Labor Schule Schulhof wie ein Dorfplatz

Zaghafter Wandel in der Schularchitektur: Klassenzimmer werden ersetzt durch flexible Großraum-Zonen, in denen alles möglich ist. Die Baumeister bevorzugen dabei viel Licht, Natur und Farbe.

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Die Lehranstalt, die Erich Kästner besuchen musste, lag in der Tieckstraße in der Dresdner Neustadt, gar nicht weit von der Elbe entfernt. In seinen Kindheitserinnerungen ("Als ich ein kleiner Junge war") kommt das Gebäude nicht besonders gut weg: "Düster" sei es gewesen, "steif und unheimlich", "dunkelrot oder schwärzlich grau".

Eigentlich, schrieb Kästner 1957, hätten in jener militaristischen Kaiserzeit vor dem Ersten Weltkrieg alle Schulen düster ausgesehen: "Wahrscheinlich waren sie von denselben Baumeistern gebaut worden, die auch die Kasernen gebaut hatten."

"Vielleicht", so vermutete der Schriftsteller, "sollten uns die Fassaden, Treppen und Korridore denselben Respekt einflößen wie der Rohrstock auf dem Katheder."

Den Rohrstock in den Schulen gibt es schon lange nicht mehr - doch viele der typisch wilhelminischen Schulgebäude stehen heute noch. Nur werden sie inzwischen gar nicht mehr so schlecht bewertet; denn zumindest verfügen sie über etwas, was etlichen Bauten aus der Nach-Kästner-Ära fehlt: Sie haben Substanz und altern auf solide Weise - während viele ihrer Betonnachfolger aus den sechziger und siebziger Jahren schnell verkommen sind.

Eines aber haben die meisten Schulgebäude aus dem frühen und aus dem späteren 20. Jahrhundert gemeinsam: Während die Architektur ansonsten revolutioniert wurde, blieb bei der Schularchitektur vieles beim Alten.

Nur in den bildungsreformerischen Sturm-und-Drang-Zeiten, den siebziger Jahren, wurde etwas herumexperimentiert, es entstand etwa das durchweg lichtdurchflutete, um einen glasüberdachten, unregelmäßig geschnittenen Pausenhof herumgebaute Progymnasium im schwäbischen Lorch, 1972 entworfen von Günter Behnisch, dem Architekten des Münchner Olympiastadions; aber in den anderen Schulen sieht es meist aus wie eh und je: lange Flure, in denen sich Klassenzimmer an Klassenzimmer reiht, Lehrerzimmer, Aula, Schulhof - Schluss.

Bei den wenigen Schulgebäuden, die heute noch errichtet werden, soll nun manches anders werden. Architekten ver-

suchen, wenn auch auf zaghafte Weise, die Neuerungen in der Pädagogik, die Veränderungen im Selbstverständnis von Schülern sichtbar zu machen.

Vor allem in der Schweiz passiert Vorbildliches: Hier haben sich Architekten, Behördenvertreter und Pädagogen zusammengetan und im Sommer dieses Jahres eine Studie zum "Stand der Dinge" beim "Schulhausbau" herausgebracht*. Der Züricher Professor Hans-Jürg Keller bringt darin gesellschaftlichen Wandel und schulischen Alltag auf drei sperrige Begriffe: "Segmentierung, Pluralisierung, Individualisierung".

Einige Jugendliche seien heute gewöhnt, dass sie die Regeln, die zu Hause herrschten, mitbestimmen dürften, andere müssten den Eltern bedingungslos gehorchen. In der Schule sollten Jugendliche Regeln mitdefinieren und aus unterschiedlichen Lehrangeboten wählen dürfen.

In Schulkonferenzen hätten sie vielfach schon Sitz und Stimme. Überhaupt könnten einzelne Kinder heute an vielen Schulen in offenen Unterrichtseinheiten gemeinsam mit den Lehrern entscheiden, wie sie den Stoff bewältigen wollen. Insgesamt gehe es in der Pädagogik in erster Linie um Vermittlung von Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein.

