Akupunktur Nadeln für arm und reich

Hans Halter über Akupunktur, Ayurveda und die Geheimnisse asiatischer Heilkünste


Lange bevor die Chinesen das Pulver erfanden, die Pockenschutzimpfung, das Papier, den Fingerabdruck und das Porzellan, die Seide und den Kompaß, verfügten sie über eine Heilmethode, die Jahrtausende überdauert hat: die Akupunktur. Sie stammt aus der Steinzeit.

Als ihr Entdecker gilt Huang-Ti, der "Gelbe Kaiser". Dieser legendäre Monarch lebte, so wird berichtet, von 2698 bis 2598 vor Christi Geburt, wurde also 100 Jahre alt.

Der Kaiser hat nicht nur die Nadelung reichsweit eingeführt. Ihm wird auch nachgerühmt, er habe als erster die Musik in ein System gebracht, den Lauf der Gestirne wissenschaftlich beobachtet, den Wagen und das Geld erfunden. Doch wer weiß das schon so genau?

Sicher ist nur, daß die Akupunktur, das Moxa-Brennen, auch die indischen Heilweisen Ayurveda und Yoga - kurzum: alle asiatischen Medizinrichtungen, die jetzt in Europa Furore machen - uralt sind. In den Höhlen Nordchinas wurden Akupunkturnadeln aus Stein gefunden - gebraucht zu Zeiten, da Rom noch nicht gegründet war und die alten Germanen zwischen Sumpf und Krüppelfichten umherliefen.

Die ältesten Lehrbücher zu Asiens Heilkünsten sind fast 4000 Jahre alt. Der Große Vorsitzende Mao Tse Tung hat ihren Wert in einem Satz komprimiert: "Die Volksmedizin ist eine große Schatzkammer." Und diese dunkle Höhle bietet Raum für Weisheiten und Widersprüche, Vernunft und Glauben. Jeder darf sich bedienen, das Angebot ist vielfältig und wohlfeil.

Asiens Heilweisen, so hoffen immer mehr Europäer, werden auch ihnen helfen, vor allem dem Schmerz endlich Flügel machen. Diese Zuversicht ist begründet, aber sie ist nicht gerade neu.

Nachdem missionierende Jesuiten im 17. und 18. Jahrhundert Expeditionen in das dunkle Reich der Mitte unternommen hatten, schäumte die erste Welle der Begeisterung für fernöstliche Heilkunst über Europa. Alle Großen jener Zeit, vom deutschen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz bis zum französischen Aufklärer Voltaire, zeigten sich interessiert. Auch Goethe legte ein gutes Wort ein, und der preußische Hofprediger Conrad Mel gab seinen überkonfessionellen Segen: "Und wie verächtlich uns diese Völker auch vorkommen", sprach der Gottesmann, "werden doch vielleicht unsere Medici von ihnen manch bishero verborgenes Kunststück erlernen."

So geschah es. Doch die Welle ebbte rasch ab. Nach einigen Jahrzehnten waren "Medizinische Chinoiserien" wieder out, die indische Heilkunst wurde von den Briten sogar systematisch verfolgt. In Europa begann der Siegeszug der Naturwissenschaften, das Jahrhundert der Semmelweis, Pasteur und Koch.

Seither koexistieren die beiden so gegensätzlichen medizinischen Systeme nebeneinander, mehr oder minder friedlich. Die asiatischen Kulturen, seit Jahrtauenden von der traditionellen Heilkunst begleitet, haben Europas "Hochschulmedizin" in ihre Metropolen integriert: die Chirurgie und Anästhesie, Penicillin und Aspirin, die Lehre von den Mikroben - alles, was gut und teuer ist. Vor allem der Preis setzt dem Zug zur "weißen Medizin" jedoch Grenzen, nicht so sehr Hochmut oder Ignoranz ihrer Doktoren.

Andererseits wird das Spektrum asiatischer Therapien (inklusive ihrer so ganz anderen Krankheitsdiagnostik) in Europa immer breiter. In allen Ländern gibt es wissenschaftliche Akupunktur-Gesellschaften, deren Präsidenten Medizin-Professoren sind.

Dreiviertel der Deutschen halten asiatische Heilweisen für interessant, jeder zweite findet sie sympathisch. Die Hoffnung richtet sich nicht so sehr darauf, durch Akupunktur konventionelle oder chirurgische Therapien - etwa der Extraktion eines Weisheitszahnes oder des Wurmfortsatzes - vermeiden zu können. Gewünscht wird vielmehr von den fernen Gesundheitslehren ein Zugewinn an Wohlbehagen oder wenigstens ein Minus bei den Schmerzen, die gewöhnlich mit der Diagnose und Behandlung nach herkömmlichen europäischen Regeln verbunden sind.

Auf die strengen gesetzlichen und wissenschaftlichen Anforderungen, der sich die Schulmedizin Europas unterwirft, wird im allgemeinen Einvernehmen bei Asiens Heilweisen verzichtet. Bei näherem Hinsehen wimmelt es nämlich von unaufhebbaren Widersprüchen. Beispiel: Akupunktur.

