Die Ostfront Die toten Augen im Berg

Die irrwitzigsten Gefechte des Ersten Weltkriegs führten Österreicher und Italiener hoch oben in Eis und Schnee. Im Alpenkrieg starben mindestens 150 000 Menschen ­ vom Feind getötet, abgestürzt, verhungert oder unter Lawinen begraben.


Über allen Gipfeln herrscht Ruh. Auch am Kleinen Lagazuoi in den Dolomiten, 2778 Meter hoch. Es ist der 22. Mai des Jahres 1917, der Berg liegt in der Abenddämmerung.

Dann plötzlich kommt, über die provisorische Telefonleitung, der verabredete Code: "Hauptmann Eymuth trifft heute 10 Uhr abends beim Kampfabschnittskommando ein."

Eymuth ist österreichischer Offizier. Seine Kameraden haben, in mühseliger Arbeit, durch einen eigens vorgetriebenen Stollen 24 Tonnen Sprengstoff ins Innere des Berges verfrachtet. 24 000 Kilogramm, verpackt in über 1000 Kisten. Eine Supermine im Abwehrkampf gegen die Italiener. Eymuths Name ist das Signal, diese Mine vom Gewicht eines Panzers zum verabredeten Zeitpunkt zu zünden.

DER SPIEGEL
Auf die Sekunde genau um 22 Uhr explodiert der Berg, wieder und wieder bricht sich das Echo im Tal und an den Höhen und steigert sich zum infernalischen Getöse. "Die Felsen barsten", schildert ein Augenzeuge, umher "schossen häusergroße Blöcke, Wände sanken um wie ein Bücherstapel. Menschenleiber, Köpfe, Beine, Arme flogen empor - eine grausige Himmelfahrt". Wie viele italienische Alpini bei dem Massaker oben auf dem Kleinen Lagazuoi den Tod fanden, ist bis heute ungeklärt.

Als wieder Ruh herrschte über allen Gipfeln, sah der Berg anders aus, kleiner und schmaler. Wohl 130 000 Kubikmeter Gestein hatte die gewaltige Detonation abgesprengt. Jetzt klaffte im Gestein, notierte der Beobachter weiter, "ein Riss, fast 200 Meter hoch und 136 Meter breit".

Der strategisch aberwitzige Coup war nur ein Etappensieg in einem fast surreal anmutenden Kampf zwischen Himmel und Erde, den europäische Soldaten bislang so nicht kannten. Der Alpenkrieg war ein Krieg auf Skiern und an Kletterseilen, auf schmalem Grat, in bis zu zehn Meter hohen Schneewüsten oder mitten im ewigen Eis.

Manche Militärhistoriker reihen, fast wie Guinness-Statistiker, Rekord an Rekord: erster eroberter Dreitausender der Kriegsgeschichte (Monte Scorluzzo, 3094 Meter); erstes Gletschergefecht der Kriegsgeschichte (Presema, 2700 Meter); höchstgelegenes Gefecht bis dato (Punta San Matteo, 3692 Meter); höchstgelegener Schützengraben samt Geschütz (Ortler, 3905 Meter).

Was sich aber dahinter verbarg und was sich da oben wirklich abspielte, oft nur unter vier Augen und ohne Zeugen, muss ein archaisches Ringen gewesen sein - ein Kampf mit dem Feind und mit der Natur gleichermaßen. Temperaturen bis zu minus 40 Grad konnten, buchstäblich, das Blut gefrieren lassen, schwere Stürme und mächtige Gewitter lähmten oft alle Sinne, die Lunge musste doppelte Arbeit leisten.

Und wenn in der rauen Höhe die automatischen Waffen versagten, Pistolen oder Karabiner, dann kämpften die Soldaten auf kleinen Felsvorsprüngen mit Steinen in den Fäusten. Oder sie schwangen den Morgenstern - jene mittelalterliche Stachelkeule, die in manchen Einheiten zur Standardausrüstung gehörte. Ein bizarrer Anachronismus, vor gerade mal 90 Jahren.

Wer aber - egal, mit welchen Mitteln - den Berg beherrschte, der galt erst einmal als unbezwingbar. Wie eine Burg, deren Steilhänge darunter, weil schon die Schwerkraft half, sich gegen Angreifer recht leicht verteidigen ließ. Die Gipfelbesetzer konnten kaum von da oben vertrieben werden. Selbst wenn es nur ein paar Mann waren.

Das jedenfalls schien zu Beginn des Alpenkriegs feste Überzeugung der militärischen Führung zu sein; und daran knüpfte sich vermutlich die Hoffnung vieler, diesen Abschnitt der Auseinandersetzung mit möglichst geringen Verlusten durchzustehen.

