Von Jenny Hoch
Sven Vöth, Sexualpädagoge bei Pro Familia in Hamburg, beobachtet eine extreme Verunsicherung bei den Eltern - und die beginnt oft lange bevor ihre Kinder überhaupt mit bedenklichen Medieninhalten in Berührung kommen: "Auf den Elternabenden, die wir zum Thema kindliche Sexualität veranstalten, geht es oft hoch her."
Ist das Eis erst einmal gebrochen, bestürmen die Eltern den Pädagogen mit Fragen: Woran merke ich, dass mein Kind Fragen zur Sexualität hat? Kann Sexualaufklärung mein Kind auf schmutzige Gedanken bringen? Wie stehen Sie zu Doktorspielen? Wo darf ich mein Kind berühren?
Die meisten Eltern seien extrem erleichtert, wenn er ihnen erkläre, dass es wichtig sei, Anlässe zu schaffen, um den Kindern Gelegenheit zum Fragen zu geben. Dass es keine Studie gebe, die belege, dass Kinder durch Aufklärung sexualisiert würden. Dass Doktorspiele, also die Neugier, den menschlichen Körper zu erkunden, zur normalen kindlichen Entwicklung gehören und dass sie ihr Kind selbstverständlich überall berühren dürfen, sofern es zu seinem Wohl geschieht und nicht etwa zur sexuellen Befriedigung des Erwachsenen.
Und die Kinder? Vöth erzählt, dass in Gruppensitzungen die Mädchen regelmäßig von den Jungs gefragt würden, ob sie es sich denn vorstellen könnten, später gleichzeitig mit mehreren Männern zu schlafen. "Da kommt man mit elf nicht so ohne weiteres drauf", sagt der 40-Jährige, "da wird deutlich, wie sehr pornografische Medieninhalte die Realität dieser Kinder konstruieren."
Diese Realitätsverschiebung kann bedenklich werden und die spätere sexuelle Entwicklung von Kindern maßgeblich beeinflussen - falls ihr von Eltern und Pädagogen nichts entgegengesetzt wird. Um den Kindern ein realistisches Bild zu vermitteln, fordern Experten deshalb eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Thema: "Kinder brauchen Räume, in denen sie das ganze aufgeschnappte Halbwissen über Analsex und Gang Bang für sich reflektieren und Fragen stellen können", sagt die Sexualpädagogin Ayse Can, Vöths Kollegin bei Pro Familia in Hamburg, "sonst gehen elfjährige Jungs davon aus, dass die Mädchen in ihrer Altersgruppe genauso geil und willig sind wie die Frauen in den Pornos."
Petra Milhoffer, Professorin für Erziehungs- und Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Gesundheits- und Sexualerziehung an der Universität Bremen, sieht das ähnlich: "Kinder, die die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen, sind geschützt. Sie werden sich von belastenden Bildern wieder distanzieren können." Für diese Kinder sieht sie eher keine Gefahr, durch pornografische Bilder und Szenen Langzeitschäden davonzutragen.
Die Zahlen geben dieser Einschätzung recht: Seit 1980 ist, laut einer Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2006, der Anteil der Mädchen, die bei Eintritt der ersten Menstruation 12 Jahre alt waren, zwar um 8 Prozentpunkte, von 27 auf 35 Prozent, gestiegen. Doch der Anteil derer, die bis zum 18. Lebensjahr noch keinen Geschlechtsverkehr hatten, ist seit mehr als zehn Jahren gleich geblieben: Er liegt bei rund einem Drittel der Jugendlichen.
Auch die Anzahl von Teenager-Schwangerschaften hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. So hat das Statistische Bundesamt im Jahr 2000 790 Mütter im Alter von 15 Jahren und jünger verzeichnet, 2007 lag die Zahl bei 733.
Doch was ist mit den Kindern, die keine Eltern haben, die sich den Kopf über sie zerbrechen, denen sie Fragen stellen können und die sie in ihrer Entwicklung unterstützen? Sie werden mit ihrer Medienerfahrung allein gelassen - zu ihrem Nachteil: "Die ganze Sache ist extrem schicht- und kulturabhängig", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Milhoffer.
In Milieus, in denen Kinder ihre Freizeit exzessiv am Computer oder vor dem Fernseher verbringen, seien Kinder schon vor der Pubertät von der sexuellen Entgrenzung in den Medien betroffen. "Diese Kinder fallen auf die Botschaften von Pornos und sexualisierter Werbung eher rein, weil sie meinen, es bringe ihnen Vorteile in der Gruppe", so Milhoffer.
Auffangen kann diese Entwicklung das, was in Fachkreisen Persönlichkeitsstärkung genannt wird. Doch die kann längst nicht mehr allein das Elternhaus leisten, zumal Kinder über solche Themen häufig nicht so gern mit ihren Eltern sprechen.
Über Aufklärungsangebote in der Schule oder an anderen geschützten Orten sind sie daher dankbar, das ergeben Studien immer wieder. In der Praxis gibt es allerdings noch immer viel zu wenige passende Angebote: Denn obwohl Sexualerziehung seit 1968 vom Kindergarten an fächerübergreifend und anlassbezogen stattfinden soll, traut sich nur eine Minderheit der Lehrkräfte an das heikle Thema - zumal, wenn der Unterricht über die Vermittlung von biologischen Fakten hinausgehen soll.
"Leider", so Milhoffer, "gibt es viel zu wenige Ausbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten, die Lehrkräfte und Erzieher für diese Aufgabe fit machen würden."
Den Sexualpädagogen von Pro Familia geht es ähnlich. Bei ihnen finanziert die öffentliche Hand nur eine einzige Vollzeitkraft - für ganz Hamburg. Der Rest wird über Spenden finanziert. Ganz schön wenig für unsere wichtigste Zukunftsressource: die Kinder.
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