Von Sandra Schulz
Er steht hinter der verspiegelten Scheibe, er kann sie nicht genau sehen, sie wirft ihren Mantel auf den Sitz, drängt wieder zur Tür, dem Strom der Rollkoffer entgegen, die Tür schließt, der Zug fährt, er steht da auf dem Bahnsteig, groß, im Polohemd, sie will ihm simsen, das, was sie sich immer simsen, vermiss dich jetzt schon, oft simsen sie gleichzeitig, sofort nach dem Abschied, aber dann ist es so, wie es ständig ist: kein Empfang.
"Meine Damen und Herren, wenn Sie Lust auf einen kleinen Snack haben oder einfach etwas trinken möchten, freuen wir uns auf Ihren Besuch in unserem Bordtreff."
Jeanette, 32, blond, Juristin, Wagen 24, Platz 36, hat ihren Freund auf dem Bahnsteig stehenlassen, nun sitzt sie im Zug von Hamburg nach Berlin, Abfahrt 20.23 Uhr. Auch Jan, 32, grauer Kapuzenpulli, Marketing-Mann bei Google, ist an Bord an diesem Sonntagabend. Stefan dagegen, 28, schmal, Lehrer für Deutsch und Latein, fährt immer freitags nach Berlin. Dorthin, wo Susanne, 30, braunhaarig, Übersetzerin, Wagen 5, Platz 77, an einem Sonntag um 16.27 Uhr eingestiegen ist, um nach Hamburg zurückzukehren.
Sie alle sind auf dem Weg von der Liebe zur Arbeit und von der Arbeit zur Liebe, quer durch Deutschland, im Großraumwagen.
Jan sagt: "Es gibt immer heftige Weinanfälle, wenn wir uns trennen."
Jedes Mal, wenn du fährst?
Jan: "Ja, gerade eben wieder."
Weinst du auch?
Jan: "Ich weine innerlich, vielleicht."
"Ladies and Gentlemen, Bordtreff is located in coach 25 ..."
Jeanette, Jan, Stefan und Susanne sind vier, die sich auskennen mit Pendler-Herzschmerz. Sie erkennen einander schon auf dem Bahnsteig, bei der Abfahrt die Küsse bis zur Trillerpfeife, bei der Ankunft die Wartenden, die auf und ab laufen, bis sich aus der Menge jener Mensch löst, für den man sich eben noch kämmte am Gleis. Sie wissen, wann die Entfernung über die Liebe siegt und wann die Nähe.
Die Fernbeziehung ist die Beziehung meiner Generation, in meinem Freundeskreis hat jeder mindestens eine gelebt, genossen und erlitten, auch ich kenne mich aus mit Fernfreuden und Distanzschmerzen. 52 Prozent der Deutschen zwischen 20 und 35 Jahren sagen in der aktuellen SPIEGEL-Umfrage, sie hätten schon einmal eine Fernbeziehung geführt. Fernbeziehung ist private Planwirtschaft durch Marktwirtschaft, Liebe nach Terminkalender, ist Kompromiss zwischen Karriere und Liebe. Jeder entscheidet sich zunächst mal für sich, für die Ausbildung, die zu mir passt, die Arbeit, die zu mir passt, die Stadt, die zu mir passt, und die Liebe hat sich zu fügen.
Engel und Engel und die Ekstase
Die ersten Wochen, erzählt Jeanette und steckt den Ipod wieder ein, hätten sie jede Nacht bis um zwei telefoniert. Um neun Uhr abends ging es los, Lautsprecher an, und dann "lief alles parallel", telefonieren und kochen, telefonieren und Geschirr ausräumen, telefonieren und Zähne putzen. Einmal hat sie telefoniert und geschlafen. Das, sagt Jeanette, werfe er ihr noch heute vor, trotz Flatrate. Zu Ostern hat sie von ihm eine Webcam bekommen. Jetzt hängt sie jedes neue T-Shirt vor den Laptop in Berlin, und er läuft mit dem Rechner durch die Hamburger Wohnung und zeigt ihr das Chaos während des Staatsexamens, mein schmutziges Geschirr, meine Wäsche. In der Fernbeziehung läuft das Leben doppelt, in Echtzeit und als Nacherzählung.
