Hitlers Bombenterror: "Wir werden sie ausradieren"

3. Teil

Hätte eine weniger unglückliche Verkettung der Abläufe die Zerstörung der Stadt verhindert? Die deutsche Führung war jedenfalls entschlossen, mit ihrer Drohung, Rotterdam zu vernichten, Ernst zu machen, falls die Niederländer nicht in die Übergabe einwilligten. Der oberste Herr der Luftwaffe, Göring, hatte für den Abend des 14. Mai sogar eine Bombardierung ohne Rücksicht auf den Stand der Übergabeverhandlungen befohlen - offenbar war er über die schon laufenden zerstörerischen Angriffe noch nicht informiert.

Rotterdam wurde jedenfalls mehr noch als Warschau zum Symbol für deutsche Terrorbombardements. Dazu trug auch die Schreckenszahl von 30 000 Toten bei, die zunächst in der britischen Presse verbreitet wurde. Aber auch die Deutschen selbst benutzten Rotterdam, um mit der Macht ihrer Luftwaffe zu prahlen.

"Will man eine Propaganda betreiben mit dem Ziele, seht, so stark sind wir, so tüchtig ist unsere Wehrmacht, so wirken unsere Bomben und Waffen, dann ist kein Objekt besser dazu geeignet als Rotterdam", schrieb der Verbindungsmann des Auswärtigen Amtes bei den Truppen in den Niederlanden wenige Tage nach dem Angriff. "Will man aber vermeiden, weiter im Geruch des Kulturbanausentums zu bleiben, dann ist ein Besuch Rotterdams gefährlich. Da allerdings die Weltgeschichte immer dem Sieger Recht gibt, braucht uns das vielleicht für die Zukunft nicht so sehr zu bedrücken."

Die verklausulierte Warnung wirkte nicht. Im Sommer 1940 führten die in den Niederlanden, Belgien und Frankreich siegreichen Militärs Journalisten aus aller Welt Rotterdam als Beispiel ihrer unschlagbaren Überlegenheit vor.

"Wenn die britische Luftwaffe 2000 oder 3000 oder 4000 Kilogramm Bomben wirft, dann werfen wir jetzt in einer Nacht 150 000, 180 000, 230 000, 300 000, 400 000, 1 Million."

Adolf Hitler am 4. September 1940

Nach dem erfolgreichen Westfeldzug wurde die Luftwaffe eine Zeit lang Hitlers wichtigstes Kampfinstrument. Die englische Armee hatte sich unter schweren Verlusten bei Dünkirchen auf die Insel zurückgezogen, eine Invasion, das Unternehmen "Seelöwe", schien den deutschen Generalstäblern zu dieser Zeit noch zu gefährlich. So wurde der "verschärfte Luftkrieg" zum Mittel der Nazi-Führung, dessen Schlussphase "heftige Angriffe zur Zermürbung des ganzen Landes" bilden sollten, wie Göring forderte. Die Bomben galten daher zunächst militärischen Zielen wie Häfen und den Fabriken der Luftrüstung, doch den "Terror-Angriff" gegen englische Bevölkerungszentren schloss die Luftwaffenführung in ihren Planungen nicht aus. Allerdings hatte sich Hitler ausdrücklich seine persönliche Genehmigung für solche Aktionen vorbehalten.

Schon wenige Tage nach dem Beginn der Luftschlacht um England jedoch, am 24. August 1940 um 22 Uhr, griffen 100 Flugzeuge die britische Hauptstadt an und verursachten, so die Londoner Feuerwehr, 76 Schadensfälle in der City und vier Vororten. Ein britischer Vergeltungsangriff gegen Berlin am übernächsten Tag, der kaum Schäden anrichtete, versetzte den "Führer" in Wut: "Wenn sie erklären, sie werden unsere Städte in großem Ausmaß angreifen - wir werden ihre Städte ausradieren", verkündete Hitler am 4. September zur Eröffnung des "Winterhilfswerks".

Danach begann, was die Briten bald "The Blitz" nannten. Eine Serie von Angriffen auf London tötete bis Dezember 1940 rund 14 000 Menschen. Mindestens 250 000 Einwohner verloren ihre Wohnung. "Durchschlagende Wirkungen" erhoffte sich die "Feindnachrichtenabteilung" der Wehrmacht nicht von Angriffen auf Wohngebiete der Londoner City. Der Brite sei von Natur aus zäh, meinten die deutschen Militärs. Dagegen riet die Feindnachrichtenabteilung zur Bombardierung von Rüstungszentren wie Coventry, Birmingham und Sheffield: Eine "einzigartige Gelegenheit".

