Kampf gegen den Terror "Wer den Tod liebt, kann ihn haben"

Bundesinnenminister Otto Schily, 71, über das neue Interesse al-Qaidas an Deutschland, die gezielte Tötung von Terroristen und den Vorschlag einer Sicherungshaft für Islamisten


Minister Schily: "Angst erzeugen ist das Ziel von Terroristen"
AP

Minister Schily: "Angst erzeugen ist das Ziel von Terroristen"

SPIEGEL:

Herr Minister, das Mitte April ausgestrahlte Versöhnungsangebot von Terrorchef Osama Bin Laden wurde eigens mit einer deutschen Übersetzung übermittelt. Ist Deutschland zum Top-Adressaten von Qaida-Botschaften avanciert?

Schily: Wir haben das Band sehr sorgfältig analysiert. Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden hat sich die Gefährdungslage dadurch nicht geändert. Wir sind ja schon in früheren Botschaften ausdrücklich genannt worden. Ich habe stets betont: Die Gefahrenlage ist gleich bleibend hoch, da darf es keine Illusionen geben.

SPIEGEL: Osama Bin Laden hat den im Irak und in Afghanistan engagierten Europäern ein Ultimatum von drei Monaten gestellt, sich zurückzuziehen. Wie lange sollen deutsche Truppen noch am Hindukusch stationiert bleiben?

Schily: Ich kann Sie nicht daran hindern, das als Ultimatum zu verstehen. Ich bewerte dies als eine weitere Drohung, wie es sie schon häufig gegeben hat.

SPIEGEL: Immerhin schließt sich an das Angebot eine düstere Prophezeiung an: "An diejenigen, die Versöhnung ablehnen und Krieg wollen: Wir sind bereit."

Schily: Es kann etwas nach drei Monaten oder nach drei Jahren passieren - oder auch überhaupt nichts. Aber wir werden uns nicht irgendwelchen Ultimaten eines Gangsterführers und Verbrechers beugen. Es wäre ein Debakel sondergleichen, wenn wir uns aus Afghanistan zurückzögen. Wir würden damit zulassen, dass wieder Terrorlager entstehen und die Bedrohung wachsen würde. Wenn wir uns einer Erpressung Bin Ladens beugen, wird das solche Gruppen nur ermutigen.

SPIEGEL: Allen Offensiven der Amerikaner zum Trotz fühlt sich Bin Laden offensichtlich so souverän, dass er staatsmännisch Angebote unterbreitet. Ist al-Qaida schon wieder so stark wie vor dem 11. September 2001?

Schily: Das Netzwerk ist nach wie vor sehr schlagkräftig. Für uns wie für alle anderen heißt das, dass wir unsere Bemühungen weiter verstärken müssen, auch wenn das leichter gesagt als getan ist. Es gibt leider immer noch gewisse Schwächen.

SPIEGEL: Beispielsweise?

Anschlag in Madrid (am 11. März): "Nicht erst handeln, wenn der Blitz einschlägt"
AFP

Anschlag in Madrid (am 11. März): "Nicht erst handeln, wenn der Blitz einschlägt"

Schily: Ich bin überzeugt, dass alle irgendwie verfügbaren Informationen viel stärker zentralisiert ausgewertet und international, insbesondere im Rahmen der Europäischen Union, ausgetauscht werden müssen. Ich gratuliere der spanischen Polizei zu ihrer erfolgreichen Aufklärung der Madrider Anschläge. Aber selbst die durch die Eta so terrorerfahrenen Spanier haben die Anschläge nicht im Vorfeld vereiteln können - obwohl einige der Tatverdächtigen schon seit Jahren bekannt waren. Wir lernen auch daraus wieder, dass wir zum frühestmöglichen Zeitpunkt aktiv werden müssen. Wir müssen schon die Gewitterneigung erkennen und dürfen nicht erst handeln, wenn der Blitz einschlägt.

SPIEGEL: Sie glauben nicht daran, dass bessere Schutzmaßnahmen Anschläge verhindern können?

Schily: Es ist eine vollkommen absurde Vorstellung, dass wir alle potenziellen Ziele schützen könnten. Diese Art des Terrorismus zeichnet sich gerade dadurch aus, eine möglichst große Zahl von Menschen in so genannten weichen Zielen umzubringen - egal, ob in Discotheken, Vorortzügen oder Bürogebäuden.

SPIEGEL: Hat die Botschaft des Terrorismus nicht schon immer auch denjenigen gegolten, die überleben - und nicht nur den Opfern?

Schily: Richtig. Und deshalb gibt es nur zwei Wege, die gleichzeitig beschritten werden müssen: eine frühzeitige Aufdeckung von Anschlagsplänen. Und eine geistig-politische Auseinandersetzung, um den Einfluss radikaler Gruppierungen zurückzudrängen. Ich kann allerdings verstehen, dass der eine oder andere angesichts der derzeitigen Weltlage in Pessimismus verfällt.

SPIEGEL: Die Menschen haben einfach Angst.

