Sprache Linguistischer Urknall

Erstmals wurden Forscher Zeugen einer Sprachgeburt: Taubstumme Kinder in Nicaragua entwickelten ein völlig neues, komplexes System von Gebärden. Daran wollen die Wissenschaftler untersuchen, ob ins Hirn jedes Menschen die Regeln einer Universalgrammatik eingebaut sind.


Die Hauswirtschaftslehrerin Paula Mercedes verzweifelte an ihrem Bildungsauftrag: Sie verstand ihre Schüler nicht. Die 50 Zöglinge in der Gewerbeschule für Gehörlose in Managua gestikulierten seltsam mit den Händen, ruderten mit den Armen und schnitten rätselhafte Grimassen.

Zwar hatten die nicaraguanischen Pädagogen seit Jahren versucht, taubstumme Kinder zu lehren, Spanisch mit den Fingern zu buchstabieren. Doch deren eigenartige Handzeichen waren davon weit entfernt. Woher aber kamen die Gesten dann?

Das Bildungsministerium bat schließlich Judy Kegl um Rat, eine auf Zeichensprachen spezialisierte Wissenschaftlerin, die heute im US-Staat Maine lehrt. "Ich erwartete, in Nicaragua eine der bekannten Gebärdensprachen vorzufinden. Ich fand nichts davon." Stattdessen entdeckte die Forscherin eine linguistische Sensation: "Die Kinder hatten eigenhändig eine ganz neue Sprache kreiert."

Seit jeher fasziniert die Vorstellung, ein Idiom isoliert entstehen zu sehen - um zu erfahren, ob dem Menschen Sprache angeboren ist, und wenn ja, welche. Deshalb überließ der ägyptische König Psammetich I. (664 bis 610 v. Chr.) einem Ziegenhirten zwei Babys und erteilte ihm striktes Redeverbot. Die Legende will, dass die Kinder zuerst "bek, bek" brabbelten, eine dem phrygischen Wort für "Brot" verwandte Silbe. Nüchterne Forscher der Gegenwart halten dies jedoch eher für ein Imitat des Ziegenmeckerns. Der Stauferkaiser Friedrich II. unternahm einen ähnlichen Versuch - die Probanden starben.

In Nicaragua dagegen sehen Linguisten die natürliche Geburt einer Sprache. "Es ist ein linguistischer Urknall", erklärt Ann Senghas, Linguistin am Barnard College in New York. "Wir können jetzt studieren, wie ein Sprachuniversum entsteht."

Den Stein ins Rollen brachten die Sandinisten, als sie dem Land nach der Revolution 1979 eine Bildungsreform verordneten. Jedermann sollte Lesen und Schreiben lernen - Gehörlose eingeschlossen. Beraten von einer russischen Linguistin, wollten die Erzieher den Taubstummen beibringen, mit den Händen zu buchstabieren und Spanisch von den Lippen zu lesen. Doch alle Anstrengungen liefen ins Leere; die Methode war an der gesprochenen Sprache orientiert, die den Schülern naturgemäß fremd war.

Stattdessen halfen sich die Kinder selbst: Viele von ihnen begegneten erstmals ihresgleichen. Sie alle waren gewohnt, in ihren Familien mit Hilfe simpler Handzeichen zu kommunizieren. Rasch verwandelte sich diese Behelfsbrücke zur hörenden Welt in die Lingua franca der taubstummen Gruppe, inzwischen "Lenguaje de Signos Nicaragüense" genannt.

So unbeholfen die Kinder anfangs radebrechten, bald einigten sie sich auf erste Standardzeichen: Ein flacher, horizontal geführter Handteller etwa bezeichnete ein Fahrzeug, Fidel Castro wurde durch eine dozierende Hand und zwei für die Zigarre gespreizte Finger symbolisiert.

Beharrlich ignorierten die Hörenden das vor ihren Augen entstehende Wunderwerk. Die Lehrer verbannten es anfangs sogar aus dem Unterricht. Die Schüler verfeinerten unterdessen ihre Sprache auf dem Basketballplatz, im Schulbus oder auf Partys.

Die ungewöhnlichen Umstände dieser Sprachgeburt machen es möglich, alte, doch nie bewiesene Annahmen über den Spracherwerb zu testen - womöglich sogar das zentrale Rätsel der Linguistik zu knacken: die Frage, ob dem Menschen eine Universalgrammatik angeboren ist.

"Blickte ein Marsianer auf unsere Erde, er sähe alle Menschen dieselbe Sprache sprechen."

