Belletristik Zurück zum Neandertaler

Der Brite Martin Amis hat den Roman "Yellow Dog" als grimmige Satire auf die Porno-Industrie angelegt.

Von Sven Boedecker


Bill Clinton war der Porno-Präsident. Nur Analsex ist ehrlich. Und ein echter Porno-Sonnenuntergang leuchtet in den Porno-Farben Rosa, Lila und Blutorange.

Diese und andere Erkenntnisse hatte Martin Amis im Jahr 2000 bei einer Reportage im kalifornischen San Fernando Valley, der Weltzentrale der Pornografie, recherchiert. "In jener Woche in Los Angeles", schrieb er in seinem Artikel, "wurde mir klar, was ich nicht mag."

Der Satz hat seiner Schwiegermutter bestimmt gefallen. Doch weil wir heute alle ein bisschen Porno sind, war der Schriftsteller Amis von der P-Welt angefixt. So sehr, dass er jetzt einen P-Roman geschrieben hat. Und als Beleg für die lohnende Recherche im Valley finden sich in "Yellow Dog" - Amis' zehntem Roman und dem ersten seit 1997 - viele wörtliche Zitate aus der P-Reportage.

Bei Martin Amis, 55, ist ein solches Thema nicht wirklich überraschend. Schließlich hat das Abstoßende den Bad Boy der englischen Literatur schon immer angezogen. In "Gierig" (1984) ließ er die Monster der achtziger Jahre auftreten; "Pfeil der Zeit" (1991) beschäftigte sich mit den medizinischen Experimenten in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Beide Romane waren und sind in hohem Maße lesenswert.

"Literatur muss sich mit dem Zeitgeist und der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins beschäftigen", hat Amis in einem Interview gesagt. Insofern ist

"Yelllow Dog" eine zwingende Auseinandersetzung mit dem, was er "die Obszönisierung des Alltagslebens" nennt: Pornografie, Verlust des Schamgefühls, mediale Sensationsgier, männliche Gewalt.

Sein Romanheld, der 47-jährige Schauspieler und Schriftsteller Xan Meo, gerät in die Mühlen dieser Gegenwart. Bei einem Kneipenbesuch wird ihm der Schädel eingeschlagen, das dabei erlittene Hirntrauma löst eine Persönlichkeitsveränderung aus. Xan, der "gute moderne Mensch", regrediert zum amoralischen Neandertaler: Er verwahrlost, belästigt seine kleine Tochter sexuell und spielt am Ende eine Nebenrolle in einem Porno.

Xans Geschichte ist eng mit der weiterer Figuren verknüpft. Da ist der amtierende britische König Henry IX., ein kompletter Versager, dessen Thron wackelt, als ein Nacktvideo seiner 15jährigen Tochter Vicky auftaucht. Und da ist der sexuell frustrierte Trash-Journalist Clint Smoker (Pseudonym: Yellow Dog); er arbeitet für das Bumsblatt "Morning Lark", dessen 3,7 Millionen Leser nur "Wichser" genannt werden (deshalb die Rubrik "Wichserbriefe"). Hinzu kommen: Henrys Hofstaat, eine Porno-Queen, ein psychopathischer Verbrecherkönig sowie Sexsüchtige, Drogenabhängige und andere Kreaturen am Ende der Nahrungskette.

Für ein schmutziges und komisches Buch über einen zivilisatorischen Niedergang ist das ein nahezu perfektes Personal. Leider kommen Amis in der zweiten Hälfte seiner Satire häufig "allgemeine Gedanken" in die Quere. Dann muss Xan über die Geschlechterverhältnisse oder böse weiße Männer räsonieren. Das ist wenig originell - oder einfach schlechte Prosa: "Wenn ich dich ansehe, suche ich immer nach deinen Kindern. Und auch deine Brüste suchen danach: Sie suchen nach deinen Kindern."

Dennoch: Mit seinem Sinn für den grotesken Alltag landet Amis oft genug genau in unserer Gegenwart - dort, wo relevante Literatur hingehört.



© SPIEGEL special 4/2004
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