Spuren der Geschichte: Überreste eines Mordregimes

Von Sebastian Christ

Im unterirdischen Konzentrationslager Mittelbau-Dora fertigten Zwangsarbeiter Hitlers Wunderwaffe V2. Archäologen erforschten die gefluteten Stollen und das Inventar - im Wettlauf mit Plünderern und Alt-Nazis.

Dieser dunkle Stollen. Die Feuchte, die Kälte, die Stille. Und dann noch der modrige Geruch, die Tonnen von Schrott in jeder Ecke, in jedem noch so schmalen Gang.

Plötzlich sind die Erinnerungen wieder da. Willi Kramer schildert, was er damals gesehen hat: Hallen, die aussehen, als wären sie gerade erst verlassen worden. Werkbänke, verwaiste Arbeitsspinde. Auch Fetzen von Häftlingskleidung.

"Selbst jetzt läuft es mir noch kalt den Rücken hinunter, wenn ich an diese Anlage denke." Kramer ist Archäologe, Wissenschaftler. Acht Jahre sind seit seinem letzten Tauchgang in die überschwemmten Stollen des ehemaligen Konzentrationslagers Mittelbau-Dora vergangen.

Das gigantische Tunnelsystem am Stadtrand des thüringischen Nordhausens war im Zweiten Weltkrieg eines der grausamsten Lager des Nazi-Reichs. Häftlinge mussten hier sogenannte Wunderwaffen für ein Regime bauen, das nach mehr als vier Jahren Krieg in die Defensive geraten war und tatsächlich nur noch auf ein Wunder hoffen konnte. Sie montierten die "Flugbombe" V1 und die Rakete V2.

Als 1943 in Peenemünde die Produktionsanlagen für die V2 durch einen britischen Luftangriff teilweise zerstört worden waren, entschloss sich das Rüstungsministerium, die Fertigung unter Tage zu verlegen. Der Kohnstein bei Nordhausen schien dafür genau der richtige Ort. Zentral gelegen, fernab der Front.

Im August 1943 erreichte der erste Häftlingstransport das Lager Dora. In den Wochen danach trafen fast täglich neue Güterzüge mit Arbeitssklaven ein, die das ehemalige Treibstofflager im Berg Kohnstein zur Waffenfabrik erweiterten. Allein bei den Bauarbeiten sollen fast 6000 Menschen gestorben sein. Bis Kriegsende wurden 60.000 Menschen in den verschiedenen Lagern des KZ-Komplexes Mittelbau-Dora interniert. Mindestens 20.000 von ihnen kamen um.

Am 11. April 1945 befreiten die Amerikaner das Lager. Sofort begannen sie, die im Stollensystem vorhandenen Maschinen zu demontieren und nach Übersee zu verschiffen. Auf wenig Interesse stieß dabei eine komplexe Pumpanlage, mit deren Hilfe der Kohnstein vom Grundwasser freigehalten wurde. Sie verfiel, einige Teile wurden gestohlen.

Im Laufe der Zeit drang immer mehr Wasser durch das Gestein und rieselte direkt in die Produktionshallen. Meter für Meter wurden zahlreiche Stollen überflutet, kleine Seen entstanden. Die Raketenprüfhalle 42 steht bis zu neun Meter unter Wasser.

Ende der vierziger Jahre wollte die sowjetische Armee schließlich das Tunnelsystem sprengen. Ohne Erfolg. Zerschmetterte Betonplatten, verbogene Stahlträger und Tonnen von Schutt zeugen von der versuchten Vergangenheitsabwicklung mit Dynamit.

Die Stollen blieben geschlossen, bis zur Wende. Es war im Jahr 1992, als Kramer gebeten wurde, nach Thüringen zu kommen Er war zu diesem Zeitpunkt einer der wenigen deutschen Archäologen, die auch über ausreichende Tauchkenntnisse verfügten. In der Ostsee hatte er für das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein an Schiffswracks gearbeitet - Routine für einen Unterwasