Sachbücher "Alles niederschießen"

In den "Erinnerungen an Ostafrika" schildert der Kaufmann Justus Strandes die schäbigen Methoden, mit denen das Kaiserreich seine Kolonien erwarb.


Carl Peters lag im französischen Hotel auf Sansibar zwar mit schwerem Fieber danieder, zeigte sich aber äußerst vergnügt, als ihn der Hamburger Kaufmann Justus Strandes im Dezember 1884 aufsuchte. 38 Tage lang war der schmächtige Peters aus Neuhaus an der Elbe mit drei deutschen Begleitern durch Ostafrika marschiert und hatte dabei den Herrschern von Usagara, Nguru, Useguha und Ukami in Ostafrika Land abgeschwatzt, das doppelt so groß war wie das heutige Bayern. In Mbusine etwa nahmen die Deutschen links und rechts neben dem dortigen Häuptling Platz, legten ihre Arme von beiden Seiten um ihn, versetzten ihn mit Grog in "vergnüglichste Stimmung" und ließen ihn dann einen Vertrag unterzeichnen, der auf die Abtretung des Landes hinauslief.

Kaufmann Strandes übernahm es, die Scheinverträge im Konsulat beglaubigen zu lassen. Zwar fühlte sich der Afrika-Kenner dabei nicht wohl ("ebenso wenig wie es einem Weißen einfällt, sich seines Hab und Guts gegen ein Nichts zu entäußern, wird sich ein Negerhäuptling auf solchen Widersinn einlassen"); doch Kolonialist Peters war für Einwände nicht zugänglich und bekannte freimütig: "Ja, wir wurden von Mal zu Mal frecher." Das schreibt Strandes in seinen bislang unbekannt gebliebenen Erinnerungen, die nun der Hamburger Historiker Sven Tode herausgibt.

Fast zehn Jahre vertrat Strandes das Hamburger Handelshaus Hansing & Co. auf Sansibar, dem "Tor zu Ostafrika". Als der damals 20-Jährige 1879 dort eintraf, besaß das deutsche Reich noch keine Kolonie; als er die Insel verließ, war Deutsch-Ostafrika zum größten Überseeterritorium des Kaiserreichs geworden.

Von seinen räuberischen Landsleuten zeichnete der Beamtensohn aus Stade ein düsteres Bild: Viele seien "zu Hause gescheiterte" Existenzen. Afrika-Reisenden habe Peters geraten, wenn nötig "rechts und links alles niederzuschießen".

Der Elfenbeinhändler Abushiri Bin Salim rief 1888 zum Krieg gegen die Deutschen auf. 6000 gut ausgerüstete Afrikaner und Araber verwüsteten Plantagen und massakrierten Pflanzer. Während die Reichsregierung in Berlin die Rebellion als Aufstand muslimischer Sklavenhalter denunzierte, notierte Beobachter Strandes den wahren Grund: deutsche Willkürherrschaft. So hatten die Kolonisatoren etwa von allen Grundbesitzern einen Nachweis für die Rechtmäßigkeit ihres Eigentums verlangt - in einer Weltgegend ohne Kataster absurd.

Peters Karriere endete unrühmlich. 1891 ließ er eine Konkubine und deren angeblichen Liebhaber vom Stamme der Djagga hängen, was ihm den Spitznamen "Hänge-Peters" eintrug. Häuptling Mareale griff daraufhin Deutsche im Kilimandscharo-Gebiet an, Peters wurde aus dem Staatsdienst entlassen. 1937 ließ Hitler ihn rehabilitieren: Peters habe den "Gedankengängen des Dritten Reiches bereits vor 50 Jahren" nahe gestanden.

Strandes-Sohn Günther, der das Manuskript geerbt hatte, kamen angesichts der kritischen Passagen des Vaters über den Nazi-Helden Peters, Bedenken, es zu veröffentlichen. Zu Recht, das Auswärtige Amt verbot 1939 die Publikation. Der Text kam ins Archiv, und dort hat ihn ein Enkel vor wenigen Jahren wiederentdeckt. So erreicht es heutige Leser wie eine Flaschenpost aus dem Kolonialismus.



© SPIEGEL special 4/2004
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