Kinderbücher: Verführung zum Träumen

2. Teil

Mirjam Pressler, im letzten Jahr für "Malka Mai" mit dem Deutschen Bücherpreis ausgezeichnet, beschäftigt sich erneut mit dem düsteren Kapitel der Judenverfolgung im Dritten Reich. In "Die Zeit der schlafenden Hunde" interessiert sich die junge Johanna für die Geschichte des Modehauses ihrer Eltern. Der Großvater, ein NS-Parteigenosse, hatte es offenbar billig von jüdischen Vorbesitzern gekauft. Bei einem Schülerbesuch in Israel trifft Johanna völlig überraschend auf eine alte Frau, die behauptet, ihrer Familie sei das Kaufhaus weggenommen worden. Johanna, schon bald erwachsen, fordert von den Eltern Antworten. Mut, Sensibilität und der unbedingte Wille zur Wahrheit machen aus Johanna ein Mädchen, dessen Sache auch die jungen Leserinnen und Leser zu der ihren machen können.

"Mein Thema ist - im weitesten Sinn - die beschädigte Kindheit", bekennt Pressler. Und die kann es eben auch in einem gut situierten Elternhaus geben, dessen Fundamente zum Teil auf Betrug und Verfolgung gebaut sind. Wie kann man heute über solche Fragen von Schuld und Verantwortung für Jugendliche reden, ohne mit pädagogisch erhobenem Zeigefinger zu nerven? Pressler gibt die Antwort mit diesem einfühlsamen, ja zarten und sprachlich anrührenden Roman.

Das vielleicht schönste Kinderbuch dieses Herbstes stammt von einem Schriftsteller, der in diesem Genre ein Neuling ist, wenngleich er seit vielen Jahren zu den bedeutendsten europäischen Autoren der Gegenwart gehört. Der Schwede Per Olov Enquist, Jahrgang 1934, hat zum ersten Mal für Kinder geschrieben, und um Traditionen und Vorbilder des Genres hat er sich dabei in aller Souveränität nicht gekümmert. Dass seine Erzählung ungeachtet dessen besonders gelungen ist, hängt womöglich damit zusammen, dass der Held seines grandiosen Kinderbuch-Erstlings "Großvater und die Wölfe" manches mit dem Autor gemeinsam hat. Der Opa im Buch interessiert sich nämlich ebenso wenig für das, was andere von ihm halten. Das finden seine nächsten Anverwandten unverzeihlich und seine Enkel, insbesondere die kleine Mina, klasse.

Wenn Opa mal wieder zur Strafe auf dem Klo eingesperrt wird, weil er zum soundsovielten Mal Pupsgeschichten beim Essen erzählt hat, dann tröstet ihn Mina durchs Schlüsselloch. Doch Minas Großvater, der vier Enkel hat wie der Verfasser des Buches, ist nicht nur ein toller Geschichtenerzähler, sondern auch ein Opa der Tatkraft. Er unternimmt mit den Kindern eine Expedition, mit Basislager und allem Drum und Dran, vom Ferienhaus in Värmland bis auf den Dreihöhlenberg hinauf. Als sie ein Wolfsjunges entdecken, wird die Expedition auf einmal zum Abenteuer: Plötzlich rudert der Opa mit den Armen, stürzt in eine Felsspalte, und die Katastrophe ist da.

Dass Kinder nichts mehr hassen, als dass in einem Buch nichts Aufregendes passiert, das hat Enquist auf Anhieb verstanden. Er lässt auch noch Wolfwilderer auftreten und einen Rettungshubschrauber kreisen. Der Großvater wird gerettet (sonst hätte er wohl auch kaum das Buch schreiben können), muss sich natürlich aber wieder einmal ganz schön ausschimpfen lassen. Nur gut, dass die Kinder zu ihm halten.

Die ungeheure Komik, gepaart mit der präzisen Beschreibung der Kinder, die in dem Buch über sich und ihre Möglichkeiten hinauswachsen, machen aus dem scheinbar so anspruchslos daherkommenden Geschichtchen über eine Wanderung ein Stück großer Kinderliteratur. Gut, dass der "schicke Großvater", der eigentlich keine richtige Arbeit hat, sondern nur Bücher schreibt, dieses Mal nicht an die Erwachsenen, sondern an die Kinder (ab acht Jahren) gedacht hat. Der junge Leonard Erlbruch - Sohn des großen Kinderbuch-Illustrators Wolf Erlbruch und erst Jahrgang 1984 - hat das Buch kongenial bebildert.

Das größte Kompliment, das ein Illustrator einheimsen kann, lautet: Diese Buchbilder kenne ich doch! Wenige wissen dann, wie die Künstler heißen, aber das Buch hat ein Gesicht. Eine Illustratorin, die es bereits in diesen Olymp geschafft hat, ist Sabine Wilharm, die die deutschen "Harry Potter"-Ausgaben gestaltet hat. Neuerdings hat sie die Tier-Gedichte des Reim-Klassikers James Krüss ausgestattet. Die "kleine Zoologie zur Unterhaltung und Belehrung und zum Lesen und Vorlesen für die ganze Familie" ist von Wilharm mit einer tierisch guten Galerie versehen worden: Da röhren sich Löwen ihr Feiertagsgebrüll mit hochrotem Kopf aus dem Hals, da zwängt sich der Vogel Strauß in eine Vase ("Ach, wenn der Strauß ein Sträußchen wär ..."), und da fliegen federleichte Nilpferde grün- blau beschwingt aus Hochzeitsgründen durch die Luft. Die hier, inmitten der Wilharmschen Fauna, erstmals vollständig versammelten Krüss-Gedichte sind ein Genuss.

