Die Terror-Internationale Algerien - Salafisten und Gia-Kämpfer


Glaube und Banditentum

Die Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf ist eine kleine, schlagkräftige Islamisten-Armee, die sich zu ihren Verbindungen mit al-Qaida bekennt. Die GSPC (französische Abkürzung für "groupe salafiste pour la prédication et le combat") kämpft neben den Resten der Bewaffneten Islamischen Gruppe (Groupe Islamique Armé: GIA). Ihren Aufstieg verdanken sie dem Bürgerkrieg, der 1992 begann und bis heute weit über 100 000 Opfer forderte.

Verhaftet, tot, verschwunden - obwohl islamistische Führer wie Madani, Hattab und "Para" (siehe Foto) ausgeschaltet sein sollen, ist der Terror in Algerien nicht besiegt.
AP

Verhaftet, tot, verschwunden - obwohl islamistische Führer wie Madani, Hattab und "Para" (siehe Foto) ausgeschaltet sein sollen, ist der Terror in Algerien nicht besiegt.

Auf Rat des Qaida-Chefs Osama Bin Laden hin gründete der frühere GIA-Emir Hassan Hattab im September 1998 die Salafistische Gruppe, um den Dschihad gegen die algerische Staatsmacht in seiner ursprünglichen, reinen Form wiederaufzunehmen. Denn die GIA, die immer noch südlich und westlich der Hauptstadt Algier aktiv ist, war mit den Jahren in eine Art Banditentum abgeglitten, bei dem religiöse Motive nur noch als Bemäntelung der Kriminalität dienten.

Das algerische Militär, das den Islamisten in den letzten Jahren schwere Schläge zufügte, schätzt die Zahl der salafistischen Terroristen offiziell heute nur noch auf rund 400 Aktivisten. In Wirklichkeit dürften es über tausend sein. Bauern aus der Kabylei, die lange in der Nähe salafistischer Gruppen gelebt haben, erklärten vor Monaten, Hassan Hattab sei ums Leben gekommen - eine Nachricht, die allerdings im Mai von der algerischen Tageszeitung "Saut al-Ahrar" dementiert wurde.

Der Anfang April mit überwältigender Mehrheit wiedergewählte Präsident Abdelaziz Bouteflika bemüht sich, mit Friedensangeboten die Salafisten zur Aufgabe ihres Kampfes zu bewegen. Aber so weit ist es noch lange nicht, in der Südsahara stellen sie nach wie vor eine Bedrohung dar. Das mussten 32 Abenteuer-Reisende im Frühjahr 2003 erfahren, die Hälfte von ihnen Deutsche, die auf der "Gräberpiste", einer Touristenrollbahn nahe der algerisch-libyschen Grenze, von GSPC-Angehörigen entführt und monatelang gefangen gehalten wurden.

Chef der Bande war Abderrassak genannt "Para", der Fallschirmjäger. Der ehemalige Offizier der algerischen Kommandotruppen mit dem wahren Namen Amari Saifi gilt als die Nummer zwei der Salafisten. Er soll heute Gefangener einer Rebellenbewegung im Tschad sein, doch die Bundesregierung scheint seine Auslieferung nur verhalten zu betreiben. Anderen Quellen zufolge ist er wieder auf freiem Fuß, weil seine GSPC-Kameraden Lösegeld für ihn zahlten.

Seit Beginn des Jahres sind in Algerien 250 Menschen bei Kämpfen zwischen Islamisten und Streitkräften umgekommen. In einem Gefecht Anfang Juni töteten die Salafisten 11 Militärs und verletzten 16 Soldaten in der Gegend von Bejaïa, 200 Kilometer östlich von Algier - es war der schlimmste Zwischenfall seit Monaten.

Präsident Bouteflika, der in seinem leidgeprüften Land eine Politik der "nationalen Aussöhnung" betreibt, hofft auf ein baldiges Ausflackern des Bürgerkriegs. Die Zahl der Anschläge und der Opfer hat seit dem Sommer vorigen Jahres deutlich abgenommen, aber Ende April veröffentlichte die Salafistische Gruppe ein Kommuniqué, in dem sie ihre Anhänger zu verstärktem Kampf und vermehrter Sabotage aufrief.

Klar ist, dass die USA dem algerischen Militär bei der Verfolgung der Salafisten helfen. Aber "es gibt keinen Berater, keinen Ausbilder, keinen Amerikaner in Uniform, der an diesem Kampf beteiligt wäre", versichert der Nato-Oberbefehlshaber, US-General James Jones. Die GSPC steht seit März 2002 auf der offiziellen US-Liste ausländischer Terrororganisationen.

DER SPIEGEL
Was Staatschef Bouteflika heute Algeriens "nationale Tragödie" nennt, begann um die Jahreswende 1991/92. Da errang die Islamische Heilsfront (FIS), eine zugelassene Partei, die auf kommunaler Ebene bereits stark vertreten war, bei den ersten freien Parlamentswahlen, die Algerien nach fast 30 Jahren unter der Herrschaft der Einheitspartei FLN erlebte, im ersten Durchgang 47 Prozent der Stimmen.

