Belletristik Eine Reise ins Denken

Der Schweizer Autor Pascal Mercier, der im Hauptberuf als Philosophieprofessor lehrt, spielt in seinem Roman "Nachtzug nach Lissabon" mit Gedanken.

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Kann man in sein gewohntes Leben zurückkehren, wenn man einmal daraus ausgebrochen ist?

Eines Morgens begegnet dem Lateinlehrer Raimund Gregorius auf seinem täglichen Weg zur Schule eine lebensmüde Frau. Im strömenden Regen steht sie mitten auf der Berner Kirchenfeldbrücke und zerknüllt einen Brief. Als sie über das Geländer klettern will, hält Gregorius sie vom Sprung ab. "Was ist Ihre Muttersprache?", fragt er. "Português", antwortet die Frau. Die Melodie dieses einen Wortes weckt eine seltsame Sehnsucht in Gregorius. Er, der korrekte Altphilologe, verlässt kurz darauf seine Schüler mitten im Unterricht.

In einem Antiquariat entdeckt er das Buch eines portugiesischen Autors namens Amadeu Inácio de Almeida Prado. Ein schmaler Band voller Gedanken und Fragen: "Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?", steht dort. Nachts, zu Hause, übersetzt er das erste Kapitel mit Hilfe eines Lexikons, um vier Uhr morgens sitzt er reisefertig in seinem Sessel, und als es hell wird, bricht er auf, reist über Genf und Paris mit dem "Nachtzug nach Lissabon".

Nach 40 Seiten ist Raimund Gregorius seinem alten Leben entschlüpft. Mögen auch die ersten Kapitel des Romans "Nachtzug nach Lissabon" ein wenig konstruiert erscheinen - die Reise, auf die der Schriftsteller Pascal Mercier seinen Protagonisten schickt, ist ein fesselndes Leseabenteuer.

Schon Merciers erster Roman "Perlmanns Schweigen" (1995) war eine aufregende, elegant geschriebene Erkundung, wie Erfahrung und Sprache die Persönlichkeit bedingen.

Der Autor wurde 1944 in der Schweiz geboren. Heute lebt er in Berlin, wo er unter seinem bürgerlichen Namen Peter Bieri an der Freien Universität Philosophie lehrt. "Nachtzug nach Lissabon" ist sein dritter Roman, und auch dieses Mal gelingt es ihm, in durchsichtigen, prägnanten Sätzen eine spannende Geschichte mit existenziellen Fragen nach Einsamkeit und Tod zu verknüpfen.

Als Gregorius in Lissabon ankommt, nimmt er sich ein Pensionszimmer und vertieft sich in das Buch von Amadeu Prado. "Gibt es ein Geheimnis unter der Oberfläche menschlichen Tuns? Oder sind die Menschen ganz und gar so, wie ihre Handlungen, die offen zu Tage liegen, es anzeigen?", schreibt Prado. Seit 30 Jahren ist dieser portugiesische Arzt und Poet tot, aber Gregorius beginnt den Spuren seines Lebens zu folgen. Er entdeckt in Prado einen Mann, der gegen den Faschismus Salazars kämpft, aber einem Schergen des Diktators das Leben rettet; einen Mann, der Loyalität und Freundschaft als die höchsten Werte achtet und dann in Liebe entbrennt für die Geliebte seines einzigen, besten Freundes.

Prados fiktive Schriften sind wie ein zweites Buch in diesen Roman eingefügt. Als Leser bewegt man sich auf drei Ebenen, gespannt verfolgt man, wie Gregorius das schillernde Puzzle von Prados Leben aus den Erzählungen verschiedener Menschen zusammensetzt, während man zugleich Prados eigene Gedanken kennen lernt. Und dann erlebt man die behutsame Wandlung Gregorius' vom pflichtbewussten Lateinlehrer in einen sich öffnenden, neugierigen Menschen. "Die Geschichten, die die anderen über einen erzählen, und die Geschichten, die man über sich selbst erzählt: Welche kommen der Wahrheit näher?", heißt es in Prados Buch.

Nach fünf Winterwochen kehrt Gregorius von Lissabon nach Bern zurück. Womöglich ist er todkrank. Er leidet unter einem seltsamen Schwindel. Sein altes Leben erkennt er kaum wieder. Aber er ist weit gereist in die Welt des Denkens und mit ihm der Leser dieses wunderbaren Romans.



© SPIEGEL special 4/2004
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