Seit sechs Monaten pendeln sie jetzt, Engel und Engel, nach dem dritten Wochenende hat sie gesagt, man könne ja mal die Zahnbürste dalassen, er zögerte, sie also die Zahnbürste wieder eingepackt, "schon aus Prinzip". Das nächste Mal, als sie ihn in Hamburg besuchte, hatte er eine Schublade für sie freigeräumt, und im Bad klebten zwei Zahnbürstenhalter an den Fliesen, der Liebesbeweis qua Saugnapf. Mittlerweile hat er mehr Sachen in ihrem Bad stehen als sie selbst, Rasierschaum, Duschgel, Badelatschen. Ihre Freundin nennt es "Revier markieren".
Irgendwann meinte er, wenn er schon nach Berlin komme, müsse sie auch den roten Teppich ausrollen, also besorgte sie sich rote Auslegware und drapierte sie im Flur. Ein Wochenende später in Hamburg sah sie ein Schlafzimmer voller Rosenblätter, davor ein Absperrband aus dem Baumarkt und das Schild: Sperrzone. Schließlich hatte sie gesagt, man müsse sich auch mal unterhalten. Jeanette spricht von "komprimiertem Sex", sechsmal am Wochenende, wenn man das auf die Woche rechne, sei das wahrscheinlich nicht mehr, als andere auch hätten, oder? Vielleicht ist es bei Jeanette mit dem Sex so wie mit dem Gefühl. Die Distanz verdichtet die Liebe, sie konserviert das Gefühl von Verliebtheit. Fernbeziehung verhindert, dass du täglich in die Kuschelfalle läufst. Fernbeziehung lässt dich immer hungrig zurück.
Schon ihre erste große Liebe war eine Fernbeziehung, er 16, sie 17, beide Austauschschüler in den USA. Beim zehnjährigen Jubiläum trafen sie sich wieder und starteten die zweite Fernbeziehung, irgendwann zog sie zu ihm in "dieses furchtbare Kaff im Osten", doch ihre erste gemeinsame Wohnung war im Haus seiner Eltern, und statt Fahrradtouren und Skifahren grillte man im Garten und wusch sonntags das Auto, und Jeanette stellte fest: Mutti bügelt seine Hemden. Schock durch Nähe, keine Liebe kommt ohne Projektion aus, aber keine Liebe eignet sich so perfekt für Projektion wie die Fernbeziehung. In jeder SMS liest man den Prinzen, aber vielleicht sitzen in den Zügen lauter Frösche, die nur Frösche sind.
Jeanettes Freund musste dann für eine Schulung nach Düsseldorf, jetzt hockte er also in ihrer Heimatstadt und sie in seiner, in Düsseldorf lernte er dann eine Frau aus Frankfurt kennen und betrog Jeanette, die aber erfuhr davon erst, als sie schon in London lebte, und dann war es auf einmal ganz schnell vorbei.
Jeanettes beste Freundin macht gerade Düsseldorf-Oxford, ihre Cousine probiert Tansania-Bochum. Alle ihre Freundinnen, sagt Jeanette, seien sehr selbständig, und natürlich behielten alle ihren Job. Fernbeziehung ist die Konsequenz der Emanzipation.
"Meine Damen und Herren, wir werden unsere Fahrt in Kürze fortsetzen. Wir bitten um etwas Geduld."
Schatz und Schatz und der Sex
Das erste Kind, sagt Stefan und klappt seinen Laptop zu, sei "das Produkt eines Acht-Wochen-Urlaubs nach dem Abi", das zweite kam während des Studiums, und wenn er jetzt freitagabends in die Berliner Wohnung kommt, gibt es zwei Varianten. Die erste: "Chaotisch, Kinderwahn, Woche scheiße, du weißt: Es gibt viel zu tun am Wochenende", die zweite: "Uroma war gestern noch zum Putzen da, Kerzen brennen, Frau schick angezogen."
Hat sich deine Frau früher auch schick gemacht fürs Abendessen mit dir? Als ihr noch in einer Stadt wohntet?
Stefan: "Nee, seltener."
Jeder Besuch ist die Chance auf Neuinszenierung. Er selbst sieht zu, dass er freitags frisch geduscht und frisch rasiert in den ICE steigt und "dass man nicht gerade die letzte Unterhose anhat". Auch wenn es dann meist Samstagmorgen wird bis zum Sex, wenn die Söhne "SimsalaGrimm" gucken. Monatelang hat er seinen Marathon-Turnbeutel von Hamburg nach Berlin geschleppt und wieder zurück, darin alles, was immer dabei sein muss: Rasierapparat, Handy-Ladekabel und das Geschenk von ihr, ein Sex-Ratgeber.
