Frauen Generation Zuversicht

Top-Studentinnen von heute wissen ziemlich genau, was sie können und vor allem, was sie wollen: Verantwortung, Erfolg, Karriere ­ möglichst mit Familie.

Von Maren Soehring


Luisa Ziehe hat gerade ihre eigene Gesundheitsreform verabschiedet: Sie schläft jetzt sonntags aus. "Sonst komme ich ja selten auf mehr als fünf Stunden", sagt die 23-jährige Jurastudentin, der man den chronischen Schlafmangel nicht ansieht: Keine Schatten unter den großen braunen Augen, kein verstecktes Gähnen in den Gesprächspausen. Sicherheitshalber bestellt sie trotzdem einen Espresso zur Zigarette.

Luisa Ziehe ist in Ost-Berlin geboren, in Sichtweite der Mauer. Als diese fiel, war sie acht Jahre alt. "Meine Eltern haben mir immer gesagt: Jetzt ist alles möglich. Greif nach den Sternen!" Das hat sie getan, bewarb sich an der privaten Bucerius Law School in Hamburg und bekam nicht nur einen der begehrten Plätze, sondern auch ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. Den Bachelor hat sie schon in der Tasche, gerade steckt sie in den Vorbereitungen für das Erste Staatsexamen. Angepeilter Termin: Mitte 2005, rund ein Jahr vor dem offiziellen Freischuss.

Floriana Müller ist in West-Berlin aufgewachsen. Auch sie blickte aus ihrem Kinderzimmerfenster auf Stacheldraht und Mauersteine. Die 24-Jährige im grauen Mini und roten Pullover studiert Philosophie, Soziologie und Linguistik an der Berliner Humboldt-Universität.

"Klar gucken manche etwas erstaunt, wenn ich im kurzen Rock in die Uni komme", sagt sie, "aber warum soll ich in Schutt und Asche gehen, nur weil ich gut bin und beruflich etwas erreichen möchte?" Seit einem Jahr arbeitet sie am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie - als einzige Frau.

Der Physikstudentin Tatjana Tchumatchenko fällt schon gar nicht mehr auf, dass sie in vielen Kursen in der absoluten Minderheit ist. "Generell fühle ich mich nicht benachteiligt, nur manchmal merke ich, dass man mir als Frau zuerst weniger zutraut. Aber die meisten kann ich überzeugen", sagt sie.

Die 24-Jährige hat früh gelernt, sich durchzusetzen. Als sie 14 war, kam sie mit ihren Eltern aus der Ukraine, besuchte zunächst eine Realschule. Dort wurde sie eher gebremst als gefördert, oft hörte sie den Satz: "Das schaffst du doch nicht!"

Sie besuchte Französischkurse an der Volkshochschule, besorgte sich Lehrbücher und büffelte jeden Nachmittag Mathematik, Biologie und Physik. In der zehnten Klasse wechselte sie aufs Gymnasium, machte Abitur und bereitet sich nun - gefördert von der Studienstiftung - an der TU Darmstadt im siebten Semester auf ihre Diplomarbeit vor.

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Floriana Müller, Luisa Ziehe und Tatjana Tchumatchenko - drei Spitzenakademikerinnen, die ihre Ziele klar vor Augen haben und sich vor allem auf sich selbst verlassen: "Sehr gute Leistungen im Studium reichen nicht aus, man muss sich selbst um praktische Erfahrungen und gute Kontakte kümmern", sagt Tatjana Tchumatchenko, die auch schon in einer Bank Börsendaten analysiert und in einer Versicherung gearbeitet hat.

"Es ist wichtig, dass man vor Abschluss des Studiums genügend Praxiserfahrung sammelt und später genau weiß, was man will", bestätigt Luisa Ziehe. Auch für Floriana Müller steht das Berufsziel fest: Philosophieprofessorin. "Ich weiß, dass es sehr schwer wird, mich an der Universität durchzusetzen. Aber ich bin konsequent und lasse mich nicht so schnell abschrecken, auch von großen Namen nicht."

