Arabische Welt Essay

Die Nöte der arabischen Kultur

Von Najem Wali


Ich erinnere mich noch genau an eine Szene in einer Kneipe im westfälischen Hamm. Ich musste 1981 wegen meines Antrags auf politisches Asyl, den ich damals in Hamburg gestellt hatte, nach Hamm. Und obwohl nichts in jener Kneipe darauf hinwies, dass Ausländern der Zutritt verboten war, gestattete man mir nicht, sie zu betreten. Ich provozierte daraufhin die anderen Gäste, indem ich sie aufforderte, mit mir über Goethe, Schiller oder Brecht zu diskutieren - wenn sie in der Lage dazu seien.

Tumb und verdattert starrten sie mich an. Sie begriffen nicht, was ich von ihnen wollte, während mich ein Schäferhund ununterbrochen ankläffte. Trotzdem identifizierte ich Deutschland fortan nicht mit diesen Kneipenbesuchern oder später mit den Skinheads. Es blieb für mich das Land jener Dichter und Denker, die ich schon im Irak gelesen hatte. Ich werde nie vergessen, dass ich dort 1971 mit 16 Jahren zum ersten Mal verhaftet wurde, weil ich Friedrich Engels' Schrift "Der deutsche Bauernkrieg" besaß. Ich war damit ganz offen in den Straßen unserer kleinen Stadt umherstolziert, obwohl das Buch verboten war.

Was fällt uns zuerst ein, wenn wir an bestimmte Länder denken? Assoziieren wir mit Russland nicht eher Puschkin und Gogol, Tolstoi und Dostojewski, Tschechow und Turgenjew als Mordgesellen vom Schlage eines Lenin oder Stalin? Ruft uns Frankreich nicht Hugo und Balzac, Rimbaud und Proust, Sartre und Camus in Erinnerung? Lassen uns die USA nicht an Poe und Twain, Faulkner und Melville, Hemingway und Steinbeck denken?

Doch was fällt uns ein, wenn wir das Wort "Arabien" hören? Noch bei keiner Frankfurter Buchmesse war der Ehrengast derart unbekannt und verkannt wie in diesem Jahr die "Arabische Welt". Assoziierte man bis vor kurzem mit ihr die Märchen aus "Tausendundeiner Nacht" - ein Buch, das man nicht einmal unbedingt gelesen hatte -, so fallen den meisten heute nur der Koran und Osama Bin Laden ein. In beiden Fällen wird die arabische Kultur einseitig dargestellt, sei es nun fröhlich und ausgelassen oder tiefreligiös und fanatisch. Doch weder haben die Araber in der Vergangenheit nur "Tausendundeine Nacht" geschaffen, noch ist heute Osama Bin Laden ihr typischer Vertreter.

Wie also ist diese Kluft - um nicht von einem Bruch zu sprechen - zwischen den Kulturen entstanden? Unkenntnis ist der Verbündete extremistischer Strömungen. Und diese wiederum münden in einen islamistischen Terrorismus, der die Welt mit seinem Brand überzieht und uns in die Klauen jenes anderen Fundamentalismus der religiösen Rechten getrieben hat, die das Weltimperium USA beherrscht.

Über den Bruch zu sprechen heißt auch, die gemeinsame Verantwortung beider Seiten zum Thema zu machen. Immerhin gab es in der Vergangenheit große Zeiten eines fruchtbaren Dialogs und einer wechselseitig belebenden Koexistenz. Über Jahrhunderte hinweg wurde Wissen auf verschiedensten Wegen weitergegeben: von Athen nach Alexandria, von Bagdad nach Toledo. Dies sollte man sich unbedingt in Erinnerung rufen.

Zwischen dem achten und zehnten Jahrhundert wurde das Streben nach Erkenntnis zu einem wesentlichen Beweggrund für die Geschichte der beiden Kulturkreise. Zu jener Zeit war Bagdad ein bedeutendes kulturelles Zentrum und das arabisch-islamische Reich der Abassidendynastie auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung. Die Herrscher sorgten zur Festigung ihres Einflusses in den neu eroberten Gebieten dafür, dass das Wissen immer auf dem neuesten Stand gehalten wurde.

