Sachbücher Schwindelgefühl des Phantastischen

Der Brite Ben Schott hat in seinem Buch "Schotts Sammelsurium" die unterschiedlichsten Fakten in absonderlichen Listen zusammengestellt ­ ein skurriles Lesevergnügen eigener Art.

Von Joachim Kalka


Eine leicht erweiterte Ausgabe des 2002 in London erschienenen und schnell zum Bestseller avancierten Bändchens "Schott's Original Miscellany" tritt als "Schotts Sammelsurium" vor den deutschen Leser: eine knappe und doch barocke Sammlung von Informationen - "Berühmte Belgier", Handschuhgrößen, "Das inoffizielle Motto der amerikanischen Post", die Topografie von Dantes Inferno, die sieben Weltwunder und so fort in Schwindel erregendem Wechsel zwischen dem Praktischen (das Morse-Alphabet) und dem abgründig Marginalen ("Merkwürdige Tode einiger burmesischer Könige").

Die Rezension zu Schotts Buch ist schon vor 100 Jahren geschrieben worden. Gilbert Keith Chesterton hat sie 1901 unter dem Titel "Eine Verteidigung nützlicher Information" veröffentlicht. Er untersucht die verbreitete Neigung zu kuriosen Einzelheiten des Wissens. "Jedes Detail hat seinen Wert, und mit dem Instinkt des wahren Sportsmanns freut sich der einfache Mann am meisten über jene Details, die besonders kompliziert, besonders irrelevant sowie gleichzeitig besonders schwierig herauszufinden und besonders nutzlos sind."

Das Buch ist vollkommen überflüssig und trotzdem irgendwie überaus reizvoll. Dieses Irgendwie lässt sich näher bestimmen. Chesterton hat nämlich auch ein Gedankenspiel angestellt, das den paradoxen Charme solcher Listen erhellt: Wären diese Informationen erfunden, wären sie erstaunlich - "pittoresk und nahezu brillant". Schott hat nichts erfunden, trotzdem wirkt sein Sammelsurium in hohem Maße märchenhaft - das macht hier die "fiktionale" Anordnung, das abrupte Nebeneinander.

So entsteht das Schwindelgefühl des Phantastischen durch Montage. Die Anordnung der Informationen erinnert selbst an die berühmte Liste eines Meisters der phantastischen Literatur: die der Tiere, die laut Jorge Luis Borges in einer alten chinesischen Enzyklopädie eingeteilt werden in, unter anderem, dem Kaiser gehörende Milchschweine, Sirenen, streunende Hunde, mit feinstem Kamelhaarpinsel gezeichnete und solche, die von weitem wie Fliegen aussehen. Auch diese Liste zitiert Schott, und sie ist sein geheimes Motto. Genau so folgen bei ihm in buntem Wechsel einander Thomas Manns Kinder, die den Kaviar liefernden Störarten, die Staaten der Arabischen Liga und "einige der zahlreichen Komponisten, die in ihrem Leben insgesamt neun Sinfonien geschaffen haben". Dass ein und dasselbe Buch "Elizabeth Taylors Ehemänner" und "Typische Bremswege" versammelt, ist gewiss nicht praktisch, aber von stimulierender Absurdität.

Alles gerät ins Schwanken, wie solide es sich auch vor dem Leser aufbaut. Leicht könnte man beim Blättern die Gewinner des Grand Prix d'Eurovision und die Monatsnamen der Maya ("Pop", "Uo", "Zip", "Tzotz" und so weiter) verwechseln. Eins erscheint so unwirklich wie das andere. So geht es der Realität überall, wo Schott sie berührt, und das macht den Reiz des kleinen Buches aus. Wider Willen mag man ja auch etwas lernen dabei. Es dürfte zwar kaum einen Leser geben, der naiv genug wäre, hier nach Informationen zu suchen, die er "braucht", aber: "Manches merkt man sich bloß, weil es mit nichts zusammenhängt" (Elias Canetti).



© SPIEGEL special 4/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.