Belletristik: Nachrichten aus der Steinzeit

Von Karen Andresen

Friedrich Christian Delius' Roman "Mein Jahr als Mörder"erhellt ein in Vergessenheit geratenes Stück Zeitgeschichte ­ diefünfziger Jahre.

Es war an einem Nikolausabend, in der Dämmerstunde, als ich denAuftrag erhielt, ein Mörder zu werden." So beginnt das Buch vonFriedrich Christian Delius, und wer erwartet, sich nun mitten ineiner Geschichte von Verbrechen und Vergeltung zu befinden, derliegt richtig - wenn auch ganz anders, als es auf den ersten Blickden Anschein hat. Denn der Ich-Erzähler wird den Mord an RichterR., zu dem er sich von einem Nachrichtensprecher des Rias Berlinangestiftet sieht, nie begehen. Und der Jurist R. ist zwar eingrausamer Blutrichter, den man einen Mörder nennen könnte, aberdeutsche Gerichte haben ihn für seine Untaten nie büßen lassen. Hans-Joachim Rehse war Beisitzer am Volksgerichtshof des RolandFreisler und wirkte an mindestens 231 Todesurteilen mit - auch ansolchen, die nicht einmal nach den Sonderbestimmungen desNS-Staates gerechtfertigt waren. Dennoch wurde R. im Dezember 1968vom Vorwurf des Mordes freigesprochen.Es ist diese Meldung in den Nachrichten, die den Ich-Erzählerso aufbringt, dass er Mordlust verspürt und beschließt, mehr überden NS-Juristen und dessen Opfer in Erfahrung zu bringen.Wie schon in seinen Büchern "Ein Held der inneren Sicherheit"oder "Mogadischu Fensterplatz" hat Friedrich Christian Deliuserneut reale historische Ereignisse mit einer fiktiven Handlungverwoben. Der Fall Rehse war einer der großen Justizskandale derBundesrepublik, und Georg Groscurth, dessen Schicksal Delius in demRoman nachgeht, ist eines von Rehses Opfern.Der Berliner Arzt, ein NS-Gegner und Freund des späterenDDR-Dissidenten Robert Havemann, wurde im Dezember 1943 vomVolksgerichtshof zum Tode verurteilt. "Wie schamlos" seineGesinnung sei, heißt es in der von Delius zitiertenUrteilsbegründung, ergebe sich auch daraus, dass er und einigeHelfer "geradezu systematisch illegal lebende Juden unterstützten,ja sogar mästeten". Am 8. Mai 1944 ist Groscurth im ZuchthausBrandenburg hingerichtet worden.Im Roman berichtet der Sohn des NS-Opfers dem Ich-Erzähler, mitdem er seit Kindertagen befreundet ist, vom grausamen Tod desVaters. "Sie haben ihm den Kopf abgehackt, mit so einer Maschine,mit einem Beil." Der Erzähler, damals noch ein Dorfjunge, erstarrtvor Entsetzen. Hühnern hackt man den Kopf ab, aber Menschen?Zunächst wagt er mit niemandem über das, was er da erfahren hat, zusprechen. Schließlich fragt er seinen Vater über das SchicksalGroscurths aus. "Ja, es war schlimm damals", sagt der. Und fügthinzu: "Aber er war ja ein Kommunist." Die Antwort verstört denJungen erneut. "Das Aber, denkt das Kind, was ist das für einAber?"Es sind die fünfziger Jahre mit ihren Lebenslügen, in dieDelius seine Leser zurückversetzt. NS-Widerstandskämpfer gelten denmeisten Westdeutschen als Verräter; braune Karrieristen sind alsÄrzte, Juristen oder Politiker wieder auf dem Posten. Der neueFeind ist rot und sitzt vorzugsweise im Osten.Ein Opfer dieser bipolaren Welt wird Anneliese Groscurth, diein West-Berlin lebt. Der Erzähler besucht die Witwe, um mehr überGeorg Groscurth zu erkunden, und erfährt dabei auch vom Leid dieserFrau, die sich mit ihren zwei kleinen Söhnen als Ärztindurchschlägt.Delius beschreibt Anneliese Groscurth als eine Frau, die sichvor allem vorgenommen hat, den Idealen ihres toten Mannes und deseinzig überlebenden Freundes, Robert Havemann, treu zu bleiben, unddie so zwischen die Fronten des Kalten Kriegs gerät.Denn Freund Havemann lebt im Osten, und die von ihm initiiertenAufrufe gegen Faschismus und Krieg, die Anneliese Groscurthunterschreibt, ähneln denen der SED. Die Witwe wird für dieWest-Berliner Behörden zur Staatsfeindin. Während Nazi-Richter wieHans-Joachim Rehse friedlich ihren Lebensabend genießen können,verliert sie ihre Anstellung als Amtsärztin. Selbst der Status alsHinterbliebene eines politisch Verfolgten und die ihr dafürzustehende Entschädigung werden ihr genommen."Steinzeit der Demokratie" nennt Delius die Nachkriegsperiodeund spricht von einem "wenig beleuchteten Gelände". Tatsächlichsind die Gründerjahre der Republik, gegen deren Geist die 68ereinst aufbegehrten, mittlerweile arg in Vergessenheit geraten. Esist das große Verdienst dieses genau recherchierten Romans, dass erdie Erinnerung daran wiederbelebt. Auch wenn die fiktiveRahmenhandlung manchmal etwas sperrig daherkommt, liest sich dasBuch sehr spannend.

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