In neueren Schulgebäuden in der Schweiz und auch in Skandinavien ist daher kaum noch von "Klassenzimmern" die Rede, sondern von unterschiedlichen (Lern-)"Zonen". Das traditionelle Klassenzimmer, viereckig und abgeschlossen, ist in Auflösung begriffen.

"Cluster" lautet das Schlüsselwort, flexible Großräume, in denen alles möglich ist: hier Frontalunterricht, dort Gruppenarbeit. Hier Ecken mit Sofas, in denen sich Schüler allein beschäftigen können, dort Nischen, in denen sie längerfristige Projekte bearbeiten, Theateraufführungen beispielsweise - die dafür benötigten Materialien lassen sie einfach liegen.

Alles ist in Bewegung: Das Erweiterungsgebäude der Zürcher Schulanlage Kügeliloo ist mit versetzbaren Trennwänden ausgestattet worden. In der Volketswil-Schule, im Kanton Zürich, wurden immerhin Tische und Materialboxen mit Rollen versehen.

"Transparenz" - dieses Lieblingswort moderner Architekten wird nun auch auf Schulen angewandt: Einige haben Glasfenster zwischen den Räumen, in anderen gibt es zu den Glasfenstern aber auch noch Vorhänge, falls die allgemeine Durchsichtigkeit mal lästig wird.

Im Vergleich zum schweizerischen Vorpreschen wirken die Entwicklungen in der deutschen Schularchitektur eher dürftig. Aus Mangel an Geld und auch an Kindern entstehen eben nur wenige neue Gebäude - und an denen ist erkennbar, dass Architekten hier zu Lande offenbar noch dabei sind, sich an wilhelminischen Traumata abzuarbeiten: Es geht viel um Licht, um Nähe zur Natur und um Farben, die nicht nur der Aufhellung der Psyche dienen, sondern auch die Gebäudestruktur vermitteln sollen.

Im Erweiterungsbau der Gustav-von- Schmoller-Schule in Heilbronn sind die Sitznischen in den Fluren je nach Stockwerk in Rot, Gelb oder Grün gestrichen worden. In einer neuen Gesamtschule in Wuppertal gibt es Seen und "Grünzonen" im Hof, Wasserläufe und Pflanzen im Foyer.

Die meisten neuen Schulgebäude in Deutschland sind als Ganztagsschulen angelegt - wenn schon, denn schon. Es müssen folglich Kantinen, Küchen, Bibliotheken und abwechslungsreich gestaltete Freizeitbereiche her. Gerade diese Sonderfunktionen sind oft gut gelungen: Im Schulzentrum Scharnhauser Park im württembergischen Ostfildern sieht die Mensa aus wie ein puristisch eingerichtetes Edellokal: viel Schwarz, helle Holztöne als Kontrast, dazu Stahl und natürlich viel, viel Licht.

Der ambitionierteste Schulneubau in Deutschland, der mit den Schweizer Modellen locker mithalten kann, steht im Ruhrgebiet: Es ist die Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck. Hier gibt es Cluster aus großen und kleinen Räumen für individuelles und für gemeinsames Lernen.

Das Schulfoyer hat den Charakter eines Dorfplatzes: Zwischen Bäumen und einem Wasserlauf stehen Bistrotische. Um den Platz herum sind Mensa, Theatersaal, Bibliothek und sogar eine Schulkapelle angesiedelt worden.

Vor allem aber haben die Architekten das pädagogische Prinzip der Eigenverantwortung so ernst genommen wie nirgendwo sonst: Einige Schüler durften zusammen mit den Architekten ihre Traum-Schule entwerfen.


* Elisabeth Gaus, Daniel Kurz, Adrian Scheidegger, Martin Schneider (Hg.): "Schulhausbau. Stand der Dinge". Brinkhäuser-Verlag, Basel; 224 Seiten; 31 Euro.



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