Algeriens Militär, das sich ähnlich wie das türkische als Wächter der modernen Republik begreift, zog die Notbremse. Der zweite Wahlgang fand nicht statt, die Heilsfront wurde verboten, ihre Gründer, der Soziologieprofessor Abbassi al-Madani und der radikale Prediger Ali Belhadsch, kamen ins Gefängnis. Tausende von Islamisten wurden in Lagern interniert, die meisten in der Sahara.

"Verrückte Gottes"

Über ein Jahrzehnt blieb Algerien in einem Teufelskreis der Gewalt gefangen. Es war ein Krieg, der nicht vor laufenden Kameras wütete und in Europa von vielen nur deshalb wahrgenommen wurde, weil er auch Frankreich mit Terror überzog - Bilanz mehrerer Anschläge in Paris: 7 Tote, 160 teils schwer Verletzte.

Nirgendwo sonst wurde der Kampf gegen die islamistische Gefahr so gnadenlos wie in Algerien geführt - aber seit Ajatollah Chomeinis Revolution in Iran und dem Afghanistan der Taliban rückte kein Staat so nahe wie Algerien an die Machtübernahme durch die "Verrückten Gottes", wie die selbst ernannten Streiter Allahs alsbald genannt wurden.

Entsetzen beim Volk

Mit durchschnittenen Kehlen und zerhackten Körpern setzten die Islamische Heilsarmee der FIS und ihr noch radikalerer Zwilling, die GIA, grausige Marken. Deren Bandenführer, Emire von eigenen Gnaden, die mal einige Dutzend, mal einige hundert Partisanen befehligten, erklärten die Staatsmacht zum "taghut", einem tyrannischen Götzen, und den, der ihm diente, zum "kafir", einem Gottlosen, der den Tod verdiente.

Vermutlich begingen die Untergrundkämpfer ihren entscheidenden Fehler, als sie nicht länger nur Polizisten und Soldaten, Repräsentanten und Würdenträger des in Verruf geratenen, korrupten Regimes ermordeten, sondern zum Dolchstoß auf das Herz der bürgerlichen Gesellschaft ansetzten. Auf ihre Todeslisten setzten sie die Namen von Intellektuellen, Lehrern, Journalisten, Gewerkschaftern - und vor allem von Frauen. Hunderte wurden getötet, Kopftuch und Schleier wirkten nicht mehr als verlässlicher Schutz.

Der Terror folgte keiner Logik mehr, außer der des Schreckens. Das Volk wandte sich voller Entsetzen von den Islamisten ab, die es zuerst unterstützt hatte, und versöhnte sich wieder mit der Staatsmacht, vor allem seit im April 1999 Bouteflika zum fünften Staatspräsidenten in der Geschichte des unabhängigen Algerien gewählt wurde.

Friedensplan sabotiert

Obwohl ein Mann des alten Systems, der von 1963 bis 1979 Außenminister war, versprach er einen Neuanfang. Anfang 2000 dekretierte Bouteflika nach der nationalen Tragödie die "nationale Eintracht" zwischen Mittelmeer, Atlasgebirge und den endlosen Weiten der Sahara. "Rahma" (Gnade) hieß sein Zauberwort, die Regierung gewährte reuigen Islamisten Amnestie. "Wir sind auf dem Weg der Genesung", verkündet heute Bouteflika wie ein Geisterbeschwörer, der die Dämonen der Gewalt bannen will.

Tatsächlich schien die schreckliche Reise durch die Nacht allmählich zu Ende zu gehen. In einem Referendum bestätigten die Algerier mit knapp 99 Prozent das Gesetz über die "Wiederherstellung der bürgerlichen Eintracht". Die Islamische Heilsarmee, der bewaffnete Arm der seit 1992 verbotenen Islamischen Heilsfront, verfügte die eigene Auflösung und entließ ihre Gotteskrieger. Madani und Belhadsch kamen 2003 frei.

Unbeugsamer gab sich die GIA, die anfangs noch über 2500 bis 3000 Mann verfügte. Sie versuchte, Bouteflikas Friedensplan zu sabotieren, ohne großen Erfolg. Das algerische Militär behauptet heute, die Bewaffnete Islamische Gruppe sei in Auflösung begriffen und stelle keine ernsthafte Bedrohung mehr dar. Anschläge verüben ihre Anhänger zwar immer noch, aber mehr im Stil gewöhnlicher Krimineller.

Nach seiner Wiederwahl am 8. April dieses Jahres bekräftigte Bouteflika sein Angebot an friedenswillige Islamisten. Seitdem mehren sich die Hinweise darauf, dass ein großer Teil der Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf bereit sein könnte, ihren Feldzug aufzugeben. Nach Berichten der algerischen Zeitung "Liberté" und mehrerer Nachrichtenagenturen sollen schon bis zu 300 von ihnen die Waffen niedergelegt haben. Im dicht besiedelten, fruchtbaren Küstenstreifen hat ihre Aktivität jedenfalls dieses Jahr deutlich nachgelassen. Jetzt wird der unwegsame Süden der Sahara zum letzten Zufluchtsort unnachgiebiger Gotteskrieger, die sich, auf verlorenem Posten stehend, mit al-Qaida verbündet haben.

ROMAIN LEICK



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