ThemaReisen per BahnRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

ICE-Love Das Geheimnis der Fernbeziehungen

5. Teil: Süße und Süßer und die Reißleine

Jan, im Wagen 23, Platz 39, legt das Buch beiseite und sagt, er habe in Berlin so eine große Aufgabe, dass er froh sei, bis Freitag keine Frau dabeizuhaben, die ständig frage: Es ist 18 Uhr, wo bleibst du denn? Es sei einfach ziemlich cool, dass er bis 22 Uhr arbeiten könne. Aber, sagt Jan, eine Frau brauche natürlich Ziele. "Mit einer Fernbeziehung kannst du eine Frau langfristig schwer abspeisen." Acht Jahre lang wohnten seine Freundin und er, Süße und Süßer, in verschiedenen Städten.

Erst hatten sie Siegen-Hamburg, dann Regensburg-Hamburg, dann kurz Hamburg-Hamburg, bis er wieder fortzog, dieses Mal nach Berlin. Sie blieb die ganze Zeit in Hamburg. Sie stelle die Beziehung hinter seine Karriere zurück, sagt Jan. "Nur, das ist natürlich nicht nachhaltig." Seit Jans letztem Umzug nährt die Distanz ihren Zweifel an seiner Liebe. Denn die Fernbeziehung dokumentiert zugleich die Entscheidung gegen dich, sie offenbart Prioritäten. Die Kränkung, dass der andere freiwillig auf Nähe verzichtet, ist nur durch einen guten Grund zu ertragen.

Ja, sagt Jan, er habe schon mal an Hochzeit gedacht, aber heiraten als "Bindungsmittel in der Fernbeziehung", das sei dann doch zu "freakig". Beruflich habe er sich verbessert, größere Kunden, mehr Verantwortung, persönlich aber sei die Fernbeziehung ein Rückschritt. "Es ist zeitaufwendig, es ist teurer", doch die Frage nach dem Preis der Fahrkarte darf man nicht laut stellen, denn sie wird zur Frage, wie viel die Liebe einem wert ist. Darf man an der Liebe sparen? Und schätzt einer, der verinnerlicht hat, dass Wert an Leistung gekoppelt ist, etwas wert, das man nicht erreicht hat? Das einem geschenkt wird wie die Liebe?

Es ist paradox: Kaum eine Hochzeit heute ohne Taube, Kutsche, Wunderkerze, die Überhöhung der Liebe findet ihren Ausdruck im Hochzeitsfest. Doch gerade diese Überhöhung, der Glaube, dass die Liebe stark genug ist, jede Distanz zu überbrücken, impliziert ihr Verhängnis: den Glauben, dass die Liebe, die an Banalitäten scheitert, es ohnehin nicht wert gewesen ist. Und gibt es Banaleres, als mal eben in den ICE zu steigen?

Jan sagt, er habe Schiss, dass seine Freundin irgendwann die Reißleine ziehe und sage: Ich will jetzt einen Typen, auf den ich mich verlassen kann, der immer da ist. Aber solange fährt er weiter, denn sonst wäre "die Karriere nach obenhin gedeckelt". Vielleicht geht er für seinen Job sogar noch nach Irland. Jeanette findet, Fernbeziehung sei wie Tiefkühltruhe. Alles halte länger frisch. In Hamburg brauche sie kein Telefon, keine Uhr, sie lebe dann nur mit ihm, wie unter einer Glocke, in diesem "herrlichen Vakuum". Stefan möchte bei seiner letzten Bahnfahrt zum ersten Mal im Speisewagen essen, geschmorte Rinderschulter mit Steckrüben, dazu einen Rotwein. Susanne wird wohl kündigen. Sie will sich entscheiden, für die Liebe und für die Arbeitslosigkeit. Sie ist mittlerweile allergisch gegen Züge.

