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Krisenkinder Ganz unten

3. Teil: "Also was ist schon groß dabei?"

Um 22 Uhr soll sie bei einer "Marketingfirma" klingeln, ein Gebäude gleich hinterm Bahnhof - wenige hundert Meter weiter beginnt der Hamburger Drogenstrich. Schon der Weg dorthin ist ihr unangenehm. Eine junge Frau öffnet die Tür, auch Studentin, Jura, wie sie sagt, sie werde sie einarbeiten. Die zwei fahren in den 5. Stock. Das Büro: Bildschirme, Computerstimmen, Headsets, es surrt, klingelt, blinkt, ansonsten ist es dunkel. Die Frau lässt Anna zuschauen, sie verbindet anrufende Männer mit anderen Frauen, verschickt Sprachnachrichten. Von Telefonsex spricht sie nicht.

Als Anna zwei Tage später den Vertrag unterschreiben soll, heißt es, sie solle erst mal von zu Hause arbeiten, der Büroplatz komme dann später. Sie bekommt eine Anleitung, "wie man Männer geil macht". Geld, freie Zeiteinteilung, von zu Hause arbeiten, man ist anonym. "Ich bin nicht prüde", sagt sie sich, "also was ist schon groß dabei?"

Die PIN, mit der sie sich ins "Kontaktkarussell" einwählt, ist die 668. Sie empfängt Anrufe von "Wolfgang, geiler Hengst" oder von "Harrie, ich spritz dich voll". Als die Schicht vorbei ist, weint sie sich in den Schlaf. "Ich konnte die Stimmen dieser Männer nicht wieder loswerden, die Bilder, den Dreck, den man vor seinem inneren Auge sieht." Und irgendwie habe sie sich auch vor sich selbst erschrocken. "Dass ich zu so etwas fähig bin", sagt sie, "das war mir unheimlich."

"Ich spürte ihre Blicke"

Es sei eine schizophrene Situation, sagt Anna K. "Einerseits haben mich die Gespräche angewidert", sagt sie, "gleichzeitig musste ich feststellen: Ich kann mich daran gewöhnen." Es sei ein ständiges Hin und Her zwischen Abscheu "vor diesen Perversen" und Mitleid mit "diesen armen Idioten", sagt sie. Zwischen Entsetzen und Gewöhnung. Manchmal habe sie drübergestanden, konnte es trennen von der echten Anna. Manchmal ließen sie die Gespräche nicht mehr los, sie wälzte sich im Bett, träumte davon.

Sie habe versucht, ihrem Vater von ihrem Job zu erzählen, sagt sie, aber "der wollte das nicht hören". Sie erzählt es Freunden, die taten verständnisvoll. "Aber ich spürte ihre Blicke", sagt sie. Also hört sie auf, darüber zu reden.

Sie macht weiter, bekommt 5 Euro pro Stunde, plus 28 Cent für jede Minute, die sie einen Mann in der Leitung hält. Sie arbeitet jetzt Nacht für Nacht, und die Arbeit wird zur Routine. Sie schreibt SMS an Freunde: "Ich kann grad nicht, bin im Homeoffice."

Nicht selten riefen Pädophile bei ihr an

Sie entwickelt jetzt Strategien, um das eine Leben vom anderen zu trennen: benutzt zum Telefonsex ein Headset, im Privatgespräch einen Hörer. Macht es möglichst nur am Schreibtisch, damit der Rest der Wohnung das Reich der echten Anna bleibt. Sie nimmt Nachtschichten, damit sie tagsüber zum Yoga gehen kann, mit Freunden Kaffee trinken. Manchmal nimmt sie eine Freundin mit, und gemeinsam verarschen sie die Typen am Telefon, lachen darüber. "Das schafft Distanz", sagt Anna K., "so fühlte ich mich mächtiger als sie."

Bald hat sie die ersten Stammkunden: Kurt aus Halle, einen Mann mit 42.000 Euro Telefonschulden; Micha aus Rosenheim; Frank, den Allesschlucker, einen Anwalt aus Berlin. Sie sagt Sätze wie "Bei mir ist alles erlaubt, und mit mir erlebst du, wovon andere nur träumen" oder "Na aber hallo, sexy Boy! Du hast drei Wünsche bei mir frei."

Männer rufen an und fragen, ob sie nicht eine Gurke im Kühlschrank habe, um ein bisschen damit zu spielen. Andere sind einsam und bitten sie, sie mit einer Gutenachtgeschichte ins Bett zu bringen. Ein älterer Herr, dessen Frau gestorben war; einer, der noch nie eine Freundin hatte. Nicht selten rufen Pädophile an.

Irgendwann schrieb sie: "Anna, jetzt bist du ganz, ganz unten"

"Das war für mich die Grenze", sagt Anna, da habe sie angefangen, mit den Anrufern zu diskutieren. "Nein", habe sie gesagt, "hier ist Schluss." Das sei krank, damit mache er sich strafbar. "Ich wusste, es wäre jetzt an der Zeit, die Polizei zu rufen: Wer weiß, ob der mal einem Kind was tut?" Aber sie tat es nicht, war zerrissen zwischen der Anna, die wusste, was richtig ist, und der Anna, die den Job brauchte.

Irgendwann schreibt sie in ihr Tagebuch: "Anna, jetzt bist du ganz, ganz unten." Sie kann die Nächte nur noch mit Bier ertragen, mit Zigaretten und mit Gras. Ende August 2008 macht Anna K. ihre allerletzte Schicht.

Sie klappt ihre Timer zu, 2007, 2008; das Headset von der Flirtline hat sie im Schrank versteckt; an ihrem Studienkredit zahlt sie noch immer. Eine Festanstellung in ihrem Beruf, sagt sie, daran glaube sie nicht mehr.

"Ich sehe die Welt jetzt realistischer", sagt sie, sie habe gelernt, dass persönliche Grenzen erstaunlich dehnbar seien und dass es keine Garantie gebe für Erfolg, und sei der Lebenslauf noch so gut. Sie wolle sich jetzt langsam zurück in Richtung "Schreiben" bewegen, sagt Anna K. In ein paar Wochen hat sie ein Vorstellungsgespräch für eine freie Mitarbeit in einer Agentur, die Produktnamen entwickelt.

Bis dahin wird sie weiter telefonieren: Anna K. arbeitet jetzt in einem Call-Center für Versicherungen, hat einen Schreibtisch, eine E-Mail-Adresse, verkauft Sicherheit für andere, Absicherung gegen die Risiken des Lebens.

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