Sie sind zusammen, seit sie 17 sind, Schatz und Schatz, sie lebten bei ihren Eltern, bis sie selbst Eltern wurden, in Berlin wohnen sie zu viert in einer 2,5-Zimmer-Wohnung, das halbe Zimmer ist ihr Schlafzimmer. Er wäre gern mal ins Ausland gegangen, jetzt ist es wenigstens das Referendariat in Hamburg.
In der Fernbeziehung brauchst du entweder Vertrauen oder Fatalismus. Die Frage ist also: Seid ihr eifersüchtig?
Stefan: "Sie hätte kein Problem, wenn ich eine Affäre hätte."
Es sei, sagt er, dieser Klassiker: Seit über zehn Jahren zusammen, und man weiß nicht, ob du dich in zehn Jahren fragst: Hast du etwas verpasst? Also sei man "übereingekommen": Dann probier's halt aus.
"Ich hab's jetzt nicht darauf angelegt", sagt Stefan, auch wenn die Distanz ihrer Liebe mehr Freiheit gab. Eigentlich saß er doch nur allein am Hamburger Schreibtisch - zwischen seinen zwei Berliner Tassen, der Bettdecke in Übergröße und den paar Kakteen - und arbeitete und twitterte und spielte Didgeridoo. Gelohnt hat sich die Zeit allein in Hamburg trotzdem. Er kann jetzt Kartoffeln schälen. Die Fernehe war Sauerstoffzufuhr. Vielleicht wollen sie noch ein drittes Kind.
Maus und Swurf und das Drama
Jede Generation führt ihren Kampf mit der Liebe. Um die Liebesheirat, um die sexuelle Befreiung, um die Gleichberechtigung in der Partnerschaft, um so viel wurde schon gekämpft. Jetzt geht es um Arbeit und Liebe und darum, ob der ICE zur Versöhnung von Arbeit und Liebe beiträgt. In der Fernbeziehung manifestiert sich der Wunsch einer Generation, sich so lange wie möglich alle Optionen offenzuhalten, und kaum jemand war darin so gut wie Susanne und ihr Freund. Nie waren sich die beiden so nah wie im Ausland. Zur Halbzeit des Studiums trafen sie sich in England, ein halbes Jahr lang trennten sie nur 46 Kilometer, in Deutschland waren es über 300. Zwar wäre sie lieber nach Kanada gegangen, aber nach England konnten sie beide.
War das typisch für euch, dass du den Kompromiss eingegangen bist?
Susanne: "Ja. Ich habe auch das Gefühl, dass ich mehr gefahren bin."
Der Rhythmus der gegenseitigen Besuche wurde zum Sehnsuchtsbarometer, die Anreise zum Liebesbeweis. Jahrelang fuhr Susanne alle paar Wochen von Düsseldorf nach Karlsruhe, denn beide wollten ihr Fach nur in diesen Städten studieren, und keiner sollte hinterher, sollte die Beziehung scheitern, sagen: Ich bin wegen dir hier, du hast mir mein Leben versaut.
Natürlich dachte Susanne, er käme dann nach dem Studium zu ihr. Aber stattdessen ging er zur Promotion nach Cottbus. Düsseldorf mochte er ohnehin nicht. Susanne sagt: "Vielleicht hätte ich da schon merken können, dass ich ihm nicht so wichtig bin, dass er etwas für mich aufgeben würde." Nach Cottbus brauchte sie jedes Mal sieben, acht Stunden. Sie selbst aber wäre auch nicht nach Cottbus gezogen. Wenn schon, dann nach Berlin.
Also lernte Susanne, welche Vorwahl zu welcher Stunde die billigste ist. Sie telefonierten immer vor dem Einschlafen; auch die Fernbeziehung sucht den Trost des Rituals. Jeden Abend philosophierten sie, "wo es so hingehen soll".
Und wohin sollte es gehen?
Susanne: "Wir wussten es beide nicht - was vielleicht auch der Grund war, warum wir zusammen waren."
So viele andere Gründe gab es wohl wirklich nicht, außer natürlich, dass sie glaubten, dass sie sich liebten. Es fing schon bei den Möbeln an. Sie mochte Kiefer, er war eher der "Leder-Schwarzweiß-Typ", deswegen fühlte sie sich auch nie bei ihm zu Hause. Die Möbel offenbarten das Dilemma jeder Fernbeziehung: Der andere ist Gast, genau das darf er nicht sein. Schlimmer noch: Die Erwartung erdrückt das Wochenende. Das Wochenende muss mehr leisten, als zwei Tage es können. Es muss Erlebnisse nachholen und Vorrat anlegen.
