Krankheit Ganz normaler Irrsinn

Wie die Psychiatrie uns alle verrückt macht / Essay des SPIEGEL-Redakteurs Jörg Blech


Wie unterscheidet man einen Verrückten von einem Gesunden? David Rosenhan, Psychologe an der Stanford- Universität in Kalifornien, hat es 1968 ausprobiert, im Selbstversuch: Der damals 40 Jahre alte Forscher wusch sich einige Tage lang nicht und putzte sich auch nicht die Zähne. Er ließ die Bartstoppeln sprießen und trug dreckige Kleidung. Dann vereinbarte er unter falschem Namen einen Termin in einer psychiatrischen Anstalt und ließ sich von seiner Frau vor dem Haupteingang absetzen.

In der Aufnahmestation berichtete Rosenhan den Ärzten von Stimmen, die er gehört haben wollte. Diese seien kaum zu verstehen gewesen, hätten aber gesagt: "leer", "dumpf" und "hohl". Was die Psychiater nicht ahnten: Rosenhan gab mutwillig Symptome vor, die zu keiner einzigen in der Literatur beschriebenen Psychose passten. Das irritierte die Ärzte wenig. Ohne zu zögern verpassten sie dem Forscher die Diagnose: "Schizophrenie in Remission".

In den Folgejahren wurde der Versuch noch einige Male wiederholt. Rosenhan und sieben ebenfalls geistig gesunde Mitstreiter ließen sich unter falschem Namen und mit denselben Symptomen in insgesamt zwölf Nervenkliniken einliefern. Die Regeln des Experiments sahen vor, dass die Scheinpatienten sich anschließend völlig normal und hilfsbereit verhalten sollten; sie befolgten die Regeln des Anstaltslebens und nahmen die verschriebenen Psychopharmaka ein - allerdings nur zum Schein.

Jedes Mal lautete die spannende Frage: Wie lange würde es wohl dauern, bis die Nervenärzte den falschen Kranken entdecken und hochkant aus der Klinik werfen würden? Das Ergebnis: Kein einziger der Scheinpatienten wurde enttarnt, sie wurden im Durchschnitt drei Wochen lang festgehalten und allesamt mit einer psychiatrischen Diagnose entlassen. 2100 Tabletten erhielten die 8 Simulanten. Darunter fanden sich die unterschiedlichsten Präparate - obwohl sie alle das gleiche Symptom vorgespielt hatten. In einer Anstalt wurde Rosenhan sogar 52 Tage festgehalten. "War das eine lange Zeit", erinnert er sich, "ich hatte mich schon richtig an das Anstaltsleben gewöhnt."

Auch mit der Gegenprobe narrte David Rosenhan das Establishment. Dazu kündigte er den Ärzten einer Nervenklinik an, er werde ihnen in den nächsten drei Monaten Scheinpatienten unterjubeln. In Wahrheit aber kamen diesmal nur echte Patienten in die Aufnahme. Jetzt verhielten sich die Ärzte kritischer: Zehn Prozent der insgesamt 193 Seelenkranken wurden aus der Anstalt verwiesen - mit der Begründung, sie seien gesund.

Die Veröffentlichung der Versuche im Jahre 1973 im angesehenen Wissenschaftsmagazin "Science" ("Vom Normalsein in verrückter Umgebung") erschütterte die Glaubwürdigkeit der Psychiatrie. Die Selbstversuche hatten die Willkür der Nervenärzte entlarvt. Der Psychologe Rosenhan hatte die Kernfrage ihres Fachs aufgeworfen: Nach welchen Kriterien eigentlich bestimmen Psychiater die Grenze zwischen gesund und krank?

Schlüssig lässt sich die bis heute nicht beantworten - alles in der Nervenheilkunde ist eine Frage der Definition. Dem Eifer von Psychiatern öffnet das Tür und Tor. Unverdrossen deuten sie normales Verhalten in behandlungswürdiges Gebaren um und erfinden immer neue Seelenleiden. Die Zahl seelischer Krankheiten hat denn auch eine rasante Vermehrung erfahren.

Im Katalog der amerikanischen Veteran's Administration waren nach dem Zweiten Weltkrieg gerade einmal 26 Störungen notiert. Der jetzt gültige "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" (DSM-IV) der Vereinigung der amerikanischen Psychiater führt indes 395 verschiedene Krankheiten auf, die man diagnostizieren und folglich abrechnen kann.

