Wunder Gehirn Leben ohne links

Seit zwölf Jahren lebt Philipp Dörr mit einem halben Großhirn. Trotzdem spielt er Schach, liest Goethe und taucht ­ ein verblüffendes Beispiel für die Wandlungsfähigkeit des Denkorgans.


Als Philipp Dörr aus der Narkose aufwachte, war links aus seinem Leben verschwunden. Unvermittelt standen die Krankenschwestern, die von links in sein Zimmer traten, vor seinem Bett. "Sie waren aufgetaucht wie aus dem Nichts", erinnert sich Philipp. Seine Eltern banden ihm eine Uhr ums linke Handgelenk und fragten ihn nach der Zeit. "Woher soll ich das wissen?", antwortete er genervt.

Links war nicht nur einfach weg. Philipp vermisste diese Hälfte nicht einmal. Dass sein linker Arm steif und unbeweglich von der Schulter baumelte, kümmerte ihn ebenso wenig wie sein regloses linkes Bein.

Nach seiner Entlassung kegelte er im Supermarkt von den Regalen auf der unsichtbaren Seite seiner Welt alles zu Boden. "Es war, als gäbe es eine vierte, unsichtbare Dimension", erinnert sich der inzwischen 23-Jährige.

Damals, als die Ärzte ihm den Schädel öffneten, war Philipp gerade elf. Mehrere lange Narben auf der rechten Seite seines kahlrasierten Kopfes blieben zurück. Lange Zeit trauten sich seine Eltern nicht, ihm die Wahrheit darüber zu sagen, was genau die Ärzte mit ihm gemacht hatten.

Erst sieben Jahre nach der Operation - Philipp sollte gerade in die Oberstufe kommen, er wählte Deutsch als Leistungskurs - zeigten sie ihm die Aufnahmen aus dem Computertomografen: Auf der rechten Seite war gähnende Leere; die Ärzte hatten dem Jungen eine gesamte Großhirnhälfte herausoperiert.

Die Operation war unumgänglich gewesen. Denn Philipp litt seit frühester Kindheit an schwerer Epilepsie. Seine epileptischen Anfälle hatten so schwere Verwüstungen in seinem Hirn angerichtet, dass sein Leben bedroht schien.

Vor dem Entfernen der geschädigten Hirnhälfte bereiteten die Ärzte seine Eltern darauf vor, dass er danach "möglicherweise nicht mehr der Philipp sei, wie sie ihn kannten", erinnert sich Reinhard Werth, Neuropsychologe an der Universität München. Wie, so fragten sich Ärzte und Eltern, würde ein Philipp aussehen, dem eine Hälfte des Großhirns fehlt - des Organs, das seine Persönlichkeit, Talente, Vorlieben, Identität enthält?

Drei Jahre verbrachte Philipp wegen der OP in der Klinik. Ganz langsam nur lernte die verbliebene Hirnhälfte, mit dem Verlust der anderen zu leben. Doch was dann folgte, grenzt für Werth an ein medizinisches Wunder: "Philipps Gehirn war offenbar so flexibel, dass fast alle Fähigkeiten der rechten von der linken Hirnhälfte übernommen werden konnten."

Anfangs war für Philipp all das, was ehedem sein rechtes Großhirn verarbeitet hatte, schlicht nicht mehr existent - "Neglect" nennen die Hirnforscher dieses Phänomen. Doch Schritt für Schritt bemächtigte sich sein Linkshirn dann all jener Aufgaben, die ehedem dem Rechtshirn zugewiesen waren. Mit einem Gerät, bei dem auf einem kreisrunden Plexiglasschirm verschieden helle Lichtpunkte aufleuchten, gelang es sogar, sein Gesichtsfeld wieder zu erweitern.

"Mir fehlen eine Reihe von Erinnerungen, vor allem aus den letzten Jahren vor der Operation", berichtet der Patient. Doch zum Erstaunen der Ärzte haben seine intellektuellen Fähigkeiten nicht gelitten. Sprechen und Schreiben fallen ihm leicht. Philipps Intelligenzquotient ist überdurchschnittlich. Er spielt Schach, schreibt in den Schulklausuren gute Noten und befasst sich mit Goethe, Mann und E. T. A. Hoffmann. Im nächsten Schuljahr dann steht die vorläufige Krönung seiner neurologischen Rekonvaleszenz an: das Abitur.

Für die Wissenschaftler ist Philipp ein Extrembeispiel eines Phänomens, das sie immer aufs Neue verblüfft: die enorme Veränderungsfähigkeit, die so genannte Plastizität des Organs im Kopf. Der Hälfte aller Großhirnzellen beraubt, gelang es Philipps verbliebenem Hirn doch, sämtliche Sinnesreize und Schaltkreise derart neu zu verdrahten, dass am Ende ein so vollständiges und ungeteiltes Ich entsteht wie in einem vollständigen Hirn.

Einzig, wenn es darum ging, viele Dinge zugleich zu verarbeiten und schnell zu reagieren, stellte Philipp bei sich Schwächen fest. Doch auch diese glaubt er inzwischen überwunden zu haben. Unlängst bestand Philipp sogar die Prüfung als Rettungstaucher. Erforderlich dafür sind möglichst prompte Reaktionen. "Ich war selbst überrascht, dass es so gut geklappt hat", freut sich Philipp.

Nach den Abiturprüfungen muss er noch eine weitere Institution von seinen geistigen Fähigkeiten überzeugen: die Fahrerlaubnisbehörde.

Die ist zuständig, Philipp zur Führerscheinprüfung zuzulassen. Patienten, die einen Neglect erlitten haben, dürfen laut gängiger Praxis eigentlich keine Fahr-Erlaubnis erwerben. Dass sich das Gesichtsfeld wieder erweitern lässt, gehört beim Straßenverkehrsamt noch nicht zum medizinischen Standardwissen.

Deshalb ist Philipp sich noch nicht sicher, "ob die Behörden ähnlich flexibel sind wie mein Gehirn".

GERALD TRAUFETTER



© SPIEGEL special 4/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.