Die Westfront Der letzte Mann

Charles Kuentz aus Colmar ist der einzige überlebende Frontkämpfer der deutschen Armee.


In den Ersten Weltkrieg zog er in deutscher Uniform. Denn er war Elsässer. In den Zweiten Weltkrieg zog er in französischer Uniform. Denn er war Elsässer.

Sein Sohn François wurde für den Krieg 1944 in eine SS-Uniform gesteckt. Heute liegt der Sohn auf einem französischen Gefallenenfriedhof, "Mort pour la France". Denn auch er war Elsässer.

"Es ist ein wenig kompliziert", sagt Charles Kuentz, als müsste er sich dafür entschuldigen. Vor ihm auf dem Wohnzimmertisch liegen eine preußische Kriegskarte und ein Militärpass. Es sind Museumsstücke. Kuentz hat sie noch in seinem Tornister getragen. Im Februar wurde Charles Kuentz 107 Jahre alt. Er ist einer der 36 überlebenden Frontsoldaten in Frankreich. Er ist der einzige von ihnen, der an beiden Fronten des Weltkriegs, Ost und West, gekämpft hat. Und vermutlich ist er der letzte Überlebende von 13,2 Millionen Soldaten, die in deutscher Uniform gekämpft haben.

"Erzähl, Papa!", sagt seine Tochter.

"Die Kälte in Russland, die Nässe, der Schlamm in den Unterständen", sagt Charles Kuentz.

Kuentz ist ein hellwacher Greis mit seidiger Haut, der seine Einkommenserklärung selbst macht, Kartoffeln schält und die Zeitung liest. Er braucht keinen Pfleger. Im Mai wird er nach Berlin kommen, auf Einladung des Deutschen Historischen Museums. Er wird durch eine Geschichtsausstellung gehen, und die Leute werden ihn bestaunen wie jemanden, den eine Zeitmaschine ausgeworfen hat.

Er hat die Augen weit aufgerissen, die Brauen nach oben gezogen wie ein Junge, der sein erstes Autorennen sieht. Es ist der gleiche neugierige Blick wie auf dem Foto vor ihm auf dem Küchentisch, aufgenommen 1916 in Jüterbog, wo Charles Kuentz aus Colmar für den Tod gedrillt wurde. Das Bild zeigt ein als Soldat verkleidetes Kind, in zu großen Stiefeln und mit Jungenbärtchen auf der Oberlippe. Nein, sagt er, er träume nicht mehr vom Krieg.

Zweieinhalb Jahre lang war der Tod stets da. Kuentz überlebte die minus 40 Grad in den russischen Gräben, die Sümpfe und den Typhus. Er überlebte die zweite Marneschlacht, die Somme und das Gas von Ypern. Einmal wurde hinter ihm sein Freund weggeschossen. Er selbst lebte weiter. Die Luft war voller Eisen und Erde. Es stank nach den Kadavern, die von den Granaten immer wieder ein- und ausgegraben wurden. Da war das Pfeifen der heranfliegenden Granaten, das Grollen, trommelfellzerfetzendes Krachen, die maßlose Gewalt der Explosionswellen. Kuentz stand neben seinem Geschütz und lebte weiter. Keine Verwundung, kein Splitter, nichts. Der Tod immer gegenwärtig. Er muss sich so an Charles Kuentz gewöhnt haben, dass er schließlich vergaß, ihn mitzunehmen.

1995 hat die französische Republik alle noch lebenden Frontkämpfer mit der Ehrenlegion ausgezeichnet. Charles Kuentz hat sie nicht bekommen. Denn er ist Elsässer.

"Ich habe fast nie vom Krieg erzählt, als ich nach Hause kam", sagt Kuentz. Die Fragen hat er sich aufschreiben lassen und am Abend zuvor die Antworten notiert, in gleichmäßiger und ruhiger Schrift. "Es ist erst jetzt, seitdem ich hundert Jahre alt bin und man mich immer mehr über den Krieg befragt, dass ich versuche, mich an gewisse Ereignisse zu erinnern." Er liest auf Deutsch, erklärt auf Französisch. Seine Stimme etwas zu laut, wie bei allen, deren Gehör nachlässt. Beim Lesen schaut er sein Gegenüber immer wieder an, als wolle er sicher sein, dass kein Wort verloren geht.

Als Kuentz am 18. Februar 1897 geboren wurde, roch seine Welt nach Petroleumlampen. Strom gab es nicht. Ein Kind namens Adolf Hitler lernte gerade Lesen. Kuentz' Vater war bei der Eisenbahn: "Er ist 1864 als Franzose geboren worden und musste in seinem Leben fünfmal die Nationalität wechseln." 1871 wurde Elsass-Lothringen deutsch, 1918 wieder französisch, 1940 von Deutschland besetzt und 1944 endgültig Teil der République Française.

Das Elsass war von Kultur und Sprache gewiss deutsch - vom Nationalgefühl jedoch französisch. Die Marseillaise war in Straßburg geschrieben und zum ersten Mal gesungen worden. Napoleons beste Generäle waren Elsässer, in der Grande Armée waren überproportional Elsässer unter den Offizieren.

Nach der Annexion Elsass-Lothringens 1871 begann Ähnliches wie 120 Jahre später in der Ex-DDR. Das alte Reich schickte Beamte, Lehrer und Ingenieure ins Anschlussgebiet und versuchte mit sehr viel Geld, im "Reichsland" blühende Landschaften zu errichten. Es wurde der Straßburger Bahnhof gebaut, die Justizgebäude rund um den Kaiserplatz. Das Elsass gehörte unmittelbar dem Reich. Der Kaiser übte die Staatsgewalt aus, und die aufgestellten Truppen hießen "Kaiserliche".

So auch die "Kaiserliche Garde", deren letzter Angehöriger, der Artillerist Charles Kuentz, an seinem Wohnzimmertisch sitzt, in einem anderen Jahrtausend.

Als der Krieg begonnen wurde, war Kuentz Gymnasiast in Metz. An Kriegsbegeisterung kann er sich nicht erinnern. Manche Elsass-Lothringer mochten sich die Befreiung durch Frankreich erhoffen. Die meisten verhielten sich loyal, in der Annahme, dass Deutschland den Krieg rasch und siegreich beenden würde. Und alle fürchteten sich. Das Land westlich des Rheins hatte genug Kriege miterleben müssen, um zu wissen, dass die nächsten Monate entsetzlich sein würden.

Über ganz Elsass-Lothringen wurde der "verschärfte Kriegszustand" verhängt. Es gab Umsiedelungen, Kriegsgerichte, "Schutzhaft", Requirierungen und eingeschmolzene Kirchenglocken. Die zarten Gefühle für den Kaiser hielten dem Kriegsalltag nicht lange stand. Das Elsass war das einzige Gebiet des Reichs, auf dessen Boden während des gesamten Kriegs gekämpft wurde. Das Massensterben begann im Elsass, lange vor Verdun. Am Lingekopf und am Hartmannsweilerkopf starben Zehntausende Soldaten.



© SPIEGEL special 1/2004
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