"In wenigen Minuten erreichen wir Berlin-Hauptbahnhof. Dieser Zug ist leider 15 Minuten verspätet. Wir wünschen Ihnen ein schönes Wochenende."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 176 Beiträge
Wins 08.11.2007
In Japan 2003 hatten wir uns im Studium kennengelernt. Meine Freundin kam aus Neuseeland (kommt aber aus Hongkong) und ich aus Deutschland zum Studium nach Japan fuer ein ganzes Jahr. 2004 mussten wir dann zurueck in unsere [...]
In Japan 2003 hatten wir uns im Studium kennengelernt. Meine Freundin kam aus Neuseeland (kommt aber aus Hongkong) und ich aus Deutschland zum Studium nach Japan fuer ein ganzes Jahr. 2004 mussten wir dann zurueck in unsere Laender und dies bedeutete fuer uns 23500 km voneinander entfernt. In den Semesterferien haben wir uns dann immer besucht. Eine Reise dauerte mehr als 50 Stunden. Alles Geld haben wir in die Fluege gesteckt und dann einfach die Zeit zusammen genossen. Die Beziehung war auch einmal gebrochen aber nur fuer wenige Wochen. Sonst haben wir uns der Zeitverschiebung angepasst und viel vor der Webcam gesessen. 2005 hatten wir beide unser Studium beendet. Meine Freundin ging zurueck nach Hongkong und ich bin direkt nach Hongkong gefolgt. Einfach in den Flieger gesetzt und in HK auf Jobsuche gegangen. Die Suche war auch erfolgreich und nun wohnen wir endlich zusammen in Hongkong. Dies war die kurze Version :) Also wenn die Liebe stark genug ist, dann kann auch diese nicht durch Welten getrennt werden.
thomas21de 08.11.2007
Hi, ich selber habe eine Fernbeziehung seit fast sieben Jahren. Damals hatte ich nach meinem Abitur den Schritt unternommen ein Jahr ins Ausland zu gehen. Das war 2001, kurz vor dem 11 September entschied ich mich fuer ein Jahr [...]
Hi, ich selber habe eine Fernbeziehung seit fast sieben Jahren. Damals hatte ich nach meinem Abitur den Schritt unternommen ein Jahr ins Ausland zu gehen. Das war 2001, kurz vor dem 11 September entschied ich mich fuer ein Jahr als Au pair in die USA gehen zu wollen. Ich lernte damals meine Nachbarin kennen, bei der sich spaeter herausstellte, das es meine Freundin werden wuerde. Alles lief super, bis irgendwann mein Jahr vorueber war und ich meine Koffer packen musste. Der Abschied war sehr schwer, aber wir hatten uns entschieden es zu versuchen laenger zusammen zu bleiben. Ich selber fing mein Studium an. Dank der "Semesterferien" war ich im Stande jedesmal in die USA zu fliegen (Denver). Natuerlich hatte das zur Folge, das ich zum Ende der Semesterferien meinen Flug um weitere zwei bis drei Wochen nach hinten verschieben mussste um etwas laenger mit meiner Freund sein zu koennen. Meine Freunde in Deutschland konnten mir aber jedesmal aushelfen, indem ich ihre Notizen kopieren konnte. Zwar wurde es immer stressig die ersten Tage in der Uni, weil alles nachgearbeitet werden musste, aber irgendwann hatte man sich daran gewoehnt :). Jetzt bin ich wieder in Denver, diesmal aber nicht fuer zwei-drei Monate, sondern sage und schreibe 8 Monate als Student :):). Mein Tipp noch an alle, hoert nicht auf eure Freunde wenn die sagen : Das klappt sowieso nicht !.....:) So, jetzt muss ich schlafen gehen, jute nacht :), oder guten morgen Deutschland.
zoddy 08.11.2007
Ich lebe jetzt seit etwa einem Jahr mit meiner Freundin, die einst 680km entfernt wohnte, glücklich zusammen. Ich bin über ein Jahr lang jedes Wochenende zu ihr gefahren. Diese Zeit war sehr schön, aber zugleich auch ungemein [...]
Ich lebe jetzt seit etwa einem Jahr mit meiner Freundin, die einst 680km entfernt wohnte, glücklich zusammen. Ich bin über ein Jahr lang jedes Wochenende zu ihr gefahren. Diese Zeit war sehr schön, aber zugleich auch ungemein belastend. Man hat plötzlich keine Zeit mehr, am Wochenende den gewohnten Tätigkeiten nachzugehen, die Freunde stehen hinten an. Man richtet sein Leben so aufs Wochenende aus, dass man schon am Montag wieder an den Freitag denkt. Es ist alles andere als einfach, eine Fernbeziehung zu führen. Natürlich bietet es auch Vorteile. Unter der Woche führt man ein absolut normales Leben. Das Leben selbst hat sich unter der Woche nicht geändert, bis zum Tag der Abreise. Ich habe die Strecken mit dem Auto zurückgelegt und innerhalb eines Jahres gut zwei Sätze Reifen gebraucht, von den Spritkosten will ich gar nicht erst anfangen. An die 100000 Kilometer fordern eben ihren Tribut... Ich würde mich nicht mehr freiwillig in die Situation begeben, da der Abschied am Sonntag und die Teils endlosen Arbeitswochen doch sehr auf das Gemüt gedrückt haben. Wir sind beide begeisterte Anhänger des Online-RPGs World of Warcraft, über selbiges haben wir uns kennen gelernt. Ich kannte sie bereits mehrere Monate übers Internet, bevor wir uns überhaupt getroffen haben. Der einzige Vorteil, den ich der Fernbeziehung abgewinnen konnte, ist, dass die Beziehung durch die nur kurzen gemeinsamen Zeiten immer so bleibt, wie eine Beziehung in den ersten vier Wochen. Das ist sehr schön, dennoch sollte sich kein Paar dazu entscheiden, zusammenzuziehen, bevor man sich nicht mindestens einen Monat "Life" erlebt hat. Sowas könnte böse enden. Wichtig für Personen in dieser Lage finde ich auf jeden Fall, dass man sich ein Ziel setzt. Das Ziel Zusammenziehen. Auf Dauer brauchen beide etwas, woran sie sich in den harten Stunden der Einsamkeit festhalten können. Und ganz ehrlich, eine dauerhafte Fernbeziehung sägt sehr an den Nerven und ich glaube nicht, dass wir heute noch zusammen wären, wenn wir nicht zusammengezogen wären. Ich wünsche allen, die ähnliches durchmachen, viel Erfolg und ein Happy End. Grüße Zoddy
torgum 08.11.2007
ne Menge hält man aus... ob's schön ist, ist die andere Frage. Wir hatten 3 Jahre mit ca. 600 km. Das war hart (und teuer), aber es hat uns stark gemacht. Ich gönne es aber niemandem. Es ist nicht schön und macht viel durch. Es [...]
ne Menge hält man aus... ob's schön ist, ist die andere Frage. Wir hatten 3 Jahre mit ca. 600 km. Das war hart (und teuer), aber es hat uns stark gemacht. Ich gönne es aber niemandem. Es ist nicht schön und macht viel durch. Es sind mehr Tränen, als das in einer Beziehung sein muss.
Padderie 08.11.2007
aus eigener Erfahrung: so einiges ;-)
aus eigener Erfahrung: so einiges ;-)
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik WunderBAR
alles zum Thema Reisen per Bahn

© SPIEGEL special 1/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH






Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...




TOP



TOP