Diese These setzte 1957 Noam Chomsky in die Welt. Ihn hatte die Fähigkeit von Kleinkindern verblüfft, binnen weniger Jahre eine komplexe Sprache korrekt zu erlernen. Schon im dritten Lebensjahr plappern sie meist fehlerfrei - und komponieren Sätze, die sie so nie gehört haben können. Alle menschlichen Sprachen weisen zudem strukturelle Gemeinsamkeiten auf - für Chomsky ein Beleg dafür, dass schon bei der Geburt eine Art Urgrammatik im Gehirn verdrahtet ist.

"Blickte ein Marsianer auf unsere Erde, er sähe alle Menschen dieselbe Sprache sprechen - in Tausenden von Dialekten", lässt Chomsky aus seinem Büro am Massachusetts Institute of Technology (MIT) wissen.

Viele Wissenschaftler bezweifeln das. Chomskys Kritiker vergleichen das Gehirn vielmehr mit einem besonders lernfähigen Computer. Wenn die Umwelt Babys mit sprachlichen Informationen füttere, erkenne das Hirn ohne viele Vorgaben rasch Regelmäßigkeiten im Datenstrom.

An der University of Rochester stellten Forscher 1996 fest, dass acht Monate alte Säuglinge in einem monotonen Silbenstrom mehrmals auftauchende Wörter bereits sicher wiedererkennen. Und künstliche neuronale Netze kann man drillen, grammatische Regeln zu lernen.

In einem klassischen Experiment ließen zwei US-Psychologen einen Rechner Vergangenheitsformen von Verben büffeln. Anfangs unterliefen dem Computer wie Kindern auch Fehler bei unregelmäßigen Verben - statt "sah" sagte er "sehte". Beharrlich korrigiert, meisterte die Maschine nach einiger Zeit jedoch auch diese Hürde.

Die Existenz einer Universalgrammatik lässt sich mit solchen Belegen allein allerdings weder be- noch widerlegen. Nun aber sehen sich Chomskys Jünger bestätigt: Die taubstumme Gemeinschaft von Managua hat ihre Sprache praktisch ohne Einfluss von außen entwickelt.

Abhängig vom Zeitpunkt der Einschulung sprachen die Gehörlosen mit unterschiedlicher Perfektion.

Um die Gebärdensprache zu dekodieren, führten Kegl und ihre Kollegen den Schülern einen tschechischen Zeichentrickfilm vor. Eine der Sequenzen zeigt den Schelm Koumal, wie er aus gestohlenen Hühnerfedern Flügel baut. Nachdem er mit diesem Fluggerät in den Bergen abgestürzt ist, klebt er die Trümmer zu Indianerschmuck zusammen, den er bei Kindern gegen Eier eintauscht.

Die Schüler sollten die Geschichte vor laufender Videokamera nacherzählen. Fasziniert stellten die Linguisten fest, dass sich ihnen dabei die verschiedenen Stufen der Sprachentwicklung offenbarten. Denn abhängig vom Zeitpunkt der Einschulung sprachen die Gehörlosen mit unterschiedlicher Perfektion.

Ganz bei null hatte freilich auch ihre Sprache nicht begonnen. Das Rohmaterial fanden sie vor: in Nicaragua übliche Gesten für Essen und Trinken, pantomimische Elemente und individuelle Gebärden, die Gehörlose aus dem Kreis ihrer Familien mitbrachten. Die Linguistin Kegl - in der Gebärdensprache heißt sie "Weiße Haut, Brille" - vergleicht den Anfang der Sprache mit einer Baustelle: "Viele Gebärden lagen ungenutzt wie Steine umher. Die Kinder sammelten sie auf und bauten daraus ein Haus."

Die ersten tauben Kinder, die Anfang der achtziger Jahre in Managua Sonderschulen besuchten, nutzten eine Sprache, die improvisiert und arm an Regeln war. Trotzdem konstruierten sie ihre Sätze nicht willkürlich. Nomen und Verben wechselten sich regelmäßig ab. "Ein Mann reicht einem Kind seinen Federschmuck" etwa liest sich, Geste für Geste übertragen, so: "Federschmuck Halten Mann Geben Kind Erhalten."

Schon die nachfolgenden Jahrgänge, die sich im Alter von fünf oder sechs Jahren die Zeichensprache der Klassenälteren aneigneten, schufen aus dem kantigen Provisorium eine ausgefeilte Sprache. Nicht nur fügten sie dem Gebärdenvokabular Tausende neuer Zeichen hinzu, sie statteten die Sprache auch mit grammatischer Struktur aus - Fällen, Zeiten, Klassifikationen.

