Spielerisch lernen Arche Noah der Kinder

Elfjährige aus aller Welt machen in den CISV-Friedenscamps eine Erfahrung fürs Leben: Spielen, Verhandeln, Balgen und Putzen, zusammen mit Schülern aus zwölf Nationen. Manche lernen dort sogar ihre erste Liebe kennen.

Von Annette Bruhns


Der propere Hotelbesitzersohn aus Amman linst aufs Buffet: wieder bloß Brötchen, Müsli und Joghurt. Omars Mundwinkel sinken. Das ist schon seine vierte Woche ohne Spiegeleier.

Und erst diese Müdigkeit! Bis 23 Uhr hat sich der Elfjährige wach gehalten, um den anderen einen Streich zu spielen. Umsonst - der Schlaf kam schneller. Erst morgens um sechs konnte Omar zuschlagen: Der Jordanier hat die Gesichter von drei der schlummernden elf Zimmergenossen mit Farbe voll geschmiert. "Danach konnte ich aber selbst nicht wieder einschlafen", nölt er.

Jetzt ist es halb neun. 47 Kinder und 23 junge Erwachsene aus 12 Nationen fassen sich im Speisesaal der Lüneburger Behindertensschule "am Knieberg" an den Händen. Auf Deutsch radebricht der Saal: "Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb. Jeder isst, so viel er kann, nur nicht seinen Nebenmann." Schon um diese Uhrzeit herrscht ausgelassene Stimmung. Tomoyuki, Omars Nebenmann, stellt mal wieder die roten Innenseiten seiner Oberlider zur Schau. Die Rolle des Tischnarren ist sein stummer Beitrag zur Völkerverständigung. Der kleine Japaner kann kein Wort Englisch.

Englisch ist die Amtssprache der "Children's International Summer Villages", kurz CISV. Jahr für Jahr treffen sich rund 3000 Kinder aus aller Welt in solchen Erlebnis-"Dörfern" wie in Lüneburg. Die Idee: Völkerverständigung vor der Pubertät, sozusagen per Zeichensprache. Das Konzept: Je vier Elfjährige, zwei Mädchen und zwei Jungen, aus bis zu zwölf Ländern verbringen dort vier Wochen mit Gruppenspielen, Ausflügen und Saubermachen.

Es waren die Fragen ihres eigenen Kindes, welche die amerikanische Psychologiegelehrte Doris Allen 1946 auf die Idee dieser Arche Noah für Kinder brachte. Warum töten Menschen Menschen, wollte ihr achtjähriger Sohn unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs wissen, was bringt all das Leid? Fünf Jahre später war es so weit: Zum ersten CISV-Treffen der Welt kamen 60 Kinder aus zehn Ländern nach Ohio - sechs sogar aus dem gerade besiegten Deutschland. Seitdem haben 170 000 Kinder und Jugendliche an den von ehrenamtlicher Arbeit getragenen CISV-Programmen teilgenommen.

Gebetet wird hier nicht, dafür umso mehr geküsst. "Circle, circle, circle", rufen die Kinder im Singsang, und nehmen sich an die Hand. "Jungs außen, Mädchen innen", befiehlt Steffen, 25, der Camp-Älteste. Das Echo seiner Anweisungen ertönt auf Japanisch, Spanisch und Englisch. Die meisten haben schon ohne Übersetzung kapiert, worum es geht, und haben Bienenschwärme im Bauch. Bei bestimmten Wörtern des Lieds, das sie singen, dürfen sich nämlich die jeweils Gegenüberstehenden küssen.

Adrian, seit gestern zwölf, blickt angestrengt genau dahin nicht, wo Gabí mit ihrer Baseballkappe steht: Die Mexikanerin ist Adrians heimliche Liebe. Seine Mutter hatte ihn überredet, nach Lüneburg zu fahren. Seit er Gabí kennen gelernt hat, ist auch der Wiesbadener CISV-ler. Für Adrian steht fest, dass er nach Lüneburg mit der Friedensarbeit vor Ort und mit den Sommercamps für ältere Kinder weitermachen wird.