Besonders Coventry wurde der Luftwaffe empfohlen, denn dort würde "die Wirkung auf die Industrie noch dadurch besonders gesteigert, weil die unmittelbar in Werksnähe wohnende Arbeiterschaft stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Infolge der leichten Bauweise von Fabrik- und Wohngebäuden unter enger Zusammendrängung des bebauten Raumes ist hier eine besonders starke Wirkung bei Brandbombeneinsatz zu erwarten".

Alles, was einen Namen in der britischen Luftfahrtindustrie hatte, besaß in Coventry Werke, die nun wichtige Teile wie etwa Motoren für die Bomber vom Typ "Blenheim" und bald darauf "Lancaster" sowie die Jäger "Spitfire" und "Hurricane" bauten. Auf Grund einer lange gültigen Baubeschränkung im Außenbezirk waren die meisten Fabriken über die Innenstadt verstreut, manche wie die von Triumph oder Victoria lagen nur wenige Straßen von der Kathedrale entfernt, dem Wahrzeichen der Stadt.

Die Luftwaffe hatte eine Vollmondnacht Mitte November für einen großen Schlag gegen die englische Luftfahrtrüstung anvisiert - ein Generalstäbler mit Sinn für deutsche Klassik hatte der Operation den Codenamen "Mondscheinsonate" gegeben. Die Nacht vom 14. auf den 15. November war klar und hell. 449 deutsche Flugzeuge stiegen von der französischen Kanalküste auf. Kurz nach 19 Uhr begannen sie mit dem Abwurf von 56 Tonnen Brand- und 394 Tonnen Sprengbomben sowie 127 Minen.

"Der Horizont war ein riesiger Halbkreis aus Feuer", erinnerte sich der Probst der Kathedrale, Richard Howard, der mit drei Leuten seine Kirche an diesem Abend bewachte. Gegen 20 Uhr schlugen die ersten Bomben durch das Dach des Kirchenschiffs. Howard und seine Helfer löschten mit Sand und Handspritzen. Doch dann ergoss sich ein Feuerregen über Hauptschiff und Seitenkapellen. Die nun alarmierte städtische Feuerwehr hatte längst alle Züge anderswo in der Stadt im Einsatz.

Mitten im Feuer holten Probst Howard und seine Gruppe Kruzifixe, Altarkreuze, Kerzenständer, Bibeln und schließlich die Fahne des Royal Warwickshire Regiments aus der zusammenbrechenden Kathedrale und brachten sie in die nahe gelegene Polizeiwache. Bis weit nach Mitternacht explodierten Bomben um die 600 Jahre alte Kirche, bis nur noch der Turm stehen blieb. Der Pfarrer sah vom Eingang der Wache zu: "Die ganze Nacht brannte die Stadt, und die Kathedrale brannte mit ihr, Zeichen der ewigen Wahrheit, dass, wenn Menschen leiden, Gott mit ihnen leidet."

Die Deutschen hätten in der Tat auf die Fabriken gezielt, räumt der Brite Norman Longmate in seinem minutiösen Report über die Bombardierung von Coventry ein, "doch unvermeidlicherweise fielen viele Brandbomben auf Wohnungen". Es geschah, was die deutsche Feindnachrichtenabteilung prophezeit hatte, das ganze Zentrum ging in Flammen auf und fiel in Trümmer. Am Morgen danach waren kaum noch die Hauptstraßen unter dem Schutt wiederzufinden. "Wo zum Teufel sind wir?", fragte ein Mann aus Birmingham seinen Sohn mitten in einem Trümmerfeld. "Im Moment befinden wir uns in der Mitte der Alvis Autofabrik", antwortete der Sohn. Eine halbe Meile rund um die Fabrik war alles platt, und schließlich wusste auch der Sohn nicht mehr, wo er war.

Etwa ein Drittel der Fabriken war ganz oder schwer zerstört, ein weiteres Drittel zumindest eine Zeit lang außer Betrieb gesetzt. Von 75 000 Häusern waren 60 000 vollständig oder teilweise zerbombt. Auch die Hospitäler hatten zahlreiche Treffer abbekommen und mussten evakuiert werden. Über 550 Menschen starben durch den Angriff. Zum ersten Mal in Großbritannien mussten die Opfer in Massengräbern beigesetzt werden. Die Angehörigen durften ihre Toten nicht sehen, da viele schwer verstümmelt waren. Die Identifizierung musste anhand von Kleidern und persönlichen Gegenständen geschehen, die den Toten abgenommen worden waren.

Die britische Presse machte keine Versuche, das Ausmaß des Desasters zu verbergen, vielmehr wurde der Angriff zum Symbol einer weiteren Eskalation im Bombenkrieg. Die Schlagzeile der "Birmingham Gazette" vom 16. November wurde bald oft zitiert: "Coventry - our Guernica".