Die naturwissenschaftliche Basis der Akupunktur mit ihren "Punkten" und "Meridianen" war von Anfang an dürftig. Kein Wunder, denn bis vor 200 Jahren waren den chinesischen Ärzten (von denen die meisten eher philosophierende Theoretiker als Praktiker waren) die Lage der Leber, die Funktion der Nieren, der Unterschied zwischen Arterien und Venen und sogar das ganze Nervensystem unbekannt. Leichenöffnungen waren im alten China tabu, auch Operationen.

Aufgabe fernöstlicher Heilkunst war die Linderung alltäglicher, oft chronischer Beschwerden, nicht ihre ursächliche Therapie. Die Akupunktur-Theoretiker lieferten den Akupunktur-Praktikern, meist "Barfußärzten", das Rüstzeug der Theorie - so gesehen ist auch der Große Vorsitzende Mao Tse Tung ein Akupunkteur gewesen. Der "Steuermann" wußte sehr wohl, daß er seinem armen Volk nicht die (manchmal auch dubiosen) Segnungen der westlichen Medizin spendieren konnte. Aber er wünschte sich und den Seinen eine Basistherapie, die den Schmerz lindert, Ruhe und Gelassenheit gibt und arm an Nebenwirkungen ist. Wer Krankheit nicht heilen kann, will wenigstens ihre Folgen mindern.

Legt man die Elle der naturwissenschaftlichen Medizin an das Gedankengebäude der Akupunktur, so zeigt sich, daß es weder Beweise gibt für die Existenz von Meridianen und Akupunkturpunkten, noch Erkenntnisse darüber, wie relevant Einstichtiefe oder Material der Nadel sind.

Nirgendwo und nirgendwann hat jemand irgendwelche anatomischen Strukturen entdeckt, nicht mal mit dem Elektronenmikroskop, die mit dem Akupunktur-System zusammen passen. Aber warum wirkt es dann?

Denn auf die Wirkung der Nadeln schwören ja nicht nur die, welche am Piksen gut verdienen. Akupunktur hat Millionen Menschen unbestritten die Schmerzen genommen, das Fieber gesenkt, den Schlaf zurückgegeben. Sie wirkt bei einfachen und gebildeten Menschen, Armen und Reichen, studierten Ärzten und sogar bei denen, die "nicht daran glauben". Nur bei kleinen Kindern hilft Akupunktur nicht, die weinen.

"Wir wissen nicht, warum Akupunktur wirkt und weshalb sie manchmal nicht wirkt", erklären die chinesischen Akupunktur-Lehrer. Ihre europäischen Adepten suchen hingegen noch nach biologischen Erklärungen. Partout wollen sie nicht wahrhaben, daß es sich bei der fernöstlichen Heilweise um eine Sonderform von Hypnose und Suggestion handelt - als sei das eine Schande. Schließlich hat auch Europa suggestive "Chinoiserien" hervorgebracht, die Homöopathie oder den Mesmerismus (durch Handauflegen wird "Magnetismus" übertragen).

"Viel Nachdenken gebiert Weisheit", hat Mao gelehrt, doch davon wollen die Anhänger asiatischer Heilweisen lieber nichts wissen. Die traditionelle Medizin der verschiedenen Kulturräume des größten Kontinents wird meist losgelöst von ihren Ursprüngen adaptiert.

Dabei stecken in diesen Lehrgebäuden viele kluge Ideen, denen sich die europäische Naturwissenschaft seit einiger Zeit wieder vorsichtig nähert: der Gedanke von der körperlich-geistigen Harmonie, von der Einheit von Mensch und Natur, vom Segen der Mäßigung bei Tisch und der Muskelaktivitäten.

Ayurveda, die indische "Wissenschaft vom Leben", stützt ihre Lehren von der Gesundheit des Menschen und seinem Wohlbefinden auf eine ganzheitliche Betrachtung der Existenz. Wem es unter wechselnden Bedingungen gelingt, Leib und Seele mit der Umwelt in einem stabilen Gleichgewicht zu halten, der bleibt gesund.

Der indische Subkontinent steht seit Jahrtausenden vor den gleichen Problemen wie das chinesische Riesenreich - es fehlt an heilkundlichen Strategien und Instrumentarien, die allen Menschen zur Verfügung stehen sollten. So entwickelte sich eine Mixtur aus religiösen Hoffnungen, entspannenden Übungen und bekömmlicher Diät - das hilft auch gegen den Schmerz.

In Mitteleuropa lassen sich 65 Prozent aller Schlafstörungen durch ein wirkstoffreies Scheinmedikament beheben. Ähnlich hoch ist die Placebo-Heilquote bei akuten und chronischen Schmerzen. Ist das subjektive Leid groß und die aktive Bereitschaft, einem bestimmten medizinischen Verfahren zu vertrauen, stark ausgeprägt, so hilft die fernöstliche Heilkunst am besten.

Sie trägt - wie ein Komet, der die Wolken seines Schweifs mitschleppt - eine Vielzahl ewiger Lebensweisheiten im Gefolge. Zur gefälligen Auswahl: Man kann sich für die strenge Sicht des Lao Tse entscheiden, für die wunderbare Resignation des dicken Buddha oder für die Weisheit eines ungenannten alten Inders. Der empfiehlt - zugegeben: ein bißchen macho - als rechten Weg zu Glück, schmerzfreiem Wohlbehagen und langem Leben "frische Milch, ein warmes Bad und ein junges Mädchen".



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