Ob es die selbstbewussten Nachwuchsfrauen wirklich nach ganz oben schaffen, müssen sie in der Arbeitswelt erst zeigen. "Viele Frauen machen an der Hochschule die Erfahrung, dass sie mit Spitzenleistungen alles erreichen können, und starten selbstbewusst und optimistisch in den Beruf. Erst in der Praxis merken sie, wie schwierig es noch immer ist", sagt Corinna Kleinert vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit. In einem zweijährigen Forschungsprojekt hat sie die realen Aufstiegschancen von hochqualifizierten Frauen in einer großen Versicherung untersucht. Sie erklärt, warum so viele ehrgeizige Einsteigerinnen auf der Karriereleiter stolpern: "Der Handlungsspielraum ist für Frauen sehr eng. Verhalten sie sich typisch männlich, wird ihnen das negativ angelastet, betonen sie die weibliche Seite, gelten sie als weich und führungsschwach."

Denn in deutschen Unternehmen und Universitäten haben die Männer immer noch das Sagen: Nur jede zehnte Professorenstelle ist mit einer Frau besetzt. Ähnlich sieht es in der Wirtschaft aus: Knapp zehn Prozent der Führungskräfte sind weiblich, unter den Spitzenmanagern sind es rund vier Prozent, und in den Vorstandsetagen sitzt - statistisch gesehen - eine Frau neben 99 Männern.

Die Chancen für weibliche High Potentials stehen heute trotzdem besser denn je. "In vielen Fächern und Arbeitsbereichen sind die Frauen inzwischen einfach besser", sagt Arbeitsmarktexpertin Kleinert. "Die Unternehmen wissen, dass sie auf dieses Potential auf Dauer nicht verzichten können, die Spitzenfrauen nicht nur einstellen, sondern auch langfristig halten müssen." Das gelte besonders für internationale Unternehmen: "In vielen Ländern sind weibliche Führungskräfte schon lange keine Ausnahme mehr. Geschäftspartner erwarten Frauen am Verhandlungstisch."

"Warum denn nicht?", antwortet Jurga Kazlauskaite erstaunt auf die Frage, ob sie es beruflich einmal ganz nach oben schaffen werde. Vorbilder hat die Litauerin in der eigenen Familie: Ihre Mutter leitet als Geschäftsführerin ein Unternehmen, ihre Tante ist Professorin für Informatik. Auch die Frage nach "Kind oder Karriere" findet die zierliche Informatikerin überflüssig. Schließlich hat sie mit gerade 25 drei Studiengänge mit "sehr gut" beendet. Für den Master of Science im Bereich Information and Media Technologies der TU Hamburg-Harburg sorgte sie mit ihrer Abschlussarbeit dafür, dass der Flugzeugbaugigant Airbus in Hamburg mit seinen klein- und mittelständischen Zulieferern optimal vernetzt ist.

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Zurzeit bewirbt sie sich bei renommierten Firmen und Unternehmensberatern. Von ihrem ersten Arbeitsplatz hat Jurga Kazlauskaite sehr klare Vorstellungen: "Ich möchte meine Informatikkenntnisse mit meinen Managementfähigkeiten verbinden und Neues dazulernen. In spätestens zwei Jahren will ich als Führungskraft Verantwortung übernehmen." Jurga Kazlauskaite spricht Deutsch mit einem leichten Akzent - aber genauso fließend wie Englisch, Russisch und Litauisch.

Bewerberinnen wie sie hätten auch bei Oliver Maassen, Leiter des Talent Centers der HypoVereinsbank, gute Chancen. Die Münchner Großbank hat mit Christine Licci gerade eine Frau in den Vorstand geholt - als zweites Dax-Unternehmen nach dem Berliner Pharmariesen Schering. "Wir brauchen Mitarbeiter, die nicht nur Spitzenleistungen vorweisen, sondern auch ganz genau wissen, wohin sie wollen", sagt Oliver Maassen.

Rund die Hälfte der akademischen Nachwuchskräfte bei der HypoVereinsbank sind weiblich. "Sozialkompetenzen wie Empathie, Kommunikation und Teamfähigkeit werden für jeden Job und für jedes Unternehmen immer wichtiger. Hier schneiden Frauen generell besser ab", sagt Oliver Maassen.

Doch selbst exzellente Einsteigerinnen bleiben auch in seinem Unternehmen nach ein paar Jahren häufig auf der Strecke. Viele Frauen, beobachtet Maassen, verlieren ihr Karriereziel zu schnell aus den Augen. "Sie haben etwas erreicht, machen ihre Arbeit gut und gern und geben sich damit zufrieden. Wer ganz nach oben will, muss das immer deutlich einfordern." Dass es Frauen generell schwerer haben, gibt Maassen zu: "Wenn ich einen Führungsposten besetze und zwei gleich gute Bewerber habe, frage ich die Frau natürlich nach ihrer Familienplanung."

Aber Frauen mit Kindern oder Kinderwunsch hätten durchaus eine Chance: "Ein Unternehmen muss planen können. Wenn mir eine Spitzenkandidatin glaubhaft und verlässlich erklärt, wie sie sich ihre Zukunft als Mutter vorstellt, sind wir für eine gemeinsame Karriereplanung aufgeschlossen", versichert Maassen.

"Statistische Diskriminierung" nennt Berufsmarktforscherin Kleinert die Kinder-Frage, die ausschließlich Frauen gestellt wird. Dabei seien Kinder nur selten der Grund, warum es so wenig Frauen in wichtige Führungspositionen schaffen: "Die Geburtenrate von hochqualifizierten Frauen ist immer noch extrem niedrig." Und: Wer sich als Mutter durchsetzen kann, hat sogar Vorteile. "Diese Frauen gelten als extrem kompetente Managerinnen, das wird auch in den Unternehmen geschätzt."

Dass sie etwas erreichen können, haben Frauen wie Floriana Müller längst bewiesen. Seit sie als 15-Jährige die ehemaligen Vernichtungslager in Auschwitz und Birkenau besuchte, engagiert sie sich in der Politik. Sie war im Vorstand der Berliner Grünen Jugend, entwickelte ein Projekt für das Bundesfamilienministerium, arbeitete zwei Jahre für die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese und reiste 2002 als eine von zehn deutschen Vertretern zum Jugendkonvent für die Zukunft der Europäischen Union nach Brüssel.

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Müller redet in druckreifen Sätzen, dosiert Fremdwörter und Fachbegriffe so präzise, wie es Profi-Politikern nur selten gelingt. Man könnte sie guten Gewissens in den Bundestag wählen, hätte sie nicht längst andere Ziele: "Ich bin bereit, sehr viel für meine Karriere zu geben, aber auch für Familie muss Raum sein. Wenn man in der Politik inhaltlich wirklich etwas bewegen möchte, ist das nicht möglich."

Dorothee Aufderhaar hat die ersten Stufen der Karriereleiter schon geschafft: Die 26-Jährige arbeitet nach einem Traineeprogramm seit eineinhalb Jahren bei der HypoVereinsbank im Bereich Business Development und Corporate Markets.

Schon vor dem Abitur erkundigte sie sich in verschiedenen Personalabteilungen nach den geforderten Qualifikationen und richtete ihr Studium an der European School of Business der Hochschule Reutlingen gezielt danach aus. Sie sammelte Praxiserfahrung im In- und Ausland, die sich jetzt auszahlt. Sie führt Interviews genauso zielstrebig wie ihre Kundengespräche.

Sie weiß genau: Eine Bank ist nicht die Bahnhofsmission. Ihr Erfolgstipp: "Man muss nicht nur sehr gut sein, sondern sollte die eigenen Qualitäten auch gut verkaufen können."



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