Die deutsche Propaganda rühmte sich unverfroren der schrecklichen Folgen der Operation "Mondscheinsonate". Die Wortschöpfung "coventrieren" bereicherte fortan das Wörterbuch des Unmenschen. Ein angeblicher Schwarzsender englischer Dissidenten namens "Workers' Challenge" - in Wahrheit von den Deutschen betrieben - versuchte den Briten mit dem Grauen von Coventry ihren Verteidigungswillen auszutreiben: "Es ist unmöglich zu beschreiben, was in Coventry passiert ist. Wenn wir damit anfingen, würden Sie abschalten."

Mit dem Angriff auf Coventry löste Hitler Vergeltungsschläge der Briten aus. Schon am 16. November flogen 127 britische Bomber eine Attacke auf Hamburg, den ersten Großangriff auf eine deutsche Stadt. Das "Coventrieren" wandte sich bald noch mehr gegen das Volk der Täter. An den Wirkungen der deutschen Spreng- und Brandbomben in der zerstörten Stadt studierten britische Luftkriegsexperten, wie sie künftig am besten ihre Bomben über Deutschlands Zentren platzieren konnten.

Waren die Deutschen also selbst schuld an den vernichtenden Bombardements auf ihre Städte? Ja, denn schließlich hatte ihre von den meisten bejubelte Führung den mörderischen Krieg gegen den Rest der Welt begonnen. Nein, denn die in den Luftschutzkellern erstickten oder auf den Straßen verbrannten Frauen, Kinder und Greise hatten den Bombenterror der deutschen Luftwaffe nicht verursacht, nicht einmal verhindern können. Die Aufrechnung von Opfern gegen Opfer führt nur auf Irrwege.

Wenige Wochen nach der Katastrophe von Coventry meldete sich Probst Howard aus den Ruinen seiner Kathedrale mit einer Botschaft der Versöhnung, in der weltweit übertragenen Weihnachtssendung der BBC "Round the Empire": "Wir möchten der Welt dies sagen. Mit Christus, der heute in unseren Herzen wiedergeboren wurde, versuchen wir - so schwer es auch sein mag - alle Gedanken an Rache zu verbannen."

Die Serie verheerender deutscher Luftangriffe auf gegnerische Städte kann ebenso wenig als Entschuldigung für spätere unterschiedslose Flächenbombardements der Alliierten dienen. Aber diese Vorgeschichte kann mit erklären, warum sich der britische Premier Winston Churchill schließlich zu dieser brutalen Maßnahme entschloss.

Es hilft auch nicht weiter, wenn deutsche Historiker nach dem Krieg akribisch zwischen den völkerrechtlich gedeckten Absichten der Luftwaffe - nämlich nur militärische Ziele zu treffen - und den bedauerlichen Folgen differenzieren. "Die Auswirkung solcher Angriffe" hätte "häufig diesen Charakter" eines "unterschiedslosen Terrorbombenkriegs" gehabt, so etwa der Militärgeschichtsforscher Horst Boog in seinem Aufsatz "Bombenkriegslegenden". Für die Wirkung sowohl auf die Opfer wie auf die Weltöffentlichkeit machte die feine Unterscheidung damals keinen Unterschied.

Wenn sie denn diesen Unterschied zunächst gemacht haben sollte - im weiteren Verlauf des Kriegs gab sich die Luftwaffe bald keine Mühe mehr, den Anschein zu wahren. Nach den zweitägigen Angriffen auf Belgrad Anfang April 1941, bei denen Bomben auf angeblich kriegswichtige Ziele über 2200 Menschen töteten, begannen 1942 offene Terrorschläge gegen englische Städte. Die so genannten Baedeker-Angriffe trugen ihren Namen, weil die Ziele wie Bath, Exeter oder Canterbury allenfalls von touristischem Interesse und aus dem Reiseführer ausgewählt worden waren.

Im August 1942 warf die Luftwaffe unter Führung des bei Guernica und Warschau erprobten Richthofen tagelang flächendeckend Bomben auf Stalingrad. Über dem späteren Untergang der 6. Armee geriet das mörderische Bombardement fast in Vergessenheit: 40 000 Menschen kamen dabei schätzungsweise um, eine bis dahin unerhörte Zahl ziviler Opfer. 1944 begann schließlich die Beschießung britischer Städte, besonders von London, mit den "Vergeltungswaffen" V1 und V2, die nicht zielgenau gesteuert werden konnten und wahllos alles trafen. Insgesamt 66 400 Menschen starben in Großbritannien bei deutschen Luftangriffen, davon 8994 durch die angeblichen Wunderwaffen. Die letzte V2 wurde am 27. März 1945 abgeschossen.

MICHAEL SCHMIDT-KLINGENBERG

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