Manche Psychiater treiben ihre Diagnosen inzwischen so weit, dass am Ende wir alle etwas haben. Asmus Finzen, skeptischer Nervenarzt vom Universitätsspital Basel, hat die Angaben zur Verbreitung der seelischen Krankheiten aus dem Katalog DSM-IV einmal addiert. Demnach leiden zu jedem beliebigen Zeitpunkt 58 Prozent der Bevölkerung an irgendeiner Form von Persönlichkeitsstörung - es ist normal, psychisch krank zu sein.

Mitunter werden vermeintliche Psycholeiden sogar ganz strategisch am Konferenztisch der Pharmamanager erdacht. Der Begriff "Sisi-Syndrom" beispielsweise tauchte 1998 erstmals auf: in einer Werbeanzeige des Unternehmens SmithKline Beecham. Die betroffenen Patienten, so hieß es, seien depressiv und gegebenenfalls mit Psychopharmaka zu behandeln. Allerdings überspielten sie ihre krankhafte Niedergeschlagenheit, indem sie sich als besonders aktiv und lebensbejahend gäben. Das Syndrom werde nach der österreichischen Kaiserin Elisabeth ("Sisi") benannt, da sie den Patiententypus wie ein Urbild verkörpere. Seither hat das Schlagwort die Medien erobert und wird von Psychiatern propagiert; die Zahl der angeblich am Sisi-Syndrom erkrankten Deutschen wurde unterdes auf drei Millionen beziffert.

Das Volksleiden ist nichts anderes als eine Erfindung der Industrie. Wissenschaftlich ist es durch nichts zu begründen. Die Medienpräsenz des Sisi-Syndroms, darunter ein lanciertes Sachbuch, geht vielmehr zurück auf Wedopress, eine PR-Firma in Oberursel, die von dem Pillenhersteller beauftragt worden war. Wedopress rühmte sich, für die "Einführung einer ,neuen' Depression" ein "Trommelfeuer" in den Medien ausgelöst zu haben. Das Fazit der PR-Agentur: "Das Sisi-Syndrom ist etabliert als besondere Ausprägung der Depression, akzeptiert von Medizinern und Patienten."

Die Aufklärungsfeldzüge der Psycho-Industrie zielen auf eher milde seelische Beeinträchtigungen, die einen möglichst großen Personenkreis betreffen. Aufmüpfigen Kindern beispielsweise wird ein Leiden namens "oppositionelles Trotzverhalten" bescheinigt. Zappeligen Grundschülern wird das "Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom" attestiert - und gleich auch noch die Psychopille zum Pausenbrot mitgeliefert, die sie ruhig stellen soll. Gerade in der Kinderheilkunde verschwimmen die Grenzen zwischen ernster Krankheitserfinderei und Satire. So beschrieb Jordan Smoller von der University of Pennsylvania die Kindheit als "ein Syndrom, das erst seit kurzem die ernsthafte Beachtung durch die Kliniker erfährt".

"Unreife" und "Zwergenwuchs" zählt Smoller zu den wichtigsten Symptomen. "Die Behandlung von Kindern", so schreibt er, "war unbekannt bis in unser Jahrhundert, bis so genannte ,Kinderpsychologen' und ,Kinderpsychiater' auftauchten." Als besonders schwierig erweise sich die Behandlung von Kleinkindern. Die seien dafür bekannt, dass sie sich "infantil verhalten und einen bestürzenden Mangel an Einsicht zeigen".

Finanzielle Verbindungen gerade zwischen Psychiatern und Pharma-Firmen sind in Deutschland gang und gäbe. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde beispielsweise lässt sich von Unternehmen wie Astra Zeneca, Aventis Pharma Deutschland, Lilly, Novartis Pharma und Organon "unterstützen". Die von Firmen gesponserten "Presse-Infos" weisen die Öffentlichkeit auf eine nicht enden wollende Zahl von Psycho-Leiden hin. So war im September 2002 zu lesen: "Depressionen, Angsterkrankungen, Süchte - so heißen die neuen Zivilisationskrankheiten."

  • 1. Teil: Ganz normaler Irrsinn
  • 2. Teil


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