Von Dialika Krahe
Die Tonaufnahme, die Anna K. in ein "fickgeiles Live-Girl" verwandeln sollte, kostete sie zehn Versuche, sieben Zigaretten und zwei Flaschen Bier.
Sie saß in ihrem WG-Zimmer am Schreibtisch, Hamburg-Schanzenviertel, hatte das Telefon bereitgelegt, eine Uhr, die Anleitung, in der stand, dass es Männer gibt, die Sklaven sein wollen. Dass es den SM-Typen gibt, der es klar und deutlich mag, oder den hemmungslosen Verführer. Sie wusste: Ich muss jetzt diese zwei Sätze in den Hörer sprechen: "Ich bin Minou, süß und sexy. Suche heiße Gespräche und vielleicht ein bisschen mehr." Stöhnen, die 1 drücken für Speichern, sich bereitmachen für den ersten Telefonsex ihres Lebens.
Doch Anna K., abgeschlossenes Studium, Talent, eigentlich beste Zukunftsaussichten, konnte nicht. Sie verhaspelte sich, lachte, heulte, rauchte Kette. Sie wiederholte die Sätze wieder und wieder, hörte sie ab und löschte.
Dankbare Männer und endlich genug Geld
Ihr wurde klar: Ich bin jetzt nicht mehr Anna K., angehende Redakteurin, gute Chancen auf ein Standardleben. Von nun an würde sie "Minou" sein, die französische Austauschschülerin; "Brauchst du eine Massage". Würde "Honeybun" sein, Blondine, "immerfeucht und nimmersatt".
Sie würde für jeden Mann zu haben sein, nachts, auf "Livegirls", für 1,86 Euro die Minute.
Anna K. hatte viele Bewerbungen geschrieben in den Monaten zuvor, Anschreiben verschickt, Lebensläufe, Arbeitsproben. Dieses hier, so dachte sie, würde vorerst ihre letzte Bewerbung sein, nahm einen Schluck Bier und speicherte endlich, was sie aufgenommen hatte: 30 Sekunden Sex auf Band, keine Absagen von irgendwelchen Redaktionen mehr, keine schlechtbezahlten Aushilfsjobs, sondern dankbare Männer und endlich genug Geld.
Sie stellte die Ansage ins "Kontaktkarussell" der Sex-Hotline. Ab jetzt konnten die Männer ihre Stimme hören, sie auswählen, anwählen. Gegen Mitternacht hatte sie den ersten Kunden: Er nannte sich Amadeus. Er bat sie, für ihn minderjährig zu sein.
Anna K. hatte studiert, Modejournalismus und Medienkommunikation an einer Privatakademie, dreieinhalb Jahre für 450 Euro im Monat. Nach dem Studium, hieß es, würden die Jobanbieter Schlange stehen, der Name der Schule sei eine Größe in der Branche. Sie absolvierte Praktika in verschiedenen Zeitungsredaktionen, in ihrem Bücherregal bewahrt sie eine lachsfarbene Mappe auf, darin sorgfältig geordnet die Artikel, die sie in den letzten Jahren veröffentlicht hat, Texte, Interviews, Fotoshootings. Dozenten und Redakteure versicherten ihr: Du hast Talent.
Was also bringt eine junge Frau wie Anna, höflich, gut ausgebildet, intelligent, dazu, statt ihrem Beruf nachzugehen, Männern telefonisch einen runterzuholen?
"Er wusste, dass das nicht die echte Anna war"
Anna K. ist heute 27, sie sitzt am Küchentisch in ihrer WG, eine schlanke Person, hell blondiertes Haar, Holzfällerhemd, Jeans, Turnschuhe, und es ist unmöglich, sie sich als Telefonsex-Luder vorzustellen. Sie raucht, sagt: "Ich habe hier gestanden, Kaffee gekocht und dabei ins Headset gestöhnt." Sie habe es bei schönem Wetter auf dem Balkon gemacht, dabei geraucht, geputzt. "Telefonsex lässt sich hervorragend in den Alltag integrieren", sagt sie.
Manchmal habe ihr Freund auf dem Sofa nebenan gelegen, habe so lange ferngesehen, bis sie fertig war und zu ihm unter die Decke kriechen konnte. Eifersucht? Sie überlegt einen Moment, nein, eifersüchtig sei er nicht gewesen. "Er wusste ja, warum ich das tun musste," sagt Anna, "er wusste auch, dass das nicht die echte Anna war." Die Details ihrer Telefongespräche habe sie ihm trotzdem nie erzählt.
Aus ihrem Zimmer holt sie zwei Bücher, legt sie auf den Tisch; für 2007: ein weiß-roter Timer mit Straßenbildern aus New York. Für 2008: ein Buchkalender mit Weisheiten von Paulo Coelho; "Alles Neue ist unbequem", steht darin, den Satz hat sie unterstrichen. Oder: "Manchmal ist das Glück ein Geschenk." Daneben hat sie geschrieben: "Meistens ist aber das Glück nur ein Augenblick."
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