Lesezeichen Der Schrei der dünnen Bücher

Die Berliner Kleinverlage von Heinrich von Berenberg und Wolf Jobst Siedler jr. beleben die kriselnde Branche als mutige Neugründungen: Sie bieten Nischenprodukte für anspruchsvolle Leser.

Von Joachim Kronsbein


Die Herren sind beide nicht mehr ganz jung, waren nie langzeitarbeitslos und machten sich dennoch selbständig. Den Schritt in die Unwägbarkeiten des freien Unternehmertums wagten sie in einer Branche, in der die Konzentration der Konzerne einen immer härteren Verdrängungswettbewerb erzwingt.

Verleger Siedler: "Kosten müssen so gering wie möglich gehalten werden"
Jens Passoth

Verleger Siedler: "Kosten müssen so gering wie möglich gehalten werden"

Heinrich von Berenberg, 55, und Wolf Jobst Siedler jr., 48, riskierten es vor einem Jahr dennoch - fast zeitgleich, aber unabhängig voneinander -, je einen Kleinverlag in Berlin zu gründen. Das Resümee nach dem ersten Geschäftsjahr fällt bei beiden vorsichtig optimistisch aus: Es hat sich gelohnt, aber sie sind noch nicht in den schwarzen Zahlen.

Beide Ich-AGs nennen sich selbstbewusst nach ihren Gründern: Berenberg Verlag der eine, und, etwas verschämtversteckt als Initialen, wjs Verlag der andere. Und beide Neu-Unternehmer haben ein anderes, durchaus bedeutsames Kuriosum gemeinsam: Sie tragen die Namen ihrer prägend erfolgreichen Väter. Wolf Jobst Siedler jr. hat es zudem gewagt, nun auch noch denselben Beruf wie der Vater zu ergreifen.

Siedler sen. begann 1963 seine überragende Verleger-Karriere und leitete von 1983 bis 1998 den Wolf Jobst Siedler Verlag. Mit seinem profilierten Programm aus Memoiren-Literatur, Kulturgeschichte und Architektur sowie als wortgewandter Debatten-Redner etablierte sich der ehemalige Journalist rasch als einer der meinungsstärksten Vertreter eines wertekonservativen, liberalen Bürgertums.

Inzwischen überlebt sein Verlag unter dem Dach des zu Bertelsmann gehörenden Großkonzerns Random House, und der Gründer, geschwächt durch Krankheit, hat sich ganz aus dem Geschäft zurückgezogen.

Sein Sohn unterhält sein bescheidenes Büro im Nachbarhaus seiner Eltern im Berliner Stadtteil Dahlem. Der Junior hat am Anfang seiner Laufbahn für Vaters Verlag gearbeitet, ging dann zu Bertelsmann in die Vertriebs- und Marketingabteilungen, leitete deren inzwischen eingestellte Kundenzeitschrift und fühlte sich irgendwann "von der Überproduktion an Titeln" gelangweilt.

Mit seinem Verlag wjs, der in den ersten beiden Programmen sieben Titel herausgebracht hat und für den Herbst sechs weitere ankündigt, will Siedler "eine Lücke schließen".

Sein Programm wirkt wie eine zeitgemäße Version dessen, was Siedler sen. einst herausbrachte: Historisch-Autobiografisches wie die Erinnerungen der Journalistin Margret Boveri ans Kriegssende 1945, Essayistisches - etwa eine Studie über "Wodka - Trinken und Macht in Russland" von Sonja Margolina - oder Politisches wie die Betrachtungen des deutschen Diplomaten Berndt von Staden über die Strategien der Großmächte "Zwischen Eiszeit und Tauwetter".

Die Bücher von wjs sind, wie die von Berenberg auch, klassische Nischenprodukte. Bücher für eine Großstadtelite, angeboten von Buchhändlern, die selbst gern Gehobenes lesen. 4000 Exemplare werden in der Regel bei wjs gedruckt, aber bei weitem nicht immer verkauft. Und die ersten bescheidenen Bestseller des Hauses sind immerhin auch schon aktenkundig: Eberhard Straubs intelligenter großer Aufsatz "Vom Nichtstun - Leben in einer Welt ohne Arbeit" und "Bomben, Trümmer, Lucky Strikes" mit Berichten von Zeitzeugen über die Stunde null in Berlin.

Verleger Berenberg: "In gewisser Weise wohlhabend"
Jens Passoth

Verleger Berenberg: "In gewisser Weise wohlhabend"

Am liebsten sind Siedler solche deutschsprachigen Originaltitel. Das spart ihm das Übersetzerhonorar. Die Finanzdecke ist hauchdünn, und der Verleger kalkuliert knapp, auch bei sich selbst: "Lebenshaltungs- und Betriebskosten müssen so gering wie möglich gehalten werden." Das finanzielle Risiko der Verlags-Unternehmung deckt "eine großzügige Bürgschaft der Eltern" ab.

Weit sorgenfreier konnte Heinrich von Berenberg die Gründung seines Verlages angehen lassen. "Ich gehöre zum Glück zu den Menschen, die in gewisser Weise wohlhabend sind", umschreibt er mit der Gelassenheit des lebenslang Begüterten den Umstand, dass er einmal zum Nachfolger und Erben seines Vaters, des Hamburger Bankiers Heinrich Freiherr von Berenberg-Gossler, auserkoren war. Berenberg sen. wollte den Sohn an der Spitze von Deutschlands ältester und vornehmster Privatbank sehen.

Doch der Vater, selbst sehr belesen, machte einen schweren Fehler. Er schenkte seinem Sohn immer wieder Bücher zu Themen, die auch ihn begeisterten: griechische Sagen und Historisches. Vor allzu Naheliegendem schreckte der Bankier allerdings zurück: Thomas Manns Roman "Buddenbrooks", der den traurigen Niedergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie so gründlich wie ironisch beschreibt, hat Berenberg sen. "natürlich nie gelesen", ist sich der Junior sicher.

Nach einer Lehre in der väterlichen Bank zog es den Sohn endgültig von den Bilanzen zu den Büchern. Er studierte Germanistik und Anglistik, lernte Spanisch und wurde Lektor und Übersetzer. Die Leerstelle in der Bank wurde durch den vom Vater adoptierten Stiefbruder bestens gefüllt. Das Erbe blieb.

Heinrich von Berenberg war Lektor im Berliner Verlag Klaus Wagenbach, einem kleinen Haus, in dessen Programm Hedonismus und linkes Denken traditionell eine bekömmliche Allianz eingehen. Als der Vater seinen Sohn einmal in den Verlagsräumen besuchte, war der Banker beruhigt, so des Sohnes Erinnerung, "statt Ché-Guevara-Poster Aktenordner vorzufinden".

Rund 20 Jahre arbeitete Berenberg bei Wagenbach und hatte irgendwann das Gefühl, "wenn ich da bleibe, sterbe ich auch da". Langsam wuchs die Idee vom eigenen Verlag, und langsam entwickelte sich auch ein mögliches Programm.

  • 1. Teil: Der Schrei der dünnen Bücher
  • 2. Teil


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