Nao verdrückt sich. Die Japanerin verweigert die Knutscherei. Auch morgens und abends, wenn beim Hissen und Einholen der CISV-Flagge dem Nachbarn die Wange dargeboten wird, dreht Nao sich weg. Derlei Körperkontakt sei in Japan tabu, erklärt ihr Betreuer, ein Informatikstudent.

Zehn Uhr, es geht zur Sache. Die CISV-typische "activity" startet: Gruppenspiele wie das "Kinderparlament" oder "Peace-War-Peace", bei denen die Kinder in Teams eine Stadt aufbauen, die andere Teams dann zerstören. "Wir waren so was von wütend", erzählt Adrian erschrocken, "wir wollten bloß Rache." Doch am Ende soll stets die Versöhnung stehen.

Heute stellt Seth, 17, "Junior Counselor" aus den USA, eine Auktion der besonderen Art vor. Jede Nation hat 1000 Euro, mit denen sie rund 20 Werte ersteigern kann - Dinge wie Familie, Musik, CISV, Fernsehen oder, natürlich, Frieden.

"Wie viel wollt ihr für gutes Wetter ausgeben?", fragt die deutsche Betreuerin ihre Gruppe. "Nix!" "Wasser ist wichtiger." "Und Frieden." Jana, Adrian, Tillmann und Anso diskutieren. "Unbedingt Sport", verlangt Leichtathletin Jana. Okay, Familie und Freunde sind wichtiger. Seufzend gibt Jana nach. Adrian beharrt auf Wasser. "Keine Religion", sagt Anso, "deswegen gab's doch den Dreißigjährigen Krieg." Jana kräht: "Internet und TV, wer braucht denn so was!"

Am Ende haben die Deutschen eine ausgefeilte Rangliste: Für Familie, Frieden und Freundschaft darf am meisten, für Sport und Bildung am wenigsten und fürs Internet gar nichts ausgegeben werden.

Es klappt nicht. Jedes Mal, wenn sich die Deutschen zum Mitbieten durchringen, haben die anderen Nationen die Preise schon hoch getrieben. Sogar Adrian winkt ab. "Nee. 500 für Wasser ist zu viel." Das nasse Element geht an Schweden. Die Japaner holen sich den Sonnenschein, Liebe geht für 800 an Luxemburg, Musik und Religion an Jordanien. "Sport", bietet Aktionator Seth. "Deutschland 100!", rufen die Deutschen. "USA 150." "Deutschland 200." "200 zum Ersten, zum Zweiten - Sport geht an Deutschland", ruft Seth. Jana strahlt.

Aber der Kauf erweist sich als fatal. Der nächste Wert ist Freundschaft. Da bieten alle um die Wette. Für stolze 1000 Euro geht "Friendship" unter den Hammer. So viel haben die Deutschen nicht mehr. Und Frieden ist genauso teuer.

Auf die begehrteste Trophäe im Friedenscamp hat Mexiko gewartet. "Wenn du Frieden hast, hast du Liebe, wenn du Liebe hast, hast du Familie, wenn du Familie hast, hast du Bildung, und wenn du Bildung hast, hast du Frieden", betet Gabí die Glücksformel herunter.

Die deutschen Kinder sind enttäuscht. Selbst Jordanien, das sich nicht zu schade war, um ins blöde Fernsehen zu investieren, steht besser da: Die Jordanier haben mit den Schweden vereinbart, dass sie bei Bedarf Musik gegen Wasser eintauschen.

Wenn man Frieden wirklich lernen kann, dann vielleicht hier. "Zu Frieden gehört ein Kanon an Fähigkeiten, die gelehrt werden können: Zuhören, Verhandeln, Zusammenarbeiten", wird auf der Website von CISV-Kanada doziert.

Vom Fahnenritual bis zu den abendlichen "Lullaby"-Gesängen auf dem Matratzenlager dreht sich alles im CISV-Dorf um das große Ideal. An einer Längsseite des Speisesaals stehen mit Flaggen beklebte Schuhkartons für die "Monitos". Ein Monito ist eine Art heimlicher Freund, den jedes Kind sich am Anfang des Camps zieht, um ihm dann immer wieder Überraschungen in die Kiste zu legen - Vogelfedern, Lollis oder Schlüsselanhänger.

