Geld "Das Spielfeld ist ein Dschungel"

MANAGER: Jorge Valdano gilt als klügster Kopf des Fußballs. Ein Gespräch über Kapitalismus und Kreativität.


SPIEGEL:

Señor Valdano, in Ihrer Firma Make-A-Team beschäftigen Sie vor allem ehemalige Sportler, darunter auch den früheren spanischen Nationaltorhüter Andoni Zubizarreta. Was kann die Wirtschaft vom Fußball lernen?

Jorge Valdano: Die Idee meiner Firma ist es, Prinzipien aus dem Fußball ins Wirtschaftsleben zu übertragen. Wir zeigen den Managern großer spanischer Unternehmen, wie man motiviert und führt, wie man Konflikte löst und Talente fördert. Es ist ziemlich leicht, die Brücke zu schlagen aus der Welt des Fußballs in die Welt der Wirtschaft. Ein Unternehmen muss Geld verdienen und die selbstgesteckten Ziele erreichen, aber gleichzeitig produziert diese Welt Frustrationen und Beklemmungen und Stress, die all diese Ziele und Strategien pervertieren. Ich glaube, dass man Lösungen für all das in der Welt des Fußballs findet. Fußball ist eigentlich nur eine Metapher für das Leben.

SPIEGEL: Das klingt wie ein Klischee.

Valdano: Überhaupt nicht. Die Belegschaft einer Firma unterscheidet sich nicht von einem Spielerkader. Beide Male ist es die Menschheit im Miniaturformat. Fußball erklärt uns, wer wir sind. Er reflektiert das, was passiert auf unseren Straßen: den Kommerz und die Konkurrenz, das Hässliche und das Schöne. Und was ihn als Metapher besonders wertvoll macht: Es ist eine Welt der Übertreibungen, der Exzesse. Fußball bringt starke Bilder hervor, Bilder, die alle verstehen.

SPIEGEL: Was könnte umgekehrt der Fußball von der Wirtschaft lernen?

Valdano: Vor allem die Fähigkeit, sich selbst gut zu managen. Zum Beispiel könnte man lernen, weniger Geld auszugeben, als man einnimmt.

SPIEGEL: Als Manager von Real Madrid haben Sie für Weltstars wie Figo, Zidane, Ronaldo und Beckham mehr als 200 Millionen Euro ausgegeben.

Valdano: Das stimmt. Aber es hat funktioniert. Als wir damals im Jahr 2000 angefangen haben, hatte der Verein 40 Profis unter Vertrag, die Gehälter verschlangen 97 Prozent des Jahresbudgets. Real Madrid hatte 300 Millionen Euro Schulden. Wir haben das Clubgelände verkauft, um Schulden abzubauen, und wir haben ein neues Konzept entwickelt: das Konzept der Galácticos, der Überirdischen. Die Idee war es, jedes Jahr einen Weltstar zu holen und damit den Verein auf der ganzen Welt als Marke zu etablieren und gleichzeitig junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in die Mannschaft einzubauen. Heute machen die Gehälter nur noch knapp 50 Prozent des Budgets aus, und die werden mittlerweile fast durch die Einnahmen aus dem Merchandising gedeckt. Real Madrid hat etwas geschafft, was normal sein sollte im Fußball. Der Verein hat heute 100 Millionen Euro auf der Bank und allein im vergangenen Jahr 50 Millionen Euro verdient. Und das nicht trotz der Stars, sondern nur wegen der Stars.

SPIEGEL: Trotzdem hat Real Madrid seit 2003 keinen Titel mehr geholt und vier Trainer verschlissen. Wie lange kann man ohne Erfolge jedes Jahr 50 Millionen Euro Gewinn machen?

Manager Valdano: "Am Ende war ich müde"
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Manager Valdano: "Am Ende war ich müde"

Valdano: Moment. Bis 2003 haben wir sieben Titel geholt. Außerdem glaube ich, dass das sportliche Ergebnis oft die Wirklichkeit verschleiert. Es scheint eine Katastrophe zu sein, wenn eine Mannschaft verliert, obwohl die wirtschaftliche Situation sehr gesund ist. Ich frage Sie: Ist es nicht andersherum absurd, wenn ein Club einen Titel nach dem anderen holt, aber Millionen von Schulden anhäuft?

SPIEGEL: Sie sind vor anderthalb Jahren zurückgetreten. Warum?

Valdano: Die Umgestaltung dieses Vereins war eine Revolution, und sie hat mich verschlissen. Ich war damals der einzige Sprecher des Vereins. Ich war sehr sichtbar, zu sichtbar. Am Ende war ich müde. Und wahrscheinlich habe ich auch den Rest der Menschheit ermüdet. Ich war in meiner Karriere Profi-Fußballer, Trainer und Manager und habe es immer so gehalten, nach drei, vier Jahren eine Pause einzulegen, um wieder etwas Luft zu bekommen.

SPIEGEL: Glauben Sie weiterhin an das Konzept der Galácticos? Präsident Florentino Pérez, mit dem Sie gemeinsam angefangen haben, ist im Februar zurückgetreten, eine Ära scheint beendet.

Valdano: Natürlich muss man jetzt andere Prioritäten setzen. Zidane beispielsweise ist am Ende seiner Karriere. Die Zeit macht ja keinen Unterschied zwischen einem Überirdischen und den Normalen. Real Madrid braucht jetzt Verlässlichkeit. Das ist ein gemeinnütziger Verein, dessen Ziel es sein muss, keine Schulden zu machen und trotzdem die Fans zu befriedigen. Jetzt werden für die nächste Saison 100 Millionen in neue Spieler investiert, aber nicht in Galácticos, sondern Spieler von mittlerem Wert. Und der Verein wird noch stärker auf junge Spieler setzen. Erneuerungsprozesse beginnen im Fußball wie auch in der Wirtschaft immer zu spät. Und natürlich verzögert sich dieser Prozess, wenn die alten Spieler solche Stars sind wie Zidane oder Roberto Carlos.

SPIEGEL: Sie sind 1975 im Alter von 19 Jahren aus Argentinien nach Spanien gewechselt. Wissen Sie noch, wie viel Geld Sie damals verdient haben?

Valdano: Ich weiß nur noch, dass es zehnmal soviel war wie in Argentinien. Um es bildlich auszudrücken: Ich hätte mir damals mit einem Jahresgehalt vier Mittelklasse-Autos kaufen können. Das war nicht sehr viel, und mein Verein Deportivo Alavés spielte auch nur in der Zweiten Liga. Aber ich wollte unbedingt weg und habe die erste Gelegenheit genutzt.

SPIEGEL: Warum wollten Sie weg?

Valdano: Es war eine Flucht. Vor dem Chaos im argentinischen Fußball und dem Chaos im ganzen Land. Damals stand die Weltmeisterschaft in Argentinien vor der Tür, das war natürlich eine große Sache für die Militär-Junta. Um das Land verlassen zu können, musste ich schriftlich auf eine Teilnahme verzichten. Ich gehörte damals zum Kreis der Nationalmannschaft. Es war eine schwierige Entscheidung. Ich habe mit dem Trainer César Luis Menotti gesprochen. Er sagte: "Wenn du bleibst, wirst du sicherlich im WM-Kader sein." Und dann sagte er: "Aber wer weiß, was passiert. Vielleicht bin ich schon nächste Woche nicht mehr Trainer der Nationalmannschaft." Nichts war damals sicher in diesem Land, die Strukturen hatten sich aufgelöst.

SPIEGEL: Hatte Ihre Flucht wirtschaftliche oder politische Gründe?

Valdano: Vor allem berufliche. Ich war ein guter Spieler, sehr versiert und ziemlich geschickt, aber meinen Stil würde ich als trocken beschreiben.

SPIEGEL: Trocken?

Valdano: Als Fußballer besaß ich eher so eine deutsche Geschicklichkeit. Argentinischer Fußball ist sehr wendig, Sie kennen diesen romantischen Mythos, sehr phantasievoll, sehr kreativ, Maradona eben. Alle sagten mir damals, du wirst es weit bringen in Europa. Das war ein Lob, das mir überhaupt nicht gefiel. Ich bin Argentinier, ich wollte in meiner Heimat Erfolg haben, aber ich war eben kein Maradona. Die traurige Wahrheit ist: Ich als Zuschauer hätte mich auch eher für Maradona entschieden als für Valdano.



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