Das Schönste? Abschied und Wiedersehen?
Das Schönste an der Fernbeziehung sind Abschied und Wiedersehen. In diesen Momenten wird man zum Hauptdarsteller seines eigenen Films. Kein Ort, der besser geeignet wäre für großes Kino als der Bahnhof. Nur, dass manche schlechte Hauptdarsteller sind.
Das Wiedersehen war jedenfalls anders als in Susannes Phantasie. Es ging immer gleich zum Parkplatz. Und die Wochenenden liefen immer gleich: Sie kochte gern, er nicht, also gab es Tomaten und Mozzarella. Sie ging gern spazieren, er nicht, also schauten sie fern. Sie ging gern ins Theater, er interessierte sich für Autos, also guckten sie Formel 1. Susanne sagt: "Ich habe mir mein Leben so eingerichtet, dass ich am Wochenende so k. o. war, dass ich ganz gern bei ihm zu Hause blieb." Nur beim Getränk waren sie sich einig. Zum Fernsehen gab es immer Wodka-Redbull.
Sieben Jahre ging das so, montags bis freitags Leben Nummer eins, ein Leben, sagt Susanne, das mit ihm niemals gegangen wäre, zwischendurch Leben Nummer zwei, die Samstag-Sonntag-Symbiose. Die Bahnfahrt war die Passage von einem Leben zum anderen. Die Erkenntnis, dass es nicht passte, verblasste mit jedem zurückgelegten Kilometer. Fernbeziehung fordert jedes Mal die kleine Entscheidung für den anderen, und doch zögert sie die eine große Entscheidung hinaus: Will ich mit dir leben?
Irgendwann verliebte er sich in Cottbus, und sie fragte sich, ob die andere einfach einen Standortvorteil hatte. Wäre sie jetzt da, könnte die andere ihn abends nicht treffen, wäre sie jetzt da, würde sie selbst ans Telefon gehen. Aber Susanne war nicht da, sie war die unsichtbare Dritte - und bald nicht mal mehr das. "Für Trennungen", sagt Susanne, "sind Fernbeziehungen gut geeignet." Kein Alltag, in dem er fehlte, keine gemeinsamen Orte, die Erinnerungen auslösten, kein tränenreicher Austausch von Küchengeräten.
Fluch der Fernbeziehung: Beide Orte sind kein Zuhause
Ihr nächster Freund, wieder eine Fernbeziehung, musste immer fahren, sie empfing ihn in Frankreich bei der Arbeit. Zwar blieb sie länger als geplant, weil sie es "für die Sprache brauchte", aber nach einem Jahr zog sie zurück nach Düsseldorf in seine Wohnung, und alles war "einfach nur schön", zu Haus bei "Swurf" und "Maus". Bis zur Krise.
Drei Tage vor Ablauf der Probezeit erzählte ihr der Chef, ihre Filiale in Düsseldorf müsse jetzt schließen, wegen der Finanzkrise. Er sagte, sie könne in Hamburg oder Frankfurt arbeiten, und sie dachte sofort: Das mache ich nicht.
Ihr Chef sagte, er verstehe, dass dies eine starke persönliche Belastung für sie sei, aber die Kollegin habe das auch fünf Jahre lang gemacht, er sagte, sie alle müssten jetzt investieren und zusammenrücken. Und natürlich hat Susanne dann gesagt, das verstehe sie auch. Seit zwei Wochen pendelt sie nun doch zwischen Düsseldorf und Hamburg. Wie lange sie dort bleibt, weiß sie nicht. Der Chef sagt nur: "So lange, bis es wieder besser wird." Vielleicht schickt er sie noch nach Frankfurt.
Susanne sagt, sie wolle keine Fernbeziehung mehr. Sie war zum Schulaustausch in Kanada, zum Sprachkurs in Spanien, zum Studieren in England, zum Praktikum in Mexiko und zum Arbeiten in Frankreich. Sie sagt, sie wolle endlich einen Ort haben, wo sie zu Hause ist, und keine zwei Leben mehr, jetzt, wo sogar die Möbel zusammenpassen. Der Fluch der Fernbeziehung ist, dass am Ende beide Orte, die einsame Schlafstätte nach der Arbeit und die gemeinsame Wohnung mit Doppelbett, die Qualität des Zuhauses verlieren.