Präpositionen etwa agieren wie Verben: "Über dem Stuhl hängt ein Bild" lautet in Gebärden übersetzt "Stuhl Bild über". Dieses Phänomen ist aus der Sprache der Navajo-Indianer bekannt. Dem Spanischen jedoch - so redlich sich die Schulen anfangs bemüht hatten, es den Kindern einzutrichtern - ähnelt die neue Gebärdensprache so sehr wie ein Apfel einem Ei.

Die Anhänger Chomskys begeistert die neue Gehörlosensprache nicht allein, weil sie Hinweise auf den angeborenen Sprachinstinkt liefert. Sie hilft vielleicht auch zu erklären, wie Kreolsprachen entstanden, in denen das sprachliche Erbe vieler Zungen verschmolzen ist.

Die meisten entstanden im 17. Jahrhundert in den Überseekolonien. Ureinwohner und eingeschiffte Sklaven vermengten ihre Sprachen mit denen der Kolonialherren. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wiederholte sich der Prozess auf Hawaii, als Arbeiter aus Portugal, Japan, Korea, den Philippinen und Puerto Rico auf die Zuckerrohrplantagen strömten.

Es entstand eine Behelfssprache, ein so genanntes Pidgin, in dem sich Satzfetzen mehr schlecht als recht aneinander reihten - ähnlich dem Frühstadium der Gebärdensprache in Managua.

In den siebziger Jahren dokumentierte der Linguist Derek Bickerton dieses Pidgin. Die Nachkommen der Einwanderer, so entdeckte er, nannten eine grammatisch reichhaltige Sprache ihr Eigen. Der Wissenschaftler postulierte daraufhin, der Sprachinstinkt der Kinder habe das Kauderwelsch der Eltern veredelt - sie schufen sich ihre Muttersprache. Doch Skeptiker überzeugte das nicht. "Schließlich", merkt der in Berkeley an der University of California lehrende Sprachforscher John McWhorter an, "war kein Wissenschaftler dabei, als diese Sprache entstand. So bleiben nur Vermutungen."

Das ist nun anders. In Managua zeigte sich, dass das Einzige, dessen es zur Schöpfung einer Sprache offenbar bedarf, eine hinlänglich große Zahl von Gesprächspartnern ist. Bei ihren Exkursionen in andere Landesteile Nicaraguas fand Kegl viele gehörlose Kinder, die nur mit Hilfe rudimentärer Gesten kommunizierten: "Ein taubes Kind allein in einer sonst hörenden Familie bleibt sprachlos."

Kinder, die so isoliert aufwachsen, gibt es weltweit. Die Psychologinnen Susan Goldin-Meadow und Carolyn Mylander von der University of Chicago berichteten von tauben Kindern, die mit ihren Eltern eine Art Protosprache entwickelt hätten.

Kegl zeigt sich davon wenig beeindruckt: "Um das wirklich eine Sprache nennen zu können, müsste es eine vom Kontext unabhängige Grammatik geben, mit eigenständigen Nomen, Verben, womöglich mit Adjektiven, Präpositionen und Adverbien. All das fehlt." Die Linguistin glaubt deshalb, erst eine größere Gruppe aktiviere den Sprachinstinkt, der aus willkürlichen Zeichenketten echte Sätze zaubert.

Die rund 1000 Personen zählende Taubstummengemeinde in Managua gründete derweil eine Gesellschaft für Gehörlose. Taubstumme unterrichten in zwei Schulen. Auf dem Lehrplan steht sogar eine Gehörlosenschrift. Sie stammt von der früheren Balletttänzerin Valerie Sutton, entwickelt aus einer Notation, die sie einst als Gedächtnisstütze für ihren Ballettunterricht nutzte. Als ein dänischer Facharzt für Gehörschäden 1974 davon erfuhr, bat er die junge Tänzerin, die Symbole zu einer Gebärdenschrift auszubauen.

Aus Händen, Mondgesichtern, Wellen und Pfeilen zusammengesetzt, gleichen die Zeichen einem Comic. "Statt komplexe Bedeutungseinheiten zu repräsentieren, bildet die Schrift ein System, das dem phonetischen Alphabet ähnelt", erklärt Judys Ehemann James Shepard-Kegl, der an der Atlantikküste Nicaraguas eine Sommerschule für Gehörlose betreut. Die Piktogramme stellen Handbewegungen, Körperhaltung und mimische Details dar, aus denen sich komplexe Gebärden zusammensetzen.

Nach der sechsjährigen Schulausbildung in Managua können die Schüler in ihrer Sprache flüssig schreiben und lesen. Ein Wörterbuch hilft ihnen, wo sie unsicher sind. Auf einem Regalbrett sammelt sich eine kleine Bibliothek von Literatur. Zurzeit übersetzt Shepard-Kegl eine - stark verschlankte - Version von Melvilles "Moby Dick".

HUBERTUS BREUER



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