Schily: Ja, aber wir dürfen uns von der Angst nicht beherrschen lassen. Wir müssen Risikobewusstsein und Wachsamkeit entwickeln. Doch wir dürfen uns nicht in einen ständigen Angstzustand hineinmanövrieren. Wir sollten nicht vor lauter Gram unsere Lebensfreude verlieren.

SPIEGEL: Müssen Sie der Bevölkerung nicht sagen: Wappnet euch mit einem gewissen Gleichmut, es kann einen Anschlag geben?

Schily: Auch das gehört dazu, Gelassenheit zu wahren. In dieser Hinsicht können wir uns ein Beispiel an anderen Ländern nehmen.

SPIEGEL: Verspürt eigentlich die Privatperson Otto Schily Angst?

Schily: Ich habe mir das eigentlich abgewöhnt. Angst ist genau das Ziel, das Terroristen erreichen wollen.

SPIEGEL: Was sind Ihrer Ansicht nach al-Qaidas Motive?

Schily: Das ist eine geistige Deformation, der schwer auf die Spur zu kommen ist. Was denkt ein Mohammed Atta, der das Leben noch vor sich hat mit allen Chancen? Was passiert mit einem Bin Laden, der aus einer steinreichen Familie kommt? Es gibt offensichtlich eine geistig-politische Disposition, aus der heraus sich solche Handlungen ergeben. Bei der Roten Armee Fraktion war seinerzeit immerhin noch ein Rest Rationalität vorhanden, was letztlich dazu geführt hat, dass sie sich aufgelöst hat.

SPIEGEL: Die geistig-politische Auseinandersetzung wird nicht ohne einen Dialog mit der muslimischen Welt auskommen.

Schily: Ja, wir müssen dringend einen Dialog in Gang bringen. Dazu gehört auch eine kritische, aber faire Auseinandersetzung in den Schulen und an den Universitäten.

"Viele Muslime wollen das Gespräch, sind aber nicht bereit, kritische Fragen zuzulassen."

SPIEGEL: Das Problem ist doch, dass große Teile der muslimischen Gemeinschaft Ihr Dialogangebot höflich ignorieren.

Schily: Das ist ein zugegeben schwieriges Unterfangen. Viele Muslime wollen zwar das Gespräch, sind aber leider nicht bereit, kritische Fragen zuzulassen. Ich habe bei einer SPD-Veranstaltung vor einiger Zeit eine These aufgestellt: Zur Religionsfreiheit nach unserem Verständnis muss auch die Möglichkeit gehören zu behaupten, dass der ganze Islam ein Irrtum ist. Die Reaktionen waren ziemlich heftig: von wütenden Briefen bis hin zu einer offiziellen Demarche einer arabischen Regierung. Die Aufregung über eine im Grunde harmlose Bemerkung zeigt, dass die Kultur des Dialogs noch nicht sehr weit ausgeprägt ist.

Immerhin: Nach den Anschlägen von Madrid haben wir in deutschen Moscheen die Beobachtung gemacht, dass die Taten nicht begrüßt wurden. Das war nach dem 11. September 2001 noch anders, da gab es viel Häme und zum Teil sogar Freudenbekundungen. Inzwischen zeichnet sich ein gewisser Wandel ab.

SPIEGEL: Wie erklären Sie es sich, dass militante Islamisten trotz zaghafter Dialogbemühungen und jahrelanger Repression mehr Zulauf haben denn je?

Lager Guantanamo: "Eine Art Sicherungshaft ist denkbar"
AP

Lager Guantanamo: "Eine Art Sicherungshaft ist denkbar"

Schily: Es gibt leider diverse Konfliktherde auf dieser Welt, die das terroristische Potenzial weiter aufladen. Dazu gehört der Palästina-Streit oder die Lage im Irak. Wir befinden uns in einem grundlegenden zivilisatorischen Konflikt, der zwischen einem teils extremistischen muslimischen Fundamentalismus auf der einen Seite und einer westlichen Lebenswelt auf der anderen Seite ausgetragen wird, die als dekadent und verderbt empfunden wird ...

SPIEGEL: ... und die in dem gleichsam schlichten wie plakativen Gegensatz der Attentäter von Madrid mündet: "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod."

Schily: Dieser Satz ist wirklich eine starke Provokation. Ich habe ihn übrigens nicht erst jetzt, sondern schon früher gelesen ...

SPIEGEL: ... von dem Hamburger Todespiloten Ziad Jarrah, der bereits im Oktober 1999 handschriftlich notierte: "Ich bin zu euch gekommen mit Männern, die den Tod lieben, genauso, wie ihr das Leben liebt."

Schily: Diese Haltung, die das eigene Leben und das von anderen nicht achtet, zieht sich seit Jahrhunderten als Leitmotiv durch die Geschichte. Die Terroristen sollten aber wissen: Wenn ihr den Tod so liebt, dann könnt ihr ihn haben.

SPIEGEL: Wie bitte?

Schily: Das heißt: Wer den Tod liebt und das Leben anderer in Frage stellt, der muss auch mit dem eigenen Tod rechnen.

  • 1. Teil: "Wer den Tod liebt, kann ihn haben"
  • 2. Teil


© SPIEGEL special 2/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.