich sprach Dörr mit dem jungen Schulverweigerer. Der gestand eine "Mörderangst" vor den Mitschülern ein. Immerhin: Das Angebot des Lehrers, ihm zu helfen, nahm er an.

Dörr lud die Anstifter des Mobbings ein, dazu zwei Mitläufer und die sozial kompetentesten Schüler der Klasse. Er erzählte ihnen, dass dieser Junge sich sehr unwohl fühle. Dann stellte der Lehrer die entscheidende Frage: "Würdet ihr ihm helfen?"

Verdutztes Schweigen. Und dann: "Na klar." Der Haupttäter dröhnte laut: "Den lade ich nächste Woche zu meinem Geburtstag ein." "Okay", sagte Dörr, "das hilft aber nur einmal. Was machst du täglich?" "Ich stell mich dazwischen, wenn den jemand angreifen will."

Danach sei die Sache einfach: Die Namen der Helfer und ihre Angebote würden an der Tafel notiert, den Kindern vorgelesen, "und der Rest läuft von allein". Und zwar sofort, behauptet Dörr: Immer, wenn er ein Opfer später nach dessen Befinden frage, stelle sich heraus, dass der Betroffene schon tags nach dem "Unterstützertreffen" auf veränderte Klassenkameraden stieß.

"Am glücklichsten sind in der Regel die Bullys selbst", sagt Dörr. "Die haben ja Angst, dass ihnen Strafe droht. Stattdessen bekommen sie eine Chance. Und die ergreifen sie, schon aus Erleichterung."

Die Münchner Psychologin Schäfer ist skeptisch gegenüber vermeintlichen Patentrezepten. "Echtes Mobbing ist sehr schlimm. Und es findet meistens da statt, wo kein Lehrer hinschauen will."

Woher Lehrer die Zeit für Sozialtrainings nehmen sollen, steht sowieso in den Sternen. In den Lehrplänen vorgesehen sind sie nicht. Der Pisa-Schock hat den Druck an Schulen verstärkt, mehr Wissen und weniger Werte zu vermitteln.

Schäfer hat Trost parat. "Die beste Prävention findet sowieso im Unterricht selbst statt, quasi nebenbei. Ein autoritärer Lehrstil führt nachweisbar zu mehr Mobbing. Ein demokratisches Miteinander im Klassenraum führt zu mehr Wertschätzung."

Hans Oswald, emeritierter Bildungsforscher aus Potsdam, hält genau das für die Erfolgsformel. "Je mehr Mitbestimmung an Schulen, desto weniger Gewalt", predigt er, denn: "Kinder mögen aggressive Kinder nicht." Der Anhänger des berühmten Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget setzt darauf, dass Kinder am meisten von Gleichaltrigen lernen. Der alte Gelehrte schimpft: "An vielen Schulen läuft doch ein heimliches Freundschaftsverhinderungsprogramm. Lasst Freunde nebeneinander sitzen! Sogar wenn ihr Getuschel stört, entlasten sie den Lehrer. Weil sie sich gegenseitig helfen."

Kuschelpädagogik liegt Oswald dabei fern. Im Gegenteil: Er ist besorgt, dass Kinder aus lauter Angst vor Gewaltexzessen am Ende nicht mal mehr raufen dürfen. "Kinder müssen rangeln und toben. Erstens macht es ihnen Riesenspaß. Zweitens lernen sie dabei soziale Grundfertigkeiten: Die Mimik des anderen lesen. Antäuschen. Sich abgrenzen."

Oswalds politisch unkorrekter Appell: "Gute Schulpädagogik muss auch mal wegsehen können."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL

© SPIEGEL special 7/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...





TOP



TOP