Der Kriegsausbruch "Seine Schuld ist sehr groß"

Der Wilhelm-II.-Biograf John Röhl über die Verantwortung des Kaisers für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs


SPIEGEL:

Professor Röhl, am 1. August 1914 sagte der französische Botschafter in Berlin, Jules Cambon, zu seinem britischen Kollegen: "Heute Abend gibt es drei Leute in Berlin, die bedauern, dass der Krieg begonnen hat: Sie, ich und Kaiser Wilhelm!" Hat Wilhelm II. den Ersten Weltkrieg nicht gewollt?

Röhl: Er hat ihn so, wie er gekommen ist, nicht gewollt.

SPIEGEL: Einen begrenzten Waffengang hat Wilhelm demnach aber schon angestrebt?

Röhl: Ja, obwohl zugegebenermaßen seine Reaktion auf das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 zunächst nicht sehr kriegerisch war. Er segelte gerade in der Kieler Förde, als Admiral von Müller ihn unterrichtete. Wilhelm fragte dann Müller: "Meinen Sie, ich soll die Regatta abbrechen?" Er wusste gar nicht, was er tun sollte. Und auch in den folgenden Tagen war von Kriegstreiberei nichts zu spüren. Man kann noch nicht einmal sagen, dass er unschlüssig war. Er ging einfach nicht davon aus, dass noch Verwicklungen kommen würden.

SPIEGEL: Aber Sie haben doch - ähnlich wie Fritz Fischer - behauptet, dass Berlin bereits seit 1912 einen Krieg "vorsätzlich" geplant habe. Dazu passt die Reaktion Wilhelms nicht.

Röhl: Ich will das nicht zurückziehen, aber ich weise darauf hin, dass ich hinter die Formulierung vom "vorsätzlichen Krieg" ein Fragezeichen gesetzt habe. Sicher ist eines: Die Berater des Kaisers sprachen seit 1911 davon, dass in wenigen Jahren der optimale Zeitpunkt für einen Krieg kommen würde. Sie wollten die deutsche Vorherrschaft in Europa erreichen, hegten aber die Sorge, dass das Kräfteverhältnis sich langfristig zu Ungunsten Deutschlands verschieben würde.

SPIEGEL: Aber was wollte Wilhelm?

Röhl: Am 3. oder 4. Juli - genau wissen wir das nicht - notierte der Kaiser am Rand eines Dokuments: "Jetzt oder nie. Mit den Serben muss aufgeräumt werden, und zwar bald." Das war ein Plädoyer für einen Krieg Österreich-Ungarns gegen Serbien.

SPIEGEL: Woher rührte der Wandel Wilhelms?

Röhl: Wahrscheinlich reagierte er so auf Grund eines Gesprächs, das er mit einem Generalstabsoffizier und Balkanexperten am Abend des 3. Juli führte. Um das alles zu verstehen, müssen Sie sich eine Matrjoschka-Puppe vorstellen. Der Serbienkrieg ist die kleine Figur im Innern. Den wollten alle: der Kaiser, die Generalität, Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Österreich sollte damit seine Vorherrschaft auf dem Balkan sichern. Die Hoffnungen der Militärs und Bethmann Hollwegs gingen allerdings weiter: Sie planten auch einen Krieg gegen Russland und Frankreich, weil sie glaubten, dass die Gelegenheit günstig wäre, den Eindämmungsring zu sprengen, den Paris, London und St. Petersburg um das Reich gelegt hatten. Das ist die zweite Puppe. Das Attentat von Sarajevo kam Bethmann Hollweg insofern gelegen. Vielleicht haben die Deutschen sogar von dem Anschlagsplan vorab gewusst.

SPIEGEL: Wie kommen Sie denn darauf?

Röhl: Graf Alfred von Waldersee, der Generalquartiermeister, hat zwölf Tage vor dem Attentat die Militärbevollmächtigten, die die Könige von Sachsen, Bayern und Württemberg in Berlin unterhielten, zu sich gerufen und gebeten, keine schriftlichen Berichte mehr für die Kriegsminister ihrer Staatsregierungen zu verfassen. Das deutet darauf hin, dass etwas streng Geheimes vor sich ging.

SPIEGEL: Das klingt nach einer großen Verschwörung.

Röhl: Sicher ist: Im Kalkül Bethmann Hollwegs sollte Österreich-Ungarn im Falle eines Krieges an der deutschen Seite stehen. Daher brauchte man eine Balkankrise, so dass Wien von Anfang an involviert war. Russland musste zugleich als Angreifer dastehen. Denn sonst war die deutsche Bevölkerung für einen Krieg nicht zu gewinnen.

SPIEGEL: Und was ist die dritte Puppe?

Röhl: Der Krieg gegen England. Den wollten weder der Kaiser noch seine Generale. Die Konsequenz ihrer Politik haben sie insofern ganz falsch eingeschätzt.

SPIEGEL: Teilte der Kaiser denn das Kalkül Bethmann Hollwegs?

Röhl: Es gibt Indizien dafür. Am 5. Juli erschien der österreichische Botschafter im Neuen Palais in Potsdam mit einem Schreiben. Darin bat der österreichische Kaiser Franz Joseph um Rückendeckung für seine Pläne, gegen Serbien vorzugehen. Wilhelm sah sofort, dass sich ein Krieg mit Russland und Frankreich ergeben könnte. Dennoch sagte er: Auf mich können Sie sich verlassen. Das ist der berühmte Blankoscheck.