Deshalb ließ Kalif Harun al-Raschid eine Palastbibliothek, das so genannte Haus der Weisheit, einrichten. Sein Sohn, der Kalif Mamun, ordnete an, diese Bibliothek um neue Wissenschaftszweige zu erweitern, wenn auch Astronomie und Astrologie weiterhin die Schwerpunkte der Sammlungen blieben. Vor allem die Oberschicht der Bagdader Gesellschaft - sie umfasste diejenigen, die als Schreiber in der Verwaltung, als Wissenschaftler oder Händler arbeiteten - war eifrig darauf bedacht, Schriften aus den modernsten Wissensgebieten der damaligen Zeit zu erwerben: Medizin, Astronomie, Astrologie, Mathematik und Chemie. Sie waren bereit, dafür viel Geld auszugeben.

Damals trat ein Phänomen auf, das sich seither nicht wiederholt hat. Das aus dem antiken Griechenland transferierte Wissen ergriff, unter der Ägide der herrschenden Elite und von ihr finanziert, die gesamte Bagdader Gesellschaft. Deren Strukturen, die damals gerade entstanden, konnten sich dadurch in einer dynamischen Wechselwirkung entwickeln. Diese Transferbewegung setzte sich noch einige Jahrhunderte lang fort und bestimmte das geistige Leben der arabisch-islamischen Welt. Sie wurde zum zentralen gesellschaftlichen Motor, der wesentlich zum Verständnis des Anderen, nämlich der Europäer, und zum Umgang mit ihnen beitrug.

Bei der Annäherung spielten Übersetzungen eine äußerst wichtige Rolle, schon bevor die beiden Welten unmittelbar aufeinander stießen. Im 12. und 13. Jahrhundert fand eine ähnliche kulturelle Bewegung in entgegengesetzter Richtung statt: Mit der Rückeroberung Toledos durch die Christen im Jahre 1085, welche die Reconquista einleitete - die Zurückdrängung der Araber bis zum endgültigen Ende ihrer Herrschaft in Andalusien -, begann ein gewaltiger Kulturtransfer. Damals kamen junge Männer aus den verschiedensten Ländern Europas zusammen, um sich der Übersetzung arabischer philosophischer und wissenschaftlicher Werke in die romanischen Sprachen zu widmen. Unterstützt wurden sie dabei von jüdisch-arabischen und christlich-arabischen Gelehrten.

Einer der Beweggründe für diese Übersetzungstätigkeit war sicher der Wunsch, den arabisch-muslimischen "Feind" jenseits der Grenzen kennen zu lernen, um ihn erfolgreich bekämpfen zu können. Ungeachtet dessen waren die Übertragungen jener Männer und ihr Kontakt zu muslimischen Gelehrten für Europa ein kultureller Schatz. Die weitere Entwicklung des Kontinents ist nur zu verstehen, wenn dieser Beitrag gewürdigt wird. Denn die europäische Kultur des Mittelalters schöpfte ebenso wie die Renaissance sowohl aus griechischen und römischen Quellen als auch aus arabischen.

Im 18. und 19. Jahrhundert kam eine neue Komponente hinzu. Damals erlebte Europa gewaltige Umwälzungen seiner sozialen Strukturen, ausgelöst durch die industrielle Revolution. Diese Entwicklung brachte neben relativem Wohlstand, der es einigen gestattete, ganz nach Wunsch in andere Weltgegenden zu reisen, auch soziale und psychische Erschütterungen mit sich. Viele Schriftsteller und Künstler konnten nun, auf der Suche nach dem verlorenen irdischen Paradies, andere Erdteile erkunden, die ihnen zuvor unerreichbar waren. Sie entdeckten ihr Paradies im Orient: in der einfachen Natürlichkeit seiner Bewohner, in seiner Gastfreundschaft und in der Schönheit seiner Frauen.

Der verklärte Blick dieser Romantiker ließ ein Klischee vom alten Orient in den Köpfen entstehen. Es war dies ein Ort, der Phantasievorstellungen Raum bot und so dazu beitrug, bestimmte Sehnsüchte zu befriedigen. Die Schriften der Romantiker wimmeln nur so von träumerischen, phantastischen Stereotypen, von denen sich die Autoren auch dann nicht mehr abbringen ließen, wenn die Realität sich vor ihren Augen änderte: In ihrer Wahrnehmung verharrte die Gesellschaft bewegungslos - mit Ausnahme dessen, was sich in ihren von Haschisch, Wein und schönen Frauen benebelten Köpfen abspielte. Aber dieses fixe Bild trügt, ebenso wie die Bilder trügen, die islamistische Propagandisten heute vom "unzüchtigen" Westen zeichnen.

