Von Sandra Schulz
Jan, im Wagen 23, Platz 39, legt das Buch beiseite und sagt, er habe in Berlin so eine große Aufgabe, dass er froh sei, bis Freitag keine Frau dabeizuhaben, die ständig frage: Es ist 18 Uhr, wo bleibst du denn? Es sei einfach ziemlich cool, dass er bis 22 Uhr arbeiten könne. Aber, sagt Jan, eine Frau brauche natürlich Ziele. "Mit einer Fernbeziehung kannst du eine Frau langfristig schwer abspeisen." Acht Jahre lang wohnten seine Freundin und er, Süße und Süßer, in verschiedenen Städten.
Erst hatten sie Siegen-Hamburg, dann Regensburg-Hamburg, dann kurz Hamburg-Hamburg, bis er wieder fortzog, dieses Mal nach Berlin. Sie blieb die ganze Zeit in Hamburg. Sie stelle die Beziehung hinter seine Karriere zurück, sagt Jan. "Nur, das ist natürlich nicht nachhaltig." Seit Jans letztem Umzug nährt die Distanz ihren Zweifel an seiner Liebe. Denn die Fernbeziehung dokumentiert zugleich die Entscheidung gegen dich, sie offenbart Prioritäten. Die Kränkung, dass der andere freiwillig auf Nähe verzichtet, ist nur durch einen guten Grund zu ertragen.
Ja, sagt Jan, er habe schon mal an Hochzeit gedacht, aber heiraten als "Bindungsmittel in der Fernbeziehung", das sei dann doch zu "freakig". Beruflich habe er sich verbessert, größere Kunden, mehr Verantwortung, persönlich aber sei die Fernbeziehung ein Rückschritt. "Es ist zeitaufwendig, es ist teurer", doch die Frage nach dem Preis der Fahrkarte darf man nicht laut stellen, denn sie wird zur Frage, wie viel die Liebe einem wert ist. Darf man an der Liebe sparen? Und schätzt einer, der verinnerlicht hat, dass Wert an Leistung gekoppelt ist, etwas wert, das man nicht erreicht hat? Das einem geschenkt wird wie die Liebe?
Es ist paradox: Kaum eine Hochzeit heute ohne Taube, Kutsche, Wunderkerze, die Überhöhung der Liebe findet ihren Ausdruck im Hochzeitsfest. Doch gerade diese Überhöhung, der Glaube, dass die Liebe stark genug ist, jede Distanz zu überbrücken, impliziert ihr Verhängnis: den Glauben, dass die Liebe, die an Banalitäten scheitert, es ohnehin nicht wert gewesen ist. Und gibt es Banaleres, als mal eben in den ICE zu steigen?
Jan sagt, er habe Schiss, dass seine Freundin irgendwann die Reißleine ziehe und sage: Ich will jetzt einen Typen, auf den ich mich verlassen kann, der immer da ist. Aber solange fährt er weiter, denn sonst wäre "die Karriere nach obenhin gedeckelt". Vielleicht geht er für seinen Job sogar noch nach Irland. Jeanette findet, Fernbeziehung sei wie Tiefkühltruhe. Alles halte länger frisch. In Hamburg brauche sie kein Telefon, keine Uhr, sie lebe dann nur mit ihm, wie unter einer Glocke, in diesem "herrlichen Vakuum". Stefan möchte bei seiner letzten Bahnfahrt zum ersten Mal im Speisewagen essen, geschmorte Rinderschulter mit Steckrüben, dazu einen Rotwein. Susanne wird wohl kündigen. Sie will sich entscheiden, für die Liebe und für die Arbeitslosigkeit. Sie ist mittlerweile allergisch gegen Züge.
"In wenigen Minuten erreichen wir Berlin-Hauptbahnhof. Dieser Zug ist leider 15 Minuten verspätet. Wir wünschen Ihnen ein schönes Wochenende."
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