Bilder für die Kleinsten halten drei Bücher bereit, die jedes auf seine Weise die Stimmungen und Sehnsüchte der Kinder einfangen. Erneut gehört ein Werk der jungen Künstlerin Birte Müller zu den ansprechendsten in diesem Herbst. "Auf Wiedersehen, Oma" ist der behutsame Versuch, eine kindergerechte Antwort auf das Sterben zu geben. Die Großmutter ist tot, aber die kleine Felipa weiß sich keinen Rat, wo sie die Seele der geliebten alten Frau finden soll. Hoch in den Anden will sie sogar in den schneebedeckten Bergen suchen, bis ihr der Vater erklärt, dass es zu Allerheiligen ein großes Fest für die Verstorbenen geben wird.

Birte Müller, die das Fest während eines Aufenthaltes in Lateinamerika selbst erlebt hat, malt stimmig und perspektivreich, nutzt Farben und Licht schlüssig für den Grundton der Geschichte. Ihr Stil ist schon jetzt nicht mehr aus der Bilderbuchlandschaft wegzudenken.

Ein anderes schwieriges Thema hat sich das Autorenduo Reinhard Michl (Bild) und Erhard Dietl (Text) vorgenommen. Wenn Eltern sich trennen, leiden oft am meisten die Kinder. Im Bilderbuch "Hast du mich noch lieb?" hält sich der kleine Bär die Ohren zu, weil sich die Eltern so sehr streiten. Er schreibt einen Zettel: "Ihr habt mich gar nicht mehr lieb", der die Eltern rührt, aber nichts daran ändert: Papa Bär zieht aus. Wie viele Hoffnungen Kinder darauf setzen, dass alles doch wieder gut wird und wie es auch Wege zu einem neuen Miteinander gibt, das können nicht nur Kinder ab drei Jahren, sondern auch die vorlesenden Eltern aus dieser kleinen Parabel erfahren.

An noch kleinere Bilderbuch-Fans wendet sich das wunderbare "Winter-Wimmelbuch" von Rotraut Susanne Berner. Die Illustrationen Berners wecken das Bedürfnis, in sie hineinzuschlüpfen. Auf den sieben großformatigen Bildern ist so viel los, dass schon Zweijährige sich kaum satt sehen werden: Da ist ein Papagei weggeflogen und eine Frau fährt gegen den Mast der Bushaltestelle, ein Jogger verliert Schlüssel und Brieftasche, eine Frau verpasst ständig von Bild zu Bild den Bus und ein Nikolaus fährt Motorrad. Zwischen Bahnhof, Kaufhaus und Weihnachtsmarkt gibt es Hunderte von kleinen Geschichten zu entdecken. Am Ende wartet ein Hase ganz rechts unten in der Ecke: Kündigt er schon das "Frühlings-Wimmelbuch" an?

Wie alle anderen vorgestellten Bücher wecken auch diese Bilder für die Kleinsten die Lust auf neue Verführungen zum Träumen und Denken.


Cornelia Funke: "Tintenherz Cecilie" Dressler Verlag, Hamburg; 576 Seiten; 19,90 Euro

Mary Hoffman: "Stravaganza - Stadt der Masken" Aus dem Englischen von Eva Riekert. Arena Verlag, Würzburg; 360 Seiten; 14,90 Euro

Jo Pestum: "Das schwarze Kloster" Thienemann Verlag, Stuttgart; 288 Seiten; 14,90 Euro

Jenny Nimmo: "Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder" Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann. Ravensburger Buchverlag, Ravensburg; 360 Seiten; 13,95 Euro

Jostein Gaarder: "Das Orangenmädchen" Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Hanser Verlag, München; 192 Seiten; 13,90 Euro

Mirjam Pressler: "Die Zeit der schlafenden Hunde" Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim; 272 Seiten; 14,90 Euro

Per Olov Enquist: "Großvater und die Wölfe" Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Hanser Verlag, München; 120 Seiten; 11,90 Euro

James Krüss Sabine Wilharm: "James' Tierleben" Carlsen Verlag, Hamburg; 128 Seiten; 19,50 Euro

Birte Müller: "Auf Wiedersehen, Oma" Verlag Michael Neugebauer, Gossau; 36 Seiten; 15,80 Euro

Reinhard Michl Erhard Dietl: "Hast du mich noch lieb?" Sauerländer Verlag, Düsseldorf; 32 Seiten; 13,90 Euro

Rotraut Susanne Berner: "Winter-Wimmelbuch" Gerstenberg Verlag, Hildesheim; 16 Seiten; 12,90 Euro

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