Die Phantasievorstellungen der Romantiker nährten sich aus den Erzählungen aus "Tausendundeiner Nacht". Die Europäer - verunsichert vom rasanten industriellen Fortschritt und den ihn begleitenden komplexen sozialen Prozessen - konnten nun bei der Lektüre dieses Buchs im häuslichen Salon in ihre Phantasiewelt entfliehen. Das war nicht der wirkliche Orient mit seinen authentischen Sitten, seiner Weisheit und seiner reichen Literatur. Es war ein Orient, der keinerlei Pflichten kannte, in dem man in den Palästen einem freizügigen Leben frönte und ausschweifende Sexorgien mit lesbischer Liebe und Lustknaben feierte. So wurden die Märchen aus "Tausendundeiner Nacht" selbst zur eigentlichen Lampe, die Aladin bei sich trägt: Bei einer Berührung mit ihr nehmen die eigenen Phantasien Gestalt an.

Bis heute üben diese Märchen ihren Zauber auf die europäische Vorstellungskraft aus und versperren ihr so den Zugang zur modernen arabischen Literatur. Das Kuriose dabei ist, dass die arabische Ausgabe der Erzählungen erst 1814 und in Kalkutta erschien - also nach der Übersetzung des französischen Orientalisten Galland, die für Jahrhunderte die europäische Vorstellung vom Orient prägen sollte (siehe Seite 26). Und erst im Jahre 1835 folgte dann eine zuverlässigere ägyptische Ausgabe, die übrigens noch heute in vielen arabischen Ländern verboten ist - mit der Begründung, das Buch enthalte Schilderungen ausschweifender Sexszenen.

Während der Westen sich in jener Zeit ausschließlich der Übersetzung der Märchen widmete, richteten die Araber, die gerade durch die Kanonenböller Napoleons aufgeschreckt worden waren, ihr Augenmerk auf die Übersetzung von Werken aus europäischen Sprachen. Vor allem aus dem Englischen und Französischen wurde auf den verschiedensten Gebieten übersetzt. Diese Tendenz besteht bis heute, auch wenn sie sich seit dem Ende der sechziger Jahre deutlich abgeschwächt hat.

Der Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs und die Zerstörung Beiruts - der einzigen liberalen arabischen Hauptstadt, die sich einer regen Übersetzungstätigkeit geöffnet hatte - führten zum Niedergang dieses Übersetzungswesens. Als dann auch noch der palästinensische Terrorismus eskalierte, begannen sich die heutigen Probleme der arabischen Kultur abzuzeichnen: die Schwierigkeit, sich selbst zu präsentieren und in eine Beziehung zum Anderen, zum Westen, zu treten. Im Allgemeinen nährt sich die geistige Kultur einer Gesellschaft auf organische Weise aus der Übersetzung. Wenn nun die Übersetzungstätigkeit versiegt, führt dies dazu, dass eine Nation sich isoliert und in eine Rückständigkeit gerät, die entweder von außen aufgezwungen oder selbst auferlegt sein kann. Forschergeist und Neugier, die bei anderen Nationen den Fortschritt beflügeln, werden so erstickt.

Der Kontakt mit dem Anderen und der Transfer von dessen Kultur sind zwei Möglichkeiten, die Ursachen von dessen Fortschritten zu erkennen und es ihm gleichzutun. Diese beiden Triebkräfte verringern die Kluft zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern und eröffnen neue Möglichkeiten zu Kommunikation und Kontakt. Sie spornen zu immer neuen Leistungen an.

So war es zur Blütezeit der arabisch-islamischen Kultur. Diese hätte niemals ihren Zenit erreicht, hätte sie nicht die griechischen Werke übersetzt und sich für das kulturelle Erbe der Nachbarvölker geöffnet - ungeachtet dessen, dass diese einer anderen Religion anhingen. So wurde alles angeregt, was den arabischen Gesellschaften Dynamik verlieh - die Einführung der Philosophie, die Kunst des Diskurses, die Entwicklung der Künste und des Handwerks. Eben diese Dynamik fehlt ihnen heute heute wegen der repressiven Isolation der Kultur und wegen des Terrors.



© SPIEGEL special 4/2004
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