Trotzdem starben in den Alpen damals mindestens 150 000 Menschen, wahrscheinlich mehr als 180 000 - vom Feind getötet, abgestürzt, verhungert, erschöpft. Eine genaue Zahl der Opfer gibt es nicht, auch keine der Vermissten. Wohl 60 000 von ihnen wurden durch Lawinen in den Tod gerissen. Eigentlich, schrieb der Autor Gunther Langes, habe niemand damit gerechnet, dass es je "die Front der Hochalpen" geben würde, schließlich sei das Gebirge "moderner Strategie fremd geblieben". Ein Irrtum, fatal und folgenschwer.

Rom, 23. Mai 1915. Italien erklärt Österreich-Ungarn offiziell den Krieg - und stürzt die Donaumonarchie auf den ersten Blick "in eine verzweifelte Lage", heißt es in der kürzlich erschienenen "Enzyklopädie Erster Weltkrieg". Fast das gesamte k. u. k. Heer operiert an der Ostfront und auf dem Balkan, für die notwendige Sicherung der 600 Kilometer langen Grenze zu Italien stehen "nur schwache, improvisierte Kräfte zur Verfügung".

Etwa die Tiroler Standschützen, eine über 30 000-köpfige Miliz, die als letztes Aufgebot galt - bestand sie doch weitgehend aus sehr jungen oder älteren, häufig invaliden Männern. Aber, so lobte der österreichische General Ernst Kabisch: "Sie alle kannten die Berge, wussten die Büchse zu führen und mit Falkenblick zu spähen, zu zielen und zu treffen."

Die potenzielle Kampflinie begann im flacheren Osten am Flüsschen Isonzo, wo später mehrere große Schlachten geschlagen werden sollten, zog sich in sichelförmigem Bogen über die Julischen und Karnischen Alpen hinweg ins Dolomitengebiet, ging runter ins Etschtal, quer durch Judikarien nordwestlich des Gardasees und übers Ortlermassiv. Sie endete am Stilfser Joch; hier begann die neutrale Schweiz.

Knapp 100 Kilometer der österreichischitalienischen Grenze im Westen verliefen auf einer geschlossenen Eisfront, fast durchweg in Höhen von über 3000 Metern. Schon deshalb wollte der italienische Oberbefehlshaber Luigi Graf von Cadorna, vermerkt die Enzyklopädie, "nichts überhasten und erst nach sorgfältiger Vorbereitung methodisch vorrücken". Auch hatte er vor dem kriegserfahrenen Gegner gehörigen Respekt.

Wenn in der rauen Höhe die automatischen Waffen versagten, kämpften die Soldaten mit Steinen in den Fäusten.

Die Zeit, die General Cadorna verstreichen ließ, nutzten die Österreicher zur Formierung ihrer Verteidigung. Als Ablösung der Standschützen besetzten Patrouillen der Tiroler Landesschützen (ab 1917 Kaiserschützen), auch steirische und Kärntner Kräfte, alle Gebirgsposten - manche dieser befohlenen Klettereien ist in die alpine Historiografie als Erstbesteigung eines Berges eingegangen. Zu Beginn half den Bundesgenossen auch eine Spezialeinheit, die gerade erst aufgestellt worden war: das Deutsche Alpenkorps.

Auf beiden Seiten kamen nicht nur Soldaten zum Einsatz, die sich im Gebirge auskannten, mit den Widrigkeiten dort und den Unberechenbarkeiten. Auch Infanteristen oder Artilleristen, die zuvor nur im Flachland operiert hatten, gehörten zur Truppe. Alle vollbrachten Außergewöhnliches - schließlich, urteilt der Historiker Hans Jürgen Pantenius, habe es "keinen Vorgang in der Kriegsgeschichte" gegeben, "auf den man sich bei der Planung und Durchführung hätte stützen können".

Um da oben überhaupt Krieg führen zu können, wo nur Adler nisten und Dohlen, mussten erst Straßen angelegt werden, dann Wege und letztlich Steige. Vom Gletscher des Zebru zum Gipfel der Thurwieserspitze im Ortlergebiet etwa zogen die Italiener eine Steiganlage mit Strickleitern hoch, die sie durchaus treffend "Himmelsleiter" nannten. So konnten auf 3000 Meter Länge über 700 Höhenmeter überwunden werden, von 2900 ging es auf 3648 Meter.

Seilbahnen schleppten Material heran, Mulis und Pferde. Bohrmaschinen und Sprengsätze schufen Kavernen, in denen das ganze Jahr über Schützen hockten - wochenlang zu zweit oder zu dritt. Irgendwo im Nirwana außerhalb des Weltgeschehens, den Feind aber im Auge.

Kanonen wurden an Flaschenzügen auf Dreitausender gehievt, wo sie "brav und sicher", schreibt Langes, "ihren Dienst taten wie in einem Kornacker". Oder sie wurden im Tal zerlegt - um jedes Teil einzeln nach oben zu schaffen. Hunderte Soldaten schufteten zwei Tage lang; dann war das Geschütz auf dem Ortler, eben das höchste seiner Zeit, feuerbereit.

  • 1. Teil: Die toten Augen im Berg
  • 2. Teil


© SPIEGEL special 1/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.