Omar guckt heimlich, ob ihn sein Gönner bedacht hat: Fehlanzeige. "Na ja. Ich hab ja auch erst ein Mal was geschenkt", sagt der Dicke trotzig. Omar, erzählt sein jordanischer Betreuer leise, sei ein Außenseiter. Für einen Schüchternen wie ihn sei schon der Morgenstreich eine Leistung gewesen. Omars Schminkaktion war aber nicht spontan: Jeder Streich im Camp muss beim zuständigen "Prankmaster" angemeldet werden. "Damit nicht aus Versehen Schamgefühle verletzt werden."

So jedenfalls die Theorie. In der Praxis ist jüngst ein Luxemburger Teddy einem spontanen Zahnpastaanschlag aus Portugal zum Opfer gefallen.

Im Grad ihrer Scham unterscheidet sich die Benetton-bunte Kinderschar am meisten. Die Portugiesinnen haben eine Mädchendusche mit einem Vorhang abgeteilt. Die Jordanierinnen duschen nur einzeln.

Manche hielten die tägliche Putzstunde anfangs für unter ihrer Würde. "Meine Kinder kommen aus gut betuchten Familien", erklärt Betreuerin Diana aus Mexiko. "Zu Hause putzt nur die Muchacha."

Auf Grund etwa der unterschiedlichen Flugpreise variieren die Preise für die Teilnahme an einem CISV-Camp in Übersee von Land zu Land: In Deutschland etwa kostet ein Platz 1000 Euro (www.cisv.de), in Mexiko sind es 4000 Euro. Die Preise errechnet jede der 62 CISV-Nationen allein. Für im eigenen Land veranstaltete Camps muss die jeweilige Nation selbst aufkommen. Diese Kosten werden umgelegt auf alle Reisenden, zuzüglich der Fahrtkosten.

Betreuerin Johanna Siebert, die in Hamburg Historische Musik und BWL studiert, war selbst als Kind in einem CISV-Dorf. Jetzt will sie die Erfahrung weitergeben. "Ich bin mit elf Jahren in São Paulo gewesen, das hat mein Leben verändert." Dass die Brasilianer sich im Auto nicht anschnallten, dafür aber die Türknöpfe beim Fahren herunterdrückten, hat das Kind Johanna nachhaltig beeindruckt.

Die Sieberts sind eine "CISV-Familie": Nächstes Jahr machen sich Johannas jüngste Geschwister, Zwillinge, auf den Weg. Vater Siebert, Richter in Lüneburg, sieht in den Camps für seine fünf Kinder "eine wichtige Investition in ihre Zukunft".

Am Nachmittag trifft sich die deutsche Delegation. Sie müssen den Open Day vorbereiten: den großen Tag, an dem alle Gruppen sich und ihr Land Besuchern aus Lüneburg vorstellen. Viele kommen, weil sie ihre kleinen Gastkinder wiedersehen wollen: An zwei Wochenenden werden die Campkinder jeweils bei Familien vor Ort einquartiert.

Adrian muss erst mal Dampf ablassen: "Die Japaner sind wirklich ein bisschen doof." Betreuerin Kata zieht die Augenbrauen hoch. "Die Japaner sind anders", korrigiert er sich. Dann petzt er, dass ein Japaner aus Wut, weil er bei einem Spiel nicht drankam, ein anderes Kind getreten habe.

Weniger Sorgen macht den Kindern ihr Begrüßungsauftritt. Sie werden den Besuchern mit dem Lied "Laurentia, liebe Laurentia mein" einheizen. Dafür haben sie schon zu Hause geübt, bei den vier Vorbereitungstreffen aufs Camp.

Vor der "National Night", bei der sich jede Nation im Camp vorstellt, haben die Kinder mehr Muffen. Da spielt Jana Rotkäppchen auf Englisch: "Red Cap". Tillmann hat sich extra ein Holzgewehr organisiert: "Dann kapieren auch die Japaner, dass ich ein Jäger bin."



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