Jahrelang war die Fernbeziehung für Susanne zu ertragen, denn sie war Konsequenz der eigenen Entscheidungen. Unerträglich ist sie erst, seitdem der Arbeitgeber über die Liebe verfügt.
Rollender Imbiss, auf dem Weg nach Berlin: "Der Herr?"
Süße und Süßer und die Reißleine
Jan, im Wagen 23, Platz 39, legt das Buch beiseite und sagt, er habe in Berlin so eine große Aufgabe, dass er froh sei, bis Freitag keine Frau dabeizuhaben, die ständig frage: Es ist 18 Uhr, wo bleibst du denn? Es sei einfach ziemlich cool, dass er bis 22 Uhr arbeiten könne. Aber, sagt Jan, eine Frau brauche natürlich Ziele. "Mit einer Fernbeziehung kannst du eine Frau langfristig schwer abspeisen." Acht Jahre lang wohnten seine Freundin und er, Süße und Süßer, in verschiedenen Städten.
Erst hatten sie Siegen-Hamburg, dann Regensburg-Hamburg, dann kurz Hamburg-Hamburg, bis er wieder fortzog, dieses Mal nach Berlin. Sie blieb die ganze Zeit in Hamburg. Sie stelle die Beziehung hinter seine Karriere zurück, sagt Jan. "Nur, das ist natürlich nicht nachhaltig." Seit Jans letztem Umzug nährt die Distanz ihren Zweifel an seiner Liebe. Denn die Fernbeziehung dokumentiert zugleich die Entscheidung gegen dich, sie offenbart Prioritäten. Die Kränkung, dass der andere freiwillig auf Nähe verzichtet, ist nur durch einen guten Grund zu ertragen.
Ja, sagt Jan, er habe schon mal an Hochzeit gedacht, aber heiraten als "Bindungsmittel in der Fernbeziehung", das sei dann doch zu "freakig". Beruflich habe er sich verbessert, größere Kunden, mehr Verantwortung, persönlich aber sei die Fernbeziehung ein Rückschritt. "Es ist zeitaufwendig, es ist teurer", doch die Frage nach dem Preis der Fahrkarte darf man nicht laut stellen, denn sie wird zur Frage, wie viel die Liebe einem wert ist. Darf man an der Liebe sparen? Und schätzt einer, der verinnerlicht hat, dass Wert an Leistung gekoppelt ist, etwas wert, das man nicht erreicht hat? Das einem geschenkt wird wie die Liebe?
Es ist paradox: Kaum eine Hochzeit heute ohne Taube, Kutsche, Wunderkerze, die Überhöhung der Liebe findet ihren Ausdruck im Hochzeitsfest. Doch gerade diese Überhöhung, der Glaube, dass die Liebe stark genug ist, jede Distanz zu überbrücken, impliziert ihr Verhängnis: den Glauben, dass die Liebe, die an Banalitäten scheitert, es ohnehin nicht wert gewesen ist. Und gibt es Banaleres, als mal eben in den ICE zu steigen?
Jan sagt, er habe Schiss, dass seine Freundin irgendwann die Reißleine ziehe und sage: Ich will jetzt einen Typen, auf den ich mich verlassen kann, der immer da ist. Aber solange fährt er weiter, denn sonst wäre "die Karriere nach obenhin gedeckelt". Vielleicht geht er für seinen Job sogar noch nach Irland. Jeanette findet, Fernbeziehung sei wie Tiefkühltruhe. Alles halte länger frisch. In Hamburg brauche sie kein Telefon, keine Uhr, sie lebe dann nur mit ihm, wie unter einer Glocke, in diesem "herrlichen Vakuum". Stefan möchte bei seiner letzten Bahnfahrt zum ersten Mal im Speisewagen essen, geschmorte Rinderschulter mit Steckrüben, dazu einen Rotwein. Susanne wird wohl kündigen. Sie will sich entscheiden, für die Liebe und für die Arbeitslosigkeit. Sie ist mittlerweile allergisch gegen Züge.
"In wenigen Minuten erreichen wir Berlin-Hauptbahnhof. Dieser Zug ist leider 15 Minuten verspätet. Wir wünschen Ihnen ein schönes Wochenende."
© SPIEGEL special 1/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH