Belletristik: "Nimm dich nicht so wichtig!"

In ihrem umfangreichen Tagebuch "Ein Tag im Jahr" lässt Christa Wolf gut vier Jahrzehnte lebendig werden: Alltag in der DDR, kulturpolitische Querelen - zugleich zeigt sich die Autorin von ihrer privaten Seite: als Frau mit geheimen Wünschen. Von Volker Hage

Man werde vielleicht, so notierte der Schriftsteller Robert Musil vor rund hundert Jahren, eines Tages "überhaupt nur Tagebücher schreiben" - weil man alles andere unerträglich finde. Aber er fragte sich zugleich (übrigens im eigenen Tagebuch): "Tagebücher? Ein Zeichen der Zeit. So viele Tagebücher werden veröffentlicht. Es ist die bequemste, zuchtloseste Form."

Thomas Mann, dessen umfangreiche Tagebücher erst nach seinem Tod das Licht der Welt erblickten, schrieb 1934 einem jüngeren Möchtegerndichter: "Wollen Sie ein Künstler sein, so müssen Sie aus dieser Tagebuch-Selbstgenügsamkeit hinausfinden zur Freiheit und zur Form."

Zum Tagebuch pflegen viele Schriftsteller eine Art Hassliebe: Es reizt sie, es verführt sie, es nimmt Zeit, kostbare Arbeitszeit, es kann zur Sucht werden. Aber Tagebuchschreiben kann auch der Einstimmung dienen - als Vorbereitung und Begleitung des eigentlichen Werkes. Oder vermag es gar das Werk zu ersetzen?

Die eigenen Tagebücher schon zu Lebzeiten zu publizieren ist in Mode. Wer nicht schreiben könne, so mokierte sich der Kritiker Marcel Reich-Ranicki jüngst in seinem Buch "Sieben Wegbereiter", der könne doch "zumindest ein Tagebuch verfassen".

Von Christa Wolf, 74, wussten aufmerksame Begleiter ihres Werkes seit langem, dass sie eine große Affinität zum Tagebuch hat: Nicht nur, dass manche ihrer Prosawerke den Verlauf eines Tages zum Erzählrahmen haben, sie hat sich auch in Essays und Interviews dazu bekannt, regelmäßig ein Tagebuch zu schreiben. Dabei habe sie vor allem die "Vorbereitung auf die literarische Arbeit" im Sinn: das Tagebuch als "Arbeitsmittel und Gedächtnis". "Nie aber ist an Veröffentlichung gedacht", schrieb sie 1964, "nie wäre daran zu denken: Gerade das ist die Grundlage seiner Existenz."

Nun hat die Autorin, deren literarische Karriere so eng mit der Entwicklung und dem Ende der DDR verwoben ist, doch ein Tagebuch veröffentlicht: aus gut vier Jahrzehnten, von 1960 bis 2000. Das Buch heißt "Ein Tag im Jahr", und ihm liegt eine so einfache wie eigenwillige Idee zu Grunde: Christa Wolf nahm sich Anfang der sechziger Jahre vor, jeweils einen Tag pro Jahr genau zu beschreiben, und zwar den 27. September: den Alltag, die Begegnungen, all das, was ihr durch den Kopf ging, samt dem Geträumten und Erlebten, die politischen Umstände, die Arbeit am Schreibtisch.

Warum gerade an diesem Tag? Das erläutert sie im Vorwort: Der russische Schriftsteller Maxim Gorki war 1935 auf den Gedanken gekommen, seine Kollegen rund um den Globus aufzufordern, diesen einen Tag, den 27. September, jeder für sich und doch gemeinsam zu beschreiben - 1960 griff die Moskauer "Iswestija" dieses Projekt "Ein Tag der Welt" auf und wiederholte die Einladung.

Christa Wolf war dabei, ihren Beitrag "Dienstag, der 27. September 1960" nahm sie später in eine Prosasammlung auf - jetzt bildet er den Auftakt der 41 Wolfschen Jahrestage in dem mehr als 650 Seiten starken Band. Das Subjektive soll, wie einst gegen die offizielle Kunstdoktrin der DDR, nun gegen die Marktmechanismen der Warenwelt behauptet werden - trotz der Flut "scheinbar subjektiver schamloser Enthüllungen, mit denen die Medien uns belästigen". Oder sogar bewusst gegen diese Flut.

Freilich will sich die Autorin damit nicht edler hinstellen als unbedingt nötig: "Das Bedürfnis, gekannt zu werden", schreibt sie, "auch mit seinen problematischen Zügen, mit Irrtümern und Fehlern, liegt aller Literatur zu Grunde" - es sei "auch ein Antriebsmotiv für dieses Buch".

Das ist durchaus eine neue Seite an Christa Wolf. Zunächst begleiteten sie Skrupel auf dem Weg zum literarischen Ich. "Was bringt mich dazu, die früh eingeprägte Mahnung: Nimm dich doch nicht so wichtig! zu missachten?", so fragte sie sich im September 1961. "Selbstüberhebung?" Derlei war im sozialistischen Kollektiv nicht erwünscht.

Schon bald kommt ein neuer Aspekt hinzu: Nach ersten Querelen mit der DDR-Staatspartei SED 1965 überlegt sich die erst im Jahr zuvor mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnete Autorin, ob das Tagebuch vielleicht die einzige Kunstform sei, "in der man noch ehrlich bleiben" und die nach ihrer Meinung "sonst überall nötig oder unvermeidlich werdenden Kompromisse" vermeiden könne. Ihr Verlangen, in diesen Notizen "möglichst alles festzuhalten", wird mit der Zeit immer stärker.

Spätestens nachdem die ältere der beiden Wolf-Töchter, die 1952 geborene Annette, von der Stasi vorgeladen worden war (Ende der sechziger Jahre), hält die Mutter ihre Tagebücher versteckt. Später liegen sie im Safe. Ihr Buch "Ein Tag im Jahr" präsentiert ohnehin nur einen Teil des Wolfschen Tagebuchwerks: Ihr "übriges" Tagebuch ist weitaus umfangreicher - und nicht an den einen Tag gebunden.

Überraschend früh taucht in den September-Aufzeichnungen die Frage auf, "was uns eigentlich, ganz konkret, in der DDR hielt (und hält), da so viele weggingen". So im September 1961, im Monat nach dem Mauerbau. Ihre Antwort, ihr Glaube, "dass hier bei uns die Bedingungen zum Menschwerden wachsen", wirkt da schon gebrochen ("Wachsen sie wirklich?"), und spätestens 1969 reift die Einsicht: "Die eigene Welt, die wir uns gezimmert haben, kann nicht ewig halten."

Christa Wolf träumt nachts davon, wie sie ("halb widerstrebend") in den Westen geschleust wird, ihr Mann Gerhard wünscht sich "eine griechische oder eine italienische Insel" als Wohnsitz. Das Bleiben kostet seinen Preis, und die beiden wissen das: "Wegsehen, weghören, oder zumindest: schweigen. Ich denke oft, ob die Rechnung dafür uns noch zu unseren Lebzeiten präsentiert wird."

Weder die "West-Honorare" noch die "Intershop-Schecks" (kleine Privilegien werden brav aufgeführt) helfen über die Erkenntnis - 1980 - hinweg: "Unsere Lage ist aussichtslos." Gleichzeitig betrachtet sich die Autorin mit kritischem Blick, nimmt eigene Ängste "vor den Verletzungen" wahr, wirft sich Feigheit vor (im Bewusstsein, "dass Kühnheit nichts nützen würde"). Streng mit sich auch die Selbsterkenntnis: "Ich leide wohl unter einer Abhängigkeit vom Wohlwollen und von der Sympathie anderer, eine Folge meiner Kindheit, der Abhängigkeit von Autoritäten."

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