SPIEGEL: Haben Sie noch mehr Indizien?

Röhl: Am gleichen Abend und am nächsten Morgen empfing er Bethmann Hollweg, den Kriegsminister und führende Militärs, um sie über die Möglichkeit eines Krieges mit Russland zu informieren. Und was mir auffällt: Es gab keinen Dissens. Die nahmen das alle so hin, als ob dies eine Absprache sei, von der sie schon lange wussten.

SPIEGEL: Wenn Wilhelm wirklich das Risiko eines Weltkriegs einging, warum stach er dann am 7. Juli zu einer Kreuzfahrt in See?

Röhl: Bethmann Hollweg hatte ihn ausdrücklich gebeten, die übliche Nordlandreise anzutreten. Andernfalls, so sagte der Reichskanzler, würde ganz Europa merken, dass sich hier etwas anbahnt.

SPIEGEL: Aber führende Militärs gingen ebenfalls in die Ferien. Das macht man doch nicht, wenn ein Krieg bevorsteht.

Röhl: Auch dies sollte den Schein der Friedfertigkeit erwecken. Außerdem hielten sie ihre Vorbereitungen für abgeschlossen. Es gab keinen Grund, in Berlin zu verweilen.

SPIEGEL: Dennoch. Es fällt schwer zu glauben, dass ein Kaiser, der die Regierungszentrale verlässt, wirklich auf Kriegskurs ist.

Röhl: Es gibt noch einen Hinweis. Normalerweise fuhr der Kaiser bis zum Nordkap. Dieses Mal aber ging sein Schiff nur in Balholm vor Anker, rund 100 Kilometer nördlich von Bergen. In 22 Stunden konnte der Kaiser von dort aus Cuxhaven erreichen.

SPIEGEL: Aber das ist doch kein Beweis, dass der Kaiser den Krieg wollte.

Röhl: Vielleicht überzeugt Sie das: Am 25. Juli kam der Kommandant der deutschen Hochseeflotte nach Balholm und berichtete, dass der Krieg mit Russland näher rücke. Und was war die erste Reaktion Wilhelms? Er wollte die russischen Flottenstützpunkte Reval (Tallinn) und Libau (Liepaja) an der Ostsee beschießen lassen. Das redete man ihm aus, aber so war der Mann. Bethmann Hollweg bezeichnete Wilhelm in diesen Tagen als "geschwollenen Leutnant": nassforsch, militaristisch, kriegerisch.

SPIEGEL: Dann kehrte Wilhelm nach Deutschland zurück und bekam offenbar kalte Füße. Am 28. Juli notierte der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn, der Kaiser halte "wirre Reden, aus denen nur klar hervorgeht, dass er den Krieg jetzt nicht mehr will".

Röhl: Das stimmt. "Jetzt" nicht mehr. Er bekam wirklich Angst, wenn auch nur vorübergehend. Aber man muss genau hinsehen: Die Unterjochung der Serben, die er als Räuberpack bezeichnete, durch die Österreicher wollte er weiterhin. Und auch den Flottenwettlauf mit Großbritannien mochte er nicht aufgeben. Als Bethmann Hollweg ihm auf dem Höhepunkt der Julikrise vorschlug, mit London eine Verständigung in dieser Frage zu suchen, lehnte er ab. Mit hochrotem Kopf verließ der Reichskanzler nach dem Gespräch damals den Raum.

SPIEGEL: Die Alliierten wollten den Kaiser vor Gericht stellen, "wegen schwerster Verletzung des internationalen Sittengesetzes". Dazu kam es nicht, weil die Holländer den 1918 ins Exil geflohenen Monarchen nicht auslieferten. Gehörte Wilhelm vor Gericht?

Röhl: Er hat keine Kriegsverbrechen verübt, keinen Mordbefehl erlassen oder dergleichen. Aber Verschwörung zu einem Angriffskrieg - das muss man ihm vorwerfen. Ich glaube, seine Schuld ist sehr groß, viel größer als gemeinhin unterstellt wird. Und wenn er vor Gericht gekommen wäre, wäre er auch verurteilt worden.

"Manchmal ist Wilhelm mit zwei Frauen gleichzeitig ins Bett gegangen. Das tut ein homosexueller Mann wohl eher nicht."

SPIEGEL: Waren die anderen denn vollkommen unschuldig? Immerhin koppelte Zar Nikolai II. sein Land immer enger an Serbien, das von einem großserbischen Reich träumte und aus der Großmacht Österreich-Ungarn eine Art Schweiz des Ostens machen wollte. Auf friedlichem Wege war das nicht möglich.

Röhl: Ich will Russen und Serben nicht verteidigen. Aber eines ist sicher: Das Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien bedeutete Krieg, und ohne die Deutschen hätte es das Ultimatum nicht gegeben. Ich glaube übrigens, dass es überhaupt nicht zu einem Krieg gekommen wäre, wenn die Deutschen ihren Weltmachtanspruch reduziert hätten.

  • 1. Teil: "Seine Schuld ist sehr groß"
  • 2. Teil


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