Deutschland im Feuersturm Berichte aus einem Totenhaus

In der deutschen Nachkriegsliteratur hat der Bombenkrieg zahllose Spuren hinterlassen. Aber die meisten wurden bald vergessen oder verdrängt. Die Erinnerung an das Grauen belastete nicht nur die Leser, sondern auch die Autoren.


Die Stimme kommt aus weiter Ferne. Mal ist sie klarer, mal weniger deutlich zu vernehmen. "Deutsche Hörer!", erklingt es mit gestrengem Ton aus dem Äther. "Hat Deutschland geglaubt, es werde für die Untaten, die sein Vorsprung in der Barbarei ihm gestattete, niemals zu zahlen haben?" Der Schriftsteller Thomas Mann spricht zu seinen deutschen Landsleuten. Es ist ein Tag im April 1942. Kurze Zeit zuvor ist seine Heimatstadt Lübeck bei einem Angriff britischer Bomber weitgehend zerstört worden, darunter auch "das Haus meiner Großeltern, das so genannte Buddenbrook-Haus in der Mengstraße".

Die Stimme kam tatsächlich von weit her: nicht nur über den Äther, sondern über den Atlantik. Thomas Mann (1875 bis 1955), der seit 1938 im US-Exil lebte, sprach seine monatlichen Reden gewöhnlich in Los Angeles, in einem Studio der Radiostation NBC, auf Schallplatte, die dann mit dem Flugzeug nach New York gebracht, dort telefonisch nach London überspielt und schließlich von der BBC auf Langwelle ins Deutsche Reich ausgestrahlt wurde.

Die Ansprache vom April 1942 war Thomas Mann nicht leicht gefallen. Als er einige Tage zuvor im Tagebuch festhielt, London wünsche eine "special message über Lübeck", setzte er hinzu: "Kaum tunlich." Er überwand dann zwar seine Bedenken, doch als er bald darauf, im Mai, vom britischen Angriff auf Köln hörte, zeigte er sich in seinen privaten Aufzeichnungen umso erschrockener. "Furchtbarer Air-Raid auf Köln, 1000 Flugzeuge", notierte er. Die Flammen seien bis Holland sichtbar gewesen: "Vernichtung und Panik. Erschütternd, aber die Sühne beginnt."

Thomas Manns Exilnachbar Bertolt Brecht zeigte sich während des Krieges über die harten Äußerungen des Kollegen in Bezug auf die deutsche Zivilbevölkerung empört. Im Tagebuch hielt er im August 1943 eine angebliche mündliche Äußerung des anderen fest ("Ja, eine halbe Million muss getötet werden in Deutschland") und kommentierte: "Der Stehkragen sprach." Für Brecht (1898 bis 1956) waren die alliierten Luftangriffe beklemmend: "Das Herz bleibt einem stehen, wenn man von den Luftbombardements Berlins liest", heißt es. "Da sie nicht mit militärischen Operationen verknüpft sind, sieht man kein Ende des Krieges, nur ein Ende Deutschlands."

Im selben Jahr, 1943, fragt sich Brecht als Lyriker nach dem Schicksal seiner Heimatstadt und blickt auf das Wiedersehen mit Deutschland voraus. "Die Rückkehr" lautet der Titel des erst später, 1949, publizierten Gedichts, und die Leitfrage ist, wie die "Vaterstadt" für ihn überhaupt zu finden sein werde: "Wo denn liegt sie?" Antwort: "Wo die ungeheueren / Gebirge von Rauch stehn. / Das in den Feuern dort / Ist sie." Und gewissermaßen an die ferne Heimat gerichtet, heißt es weiter: "Vor mir kommen die Bomber. Tödliche Schwärme / Melden euch meine Rückkehr. Feuersbrünste / Gehen dem Sohn voraus."

Ein anderer Exilnachbar, der sich allerdings - anders als die Manns - in den gastfreundlichen USA nie wohl gefühlt hatte, fuhr als einer der Ersten: Alfred Döblin ("Berlin Alexanderplatz"). Er betrat im November 1945 deutschen Nachkriegsboden und ließ sich zunächst in Baden-Baden nieder, wo er für die französische Militärbehörde arbeitete. Auf ersten Reisen besuchte er 1946 Stuttgart, Mainz und Pforzheim - und er verglich das, was er sah, mit den Vorstellungen, die er und andere im Exil sich von den deutschen Zuständen gemacht hatten: "Nicht durch das Gehirn des schwärzesten Pessimisten irrte damals eine solche Phantasie, wie sie jetzt Realität geworden ist. Es gibt Städte, von denen wenig mehr als die Namen existieren. Andere sind so umgelegt worden, dass sie völlig ihren Charakter einbüßten." Aus dem Land sei eine Wüste geworden. Der Rückkehrer fühlte sich im Übrigen so wenig wahrgenommen und erwünscht, dass er im Frühjahr 1953 nach Paris übersiedelte. Für Döblin (1878 bis 1957) erwies sich die Rückkehr nach Deutschland als Sackgasse.

Ruinen, Trümmergrundstücke und Brachland bestimmten noch ein Dutzend und mehr Jahre nach 1945 in Deutschland das Bild. Für die Nachkriegskinder war der Anblick so vertraut, dass manche ihn "für eine sozusagen natürliche Gegebenheit aller größeren Städte" halten mochten - wie es später der Schriftsteller W. G. Sebald, Jahrgang 1944, formuliert hat, für den in jungen Jahren "Schutthalden, Brandmauern und Fensterlöcher" geradezu Stadt definierten.

Sebald war es auch, der mehr als 50 Jahre danach, am Ende des 20. Jahrhunderts in einer Poetikvorlesung (und danach in einem Buch) zu der Überzeugung kam, dass in der deutschen Literatur das Thema der Bombennächte weitgehend ausgespart worden sei - Grund war nach seiner Meinung "das über die äußere und innere Zerstörung verhängte Tabu". Das ist auf den ersten Blick eine verblüffende Feststellung, und von Anfang an wurde seiner These, zum Teil recht heftig, widersprochen. Doch würde man es sich mit der Position Sebalds allzu einfach machen, wollte man ihr mit dem quantitativen Argument einer Aufzählung von Gegenbeispielen entgegentreten.

Sebald wollte im Grunde auf etwas anderes hinaus: Für ihn ist die Gewinnung von "ästhetischen und pseudoästhetischen Effekten aus den Trümmern einer vernichteten Welt" grundsätzlich fragwürdig, auch betrachtet er - "auf Grund des von so vielen miterlebten und vielleicht nie wirklich verwundenen Grauens" - "im Nachhinein imaginierte Katastrophenpanoramen der in Flammen stehenden deutschen Städte" mit äußerster Skepsis, alle späteren Versuche also, sich in die vom Feuersturm Betroffenen hineinversetzen zu wollen.

Also lieber davon schweigen? Der Begriff "Katastrophe" war schon den Hamburger Zeitzeugen im Sommer 1943 nach den tagelangen Angriffen der "Operation Gomorrha" sogleich zur Hand: Der interne Polizeibericht vom Dezember ("Nur für den Dienstgebrauch!") trug in der Anlage "Erfahrungen" die Überschrift "Die Hamburger Luftangriffs-Katastrophe im Juli-August 1943".

Der Schriftsteller Hans Erich Nossack nannte seinen eigenen, ebenfalls im Dezember 1943 abgeschlossenen, erst nach dem Krieg publizierten Bericht schlicht "Der Untergang" - und er fragte sich schon damals verzweifelt, ob man das "Bild der völligen Vernichtung", das sich ihm in seiner Heimatstadt in den Tagen nach jenen Angriffen bot, überhaupt der Nachwelt vermitteln sollte: "Wozu dies alles niederschreiben? Wäre es nicht besser, es für alle Zeiten der Vergessenheit preiszugeben?"

Der Schock saß tief, und Nossack, der mit seiner Wohnung auch fast alle Manuskripte und Tagebücher verloren hatte, konnte ihm nur begegnen, indem er wie ein Chronist, um äußerste Nüchternheit und Sachlichkeit bemüht, notierte, was er sah und hörte: "Was uns umgab, erinnerte in keiner Weise an das Verlorene. Es hatte nichts damit zu tun. Es war etwas anderes, es war das Fremde, es war das eigentlich Nicht-Mögliche." Der klare, unpathetische Stil macht seinen Bericht zu einem Musterfall einer auch nach Jahrzehnten noch überzeugenden Darstellung des verheerenden Luftangriffs. Besser gesagt von dessen Folgen, denn Nossack, der das eigentliche Bombardement nicht in Hamburg selbst, sondern zufällig vor den Toren der Stadt erlebte, in dem Dorf Horst (mit dessen Name sich heute ein Autobahndreieck verbindet), lässt den eigentlichen Schrecken nur indirekt, durch die Erzählungen von anderen einfließen: "Was sie erzählen, wenn sie überhaupt davon sprechen, ist so unvorstellbar grauenhaft, dass es nicht zu begreifen ist, wie sie es bestehen konnten."

Nossack stellte seinem Text ein Motto von Dostojewski ("Aus einem Totenhaus") voran: "Im allgemeinen sprachen sie wenig über ihre Vergangenheit, sie erzählten nicht gern und bemühten sich, wie es schien, nicht an das Frühere zu denken."



© SPIEGEL special 1/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.