Das Kriegsende Der Unfriede von Versailles

Die Sieger des Ersten Weltkriegs wollten eine dauerhafte Friedensordnung schaffen. Stattdessen vertieften sie die Spaltung Europas und legten so den Grundstein für den nächsten großen Krieg.


Im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles drängen sich am 28. Juni 1919 um kurz vor 15 Uhr über tausend Menschen: Staatsmänner, Diplomaten, Militärs und Journalisten. Als die Saaldiener mit "Sch! Sch!" zum Schweigen auffordern, erstirbt das Gemurmel. Die scharfe, durchdringende Stimme von Georges Clemenceau, dem 77-jährigen französischen Premierminister, durchbricht die Stille: "Bringen Sie die Deutschen herein."

Zwei mit Silberketten geschmückte Huissiers marschieren im Paradeschritt vornweg, ihnen folgen je ein Offizier der wichtigsten Siegermächte Frankreich, Großbritannien, Italien und USA. Dann betreten Außenminister Hermann Müller und Reichsverkehrsminister Johannes Bell den Raum. Ihre Gesichter sind bleich, die Blicke starr zur Decke gerichtet.

Um nicht mit französischer Tinte unterschreiben zu müssen, haben die beiden Deutschen eigene Füllfederhalter mitgebracht. Nach einer kurzen Ansprache Clemenceaus setzen Müller und Bell ihre Namen unter die Urkunde mit den 440 Artikeln; danach unterzeichnen die Vertreter von 26 Delegationen aus allen Kontinenten.

Der Friedensvertrag von Versailles zählt zu den am heftigsten angefeindeten Dokumenten des 20. Jahrhunderts. Die Regelungen waren zwar gemäßigt im Vergleich zu dem, was die Deutschen im Falle eines Sieges vorhatten und den Russen im Frieden von Brest-Litowsk 1918 auch abverlangten.

Dennoch empörten sich Vertreter aller deutschen Parteien über den "Schmachfrieden". Er sei "unerträglich", urteilte Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann. Der Sozialdemokrat trat zurück, weil er eine Unterzeichnung des Vertrags nicht verantworten wollte: "Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?"

Deutschland, so hieß es im berühmten Versailler Kriegsschuldartikel 231, habe den Alliierten den Krieg "aufgezwungen" und sei für "alle Verluste und alle Schäden verantwortlich". Die Weimarer Republik musste ein Siebtel des deutschen Gebiets von 1914 abtreten sowie alle Kolonien. Elsass-Lothringen ging verloren und auch die Landverbindung nach Ostpreußen. Millionen Deutsche lebten fortan in Polen und der Tschechoslowakei.

Die wirtschaftlichen Verluste waren ebenfalls beträchtlich: Deutschland gab fast seine gesamte Handelsflotte, ein Drittel der Kohlen- und drei Viertel der Erzvorkommen ab. Über die Höhe der verlangten Reparationen konnten sich die Alliierten zunächst nicht einigen, 1921 verständigten sie sich auf 132 Milliarden Goldmark, umgerechnet etwa 300 Milliarden Euro.

Außerdem musste Deutschland radikal abrüsten. Die Alliierten verboten die Wehrpflicht, die Weimarer Republik durfte nur ein Heer aus 100 000 Berufssoldaten unterhalten. Das Rheinland kam unter alliierte Besatzung und sollte erst nach 15 Jahren vollständig geräumt werden. Alliierte Inspekteure überwachten die Verschrottung aller Panzer, Militärflugzeuge und U-Boote.

Die Nationalsozialisten nutzten den Versailler Vertrag von Anfang an, um die junge Demokratie zu diskreditieren. "Es kann nicht sein, dass zwei Millionen Deutsche umsonst gefallen sind", tönte Adolf Hitler, "wir fordern Vergeltung."

Erst 1932, als die Weimarer Republik bereits daniederlag, stimmten die Alliierten einem Ende der Reparationen zu. Hitler setzte sich nach seinem Machtantritt über die meisten anderen Bestimmungen des Vertrags hinweg. Bis zum Zweiten Weltkrieg haben ihn die Alliierten nicht daran gehindert - ein folgenschwerer Fehler der westlichen Diplomatie.

Im Wesentlichen waren drei Männer für den Versailler Vertrag verantwortlich: der 62-jährige Jurist Woodrow Wilson, der im Dezember 1918 als erster US-Präsident europäischen Boden betrat, der 56-jährige britische Premierminister David Lloyd George, Sohn eines walisischen Lehrers, und der Franzose Clemenceau, ein gelernter Arzt, der von sich selbst sagte, dass er Deutschland "abgrundtief hasse für das, was es Frankreich angetan hat".

Seit dem 12. Januar 1919 trafen die drei täglich mit ihren Außenministern und den Vertretern Italiens und später auch Japans im französischen Außenministerium zusammen. Ab Ende März verhandelten sie gemeinsam nur noch mit Italiens Premier Vittorio Orlando in Wilsons Residenz.

Wirklich gut vorbereitet auf die komplizierten Verhandlungen war die kleine Herrenrunde nicht; die Alliierten hatten ein Ende der Kämpfe erst für 1919 erwartet.

Die Politiker standen vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Seit dem ersten Dreißigjährigen Krieg war Europa nicht mehr so verwüstet worden. Insbesondere Belgien und Frankreich hatten gelitten, Großbritannien hatte sich zudem für den Krieg hoch verschuldet. Wer sollte für den Schaden aufkommen?

Vor allem aber: Wie ließ sich sicherstellen, dass ein revanchistisches Deutschland nicht schon bald einen neuen Krieg anzettelte? Die Deutschen waren auch nach 1918 den Franzosen überlegen, wie Clemenceau feststellte: "Der Fehler der Deutschen ist, dass es 20 Millionen zu viel von ihnen gibt."

Die gigantischen Zerstörungen in Belgien und Frankreich blieben in Deutschland weitgehend unbekannt.

Bereits 1919 sahen einige Industrielle eine Lösung für das deutsche Problem nur in einer europäischen Integration. Doch anders als 1945 gab es nach dem Ersten Weltkrieg keinen Feind wie den Kreml-Diktator Josef Stalin, der die Westmächte zur Mäßigung gegenüber den Verlierern zwang.

Clemenceau und Lloyd George standen vielmehr unter großem innenpolitischen Druck. "Die öffentliche Meinung", so die amerikanische Historikerin und Urenkelin von Lloyd George, Margaret MacMillan, hätte Milde "nicht erlaubt".

Obwohl alliierte Experten wie der Ökonom John Maynard Keynes die zu erwartenden deutschen Reparationsleistungen realistisch einschätzten, setzte Lloyd George durch, dass keine Summe in dem Vertrag festgeschrieben wurde - er fürchtete die Reaktion in seiner Heimat auf einen als zu gering empfundenen Betrag.

Später jonglierten die Regierungen der Siegermächte mit astronomischen Zahlen. Um den grotesken Forderungen zu entgehen, nahmen Weimars Regierungen eine Hyperinflation in Kauf. Am Ende brachte das Reich, so die Schätzung MacMillans, etwas weniger auf als Frankreich nach dem deutschen Sieg 1871. Der politische Schaden für die junge Republik war hingegen enorm.

Am meisten Unterstützung hatten sich die Deutschen von den USA versprochen. Wilson hatte während des Kriegs einen "Frieden ohne Sieg" auf der Basis des nationalen Selbstbestimmungsrechts in Aussicht gestellt. Berlin konnte daher hoffen, vom Schlachten trotz einer Niederlage zu profitieren - denn viele Menschen aus den deutschsprachigen Gebieten der zerfallenden k. u. k. Monarchie strebten zum Reich.

Allerdings hatte der US-Präsident nach dem Jubel in Deutschland über den Diktatfrieden von Brest-Litowsk seine Haltung revidiert: "Das deutsche Volk muss lernen, den Krieg zu hassen."

Dem ehrgeizigen Idealisten aus Virginia, von amerikanischem Sendungsbewusstsein beseelt, war vor allem eines wichtig: die Gründung des Völkerbundes, Vorläufer der heutigen Uno. Ein kollektives Sicherheitssystem sollte den Weltfrieden künftig garantieren, nicht ein Gleichgewicht zwischen den europäischen Großmächten. Um die Zustimmung Lloyd Georges und Clemenceaus für seine Vision zu erhalten, war Wilson bereit, beiden weit entgegenzukommen.

Das Ergebnis war ein Kompromiss, der die Lage in Europa auf Dauer destabilisierte. Denn die Bedingungen des Versailler Vertrags waren hart genug, um Deutschland gegen den Frieden aufzubringen, aber nicht hart genug, um es dauerhaft zu schwächen. Das Land wurde nicht geteilt, es musste das Rheinland nicht abtreten; nur eine Vereinigung mit Österreich verboten die Alliierten. Das Reich hatte gute Aussichten, so der Berliner Historiker Heinrich August Winkler, "wieder zur europäischen Großmacht aufzusteigen".

Zu allem Überfluss ratifizierte der US-Senat den Versailler Vertrag nicht. Die Vereinigten Staaten - der wichtigste Garant für Frieden in Europa - zogen sich vielmehr vom alten Kontinent zurück und nahmen Frankreich und Großbritannien damit den Schutz vor dem deutschen Riesen.

Und dennoch hätte der Frieden von 1919 eine kleine Chance gehabt, wenn nicht auch Deutschlands Demokraten versagt hätten. Seit April 1919 lag der Regierung aus SPD, dem katholischen Zentrum und der liberalen DDP eine Dokumentation zur Politik Wilhelms II. in der Juli-Krise vor, aus der eine Hauptschuld Deutschlands und Österreich-Ungarns am Kriegsausbruch deutlich hervorging. Scheidemann nahm die brisanten Papiere unter Verschluss. Er wollte die eigene Position in Versailles nicht schwächen - und trug so zur Verbreitung der Kriegsunschuldslüge bei.

Wohl kein Artikel im Versailler Vertrag empörte die Deutschen so sehr wie der Hinweis auf ihre Kriegsschuld.

Die gigantischen Zerstörungen in Belgien und Frankreich blieben in Deutschland weitgehend unbekannt.

Als Ende April 1919 die Delegation Berlins nach Paris reiste, um dort die Friedensbestimmungen entgegenzunehmen, verfügte Clemenceau, die drei Sonderzüge dürften nur im Schritttempo durch das verwüstete Nordfrankreich fahren. Der Blick auf die Zerstörungen blieb ohne Eindruck auf die Delegationsmitglieder. "Wir waren aufrichtig davon überzeugt", schrieb ein mitfahrender Journalist später, "dass die größere Verantwortung am Kriegsausbruch bei der Gegenseite liege."

Den alliierten Vertragsentwurf wiesen die Deutschen scharf zurück. Doch nur in wenigen Punkten gelang ihnen in Versailles eine Korrektur. Am 16. Juni 1919 hatten die Alliierten genug und forderten eine Unterschrift binnen fünf Tagen. Andernfalls würden sie "diejenigen Schritte ergreifen, die sie zur Erzwingung ihrer Bedingungen für erforderlich halten".

Ein Telegramm vom Ersten Generalquartiermeister Wilhelm Gröner, dem Ludendorff-Nachfolger, brachte in Weimar, wo die verfassunggebende Nationalversammlung tagte, die Entscheidung. Der General erklärte, dass eine Wiederaufnahme der Kämpfe aussichtslos sei. Daraufhin änderten bis dahin zögernde Zentrums-Abgeordnete ihre Meinung. Am 23. Juni stimmte die Versammlung einer Unterschrift zu. Außenminister Müller und sein Kollege Bell fuhren nach Versailles.

Hätten sich die Parlamentarier anders entschieden, wären Stunden später die Alliierten, die am Rhein standen, ins Innere Deutschlands marschiert.

KLAUS WIEGREFE



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