Wunder Gehirn Der kleine Unterschied

Männliche Gehirne ticken anders als weibliche. Noch streiten die Wissenschaftler allerdings, ob die Differenzen angeboren sind oder ob sie durch die Umwelt entstehen.


Penisse und Scheiden, Brüste und Glatzen machen auf Doreen Kimura keinen großen Eindruck. Der entscheidende Unterschied zwischen Mann und Frau, findet die kanadische Psychologin, liege doch ganz woanders: im Gehirn.

Neugierige Frauen
DER SPIEGEL

Neugierige Frauen

Dass die Geschlechter in ihren Oberstübchen unterschiedlich ticken, ist offensichtlich: Männer betragen sich aggressiver, haben die schmutzigere Phantasie und können sich besser räumlich orientieren. Frauen indes wird latente Orientierungslosigkeit im Straßenverkehr attestiert sowie ein größeres Sprach- und Einfühlungsvermögen. "Intellektuelle Probleme", konstatiert Kimura, gingen Mitglieder beider Geschlechter auf verschiedenen Wegen an.

Doch woher rühren diese Unterschiede? Formt und modelliert die Umwelt die Gehirne von Frau und Mann - oder werden die geschlechtsspezifischen Talente in die Wiege gelegt? Kimura selbst gehört zu einer Schar von Forschern, die davon ausgeht, dass bereits Babys - je nach Geschlecht - mit fundamental unterschiedlichen Gehirnen auf die Welt kommen.

Nun hat sich der Psychologe Simon Baron-Cohen von der Universität Cambridge mit einem neuen Buch in die Debatte eingemischt. Auch er erklärt, weibliche und männliche Gehirne seien von Natur aus unterschiedlich programmiert. Seiner These zufolge können Männer von Geburt an überdurchschnittlich gut systematisch denken - sie tragen ein "S-Gehirn". Frauen indes hätten die angeborene Gabe der Einfühlsamkeit oder Empathie - das typisch weibliche Denkorgan nennt er deshalb "E-Gehirn".

Den Trend, Rollenverhalten als angeboren zu betrachten, hält Sigrid Schmitz, Biologin und Gender-Forscherin an der Universität Freiburg, indes für fatal. Indem man die Verhaltensweisen von Frauen und Männern mit ihrer Biologie erkläre, klagt Schmitz, verweise man "die Geschlechter auf nicht zu hinterfragende Plätze in der gesellschaftlichen Hierarchie".

Eines zumindest bestreitet Schmitz nicht: dass männliche und weibliche Gehirne sich in etwa einem Dutzend anatomischer Merkmale unterscheiden. Die Area preoptica im Hypothalamus etwa ist bei jungen Männern mehr als doppelt so groß wie bei jungen Frauen. Und die Gruppe um Lutz Jäncke, Neuropsychologe von der Universität Zürich, hat mit Hilfe von Bild gebenden Verfahren herausbekommen: Männer, die im Geiste Objekte im Raum hin und her drehen, benutzen dazu eine Gehirnregion - Frauen jedoch zwei.

Das männliche Gehirn ist größer, auch das lässt sich nicht leugnen, und zwar um durchschnittlich etwa zehn Prozent. Allerdings arbeitet es vergleichsweise asymmetrisch: Wenn Männer sprechen, dann ist vor allem die linke Hirnhälfte aktiv. Bei Frauen hingegen arbeiten die rechte und linke Hirnhälfte zusammen.

Glaubt man den Psychologen Kimura und Baron-Cohen, dann haben diese Unterschiede ihren Ursprung im Mutterleib. Wenn männliche Hormone (sie werden sieben Wochen nach der Befruchtung in den Hoden produziert) durch den Fötus strömen, dann entwickelt sich ein männliches Gehirn. Bleibt die Androgenschwemme aus, reift ein weibliches Denkorgan heran.

"Dieselben Hormone, welche die Art unserer Geschlechtsorgane bestimmen", sagt auch Frank Kruijver vom Institut für Hirnforschung der Niederlande in Amsterdam, "werden in einem späteren Entwicklungsstadium auch das Gehirn programmieren."

Diese von Hormonen gesteuerte Verdrahtung des fötalen Gehirns hat Folgen für den Rest des Lebens: Männer mit angeborenem Androgenmangel bleiben in ihrem räumlichen Denken eingeschränkt. Die nachträgliche Gabe von Testosteronpräparaten in der Pubertät kann dieses Manko nicht mehr beheben. Anders herum zeigen Mädchen, die im Mutterleib auf Grund einer vererbten Störung einem Übermaß an Testosteron ausgesetzt sind, im späteren Leben oftmals jene Denkweisen, die als typisch männlich gelten.

Die Freiburger Biologin Schmitz indes ist überzeugt davon, dass diese vorgeburtliche Verdrahtung keineswegs so unveränderlich ist, wie es Hirnforscher vom Schlage Baron-Cohens annehmen. Sie beruft sich dabei auf neuere Befunde, die offenbaren, dass hormonelle Schwankungen auch im späteren Leben das Gehirn noch ändern und formen können.

Dieses Phänomen der Plastizität hat Marc Breedlove von der Michigan State University in East Lansing bereits vor vier Jahren im Gehirn von Ratten nachgewiesen: Eine bestimmte Region im Mandelkern ist bei Männchen deutlich größer als bei Rättinnen. Kastriert man jedoch die Männchen, dann schrumpft das besagte Hirnareal binnen vier Wochen auf das weibliche Format. Auch die Gegenprobe gelang: Bei Weibchen, denen man Testosteron gespritzt hatte, schwoll die Mandelkern-Region binnen vier Wochen zu männlicher Größe an.

Ein vergleichbares Phänomen hat Markus Hausmann, Biopsychologe von der Universität Bochum, auch im Menschenhirn beobachtet: Frauen und Männer stellte er in dem Experiment vor Aufgaben, die räumliches Denken erfordern. Während der Menstruation - die weiblichen Sexualhormone sind dann auf dem Tiefpunkt - waren die Frauen den Männer ebenbürtig. In der so genannten Lutealphase nach dem Eisprung, in der hohe Mengen von weiblichen Sexualhormonen ausgeschüttet werden, "sank die Leistung der Frauen jedoch dramatisch" (Hausmann) - offenbar hatte sich das Netz aus Nervenzellen und Synapsen unter dem Einfluss der Hormone geändert.

JÖRG BLECH



© SPIEGEL special 4/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.