Russland: Endstation Psychiatrie

Wladimir Makanins großer Gegenwartsroman "Underground oder Ein Held unserer Zeit" lotet die soziale und geistige Wirklichkeit des postkommunistischen Russland aus.

Im Titel ist der hohe Anspruch dieses Buches schon angedeutet: Es geht hier um ein umfassendes Bild der sozialen, ökonomischen und vor allem geistigen Situation der Nachwendezeit der neunziger Jahre, um ein tief schürfendes Nachdenken über Russland und die Russen.

Der Titelheld und Ich-Erzähler Petrowitsch ist ein Schriftsteller, der unter den Zensurbedingungen der Sowjet-Ära im literarischen "Underground" hohes Ansehen genoss und sich nun als Hüter fremder Wohnungen in einem riesigen, zu einem normalen Wohnhaus umgebauten ehemaligen Wohnheim durchschlägt. Der unbehauste, ungebundene, alle materiellen Güter verachtende Poet verzichtet auch nach der Wende - anders als viele seiner alten Freunde aus der inoffiziellen Kunst- oder Dissidentenszene - darauf, seine Texte zu veröffentlichen und Karriere zu machen. Er lebt allein dafür, seine absolute innere Unabhängigkeit, sein autonomes "Ich", gegenüber den Ansprüchen von jeder Seite zu bewahren.

In dieser radikalen Außenseiterhaltung reagiert der durchaus sympathische, sich immer wieder für Erniedrigte und Beleidigte einsetzende Individualist auf den geringsten Angriff gegen seine Person mit rasender Aggressivität - und wird deshalb zweimal zum Mörder. Als die Privatisierung des Wohnraums beginnt, der erbitterte Kampf um jeden Quadratmeter Eigentum, wird der geächtete Habenichts aus dem Heim hinausgeekelt, landet im Obdachlosenasyl und - nach einem Nervenzusammenbruch infolge seiner verdrängten Gewissensqualen - im Irrenhaus. Hier lebt schon seit 20 Jahren sein Bruder, der einst geniale Maler Wenja, dessen eigenwillige, aufrührerische Persönlichkeit, sein "hochmütiges Löwenherz", im Duell mit dem sowjetischen System von willfährigen Psychiatern gebrochen wurde.

Der Roman ist ein Gang durch die Hölle der sozialen Niederungen von heute. In naturalistischen Milieustudien werden die unterschiedlichsten Menschen der postsowjetischen Gesellschaft in ihrer Armseligkeit und Erniedrigung, ihrem zähen Überlebenskampf und ihrer Anpassungsbereitschaft gezeigt. Aber auch die Gewinner der Wende, die auf der Welle der Veränderung reiten, sind präsent: die neurussischen "Bisnesmeny", die dümmlich-begeisterten, ehrlichen Demokraten und die ehemaligen Untergrundautoren, die nun als Verlagsleiter Einfluss und Ansehen genießen.

Schriftsteller Makanin: Hochmütiges Löwenherz

Schriftsteller Makanin: Hochmütiges Löwenherz

Das Wohnheim mit dem Labyrinth seiner endlosen Gänge und dunklen Korridore, der Gesichtslosigkeit seiner Bewohner, dem Hass gegen Fremde, den wilden Besäufnissen, der Auswechselbarkeit der Sexualpartner wird zum universalen Sinnbild für das sowjetische und postsowjetische Alltagsleben. Und die Klapsmühle, in der die Menschen in ihren grauen Krankenhauskitteln mit Medikamenten zu willenlosen Kreaturen herabgewürdigt werden, stellt letztlich nur die extreme Zuspitzung des Wohnheimprinzips dar, das die Persönlichkeit zerstört.

Der titelstiftende kulturelle "Underground", der dem entgegengestellt wird, verkörpert das Unterbewusstsein Russlands - die verschiedenen Lesarten des Abweichlertums. Petrowitsch, der sich dem kollektivistischen Anpassungsmodell nie unterworfen hat, wählt den rigorosen Individualismus, das Prinzip der Freiheit. Jedoch ist Freiheit für ihn nur als Totalverweigerung lebbar, die ihn zum Outcast und sogar Verbrecher macht.

Autor Wladimir Makanin, Jahrgang 1937, lebt seit Ende der sechziger Jahre als Schriftsteller in Moskau. Die einheimische Kritik war sich über die herausragende Bedeutung des Buches einig, als "Underground oder Ein Held unserer Zeit" 1998 auf Russisch erschien. Der Titel verweist mit seiner Anspielung auf Michail Lermontows berühmten Roman "Ein Held unserer Zeit" auf den anderen großen Reiz dieses Buches - auf das virtuose, häufig durchaus auch komische Spiel mit den literarischen und kulturellen Schlüsseltexten des russischen Denkens: mit Dostojewskis Untergrundmenschen ("Aufzeichnungen aus dem Kellerloch") und mit dem Mörder Raskolnikow ("Verbrechen und Strafe"), mit Puschkin und Solschenizyn, mit Malewitschs "Schwarzem Quadrat" und Jerofejews Kultroman "Die Reise nach Petuschki" und vielem anderen. Die literarische Vielstimmigkeit gibt dem Roman eine philosophische Tiefendimension, die die Lektüre zu einem großen intellektuellen Vergnügen macht.

Die bittere Bilanz ist freilich, dass die hohen sittlichen Werte, die das Wesen der klassischen russischen Literatur ausgemacht haben, in der heutigen, immer noch von sowjetischen Denk- und Verhaltensmustern geprägten Welt nicht mehr funktionieren.

Menschliche Würde bewahrt allein der besiegte Leidende, der im letzten Satz des Romans zur Hoffnungsgestalt für Russland wird: Wenja, den Petrowitsch für einen Tag aus dem Irrenhaus geholt hatte und den er besudelt und auf allen vieren kriechend dorthin zurückbringt.

"Er richtete sich sogar auf, stolz, für diesen einen Augenblick - das russische Genie, durch Prügel abgestumpft, erniedrigt, blau gestoßen, in der Scheiße, und trotzdem - stoßt mich nicht, ich gehe selbst!"

KARLA HIELSCHER


Wladimir Makanin: "Underground oder Ein Held unserer Zeit"
Aus dem Russischen von Annelore Nitschke. Mit einem Nachwort von Dagmar Burkhart. Luchterhand Literaturverlag, München; 704 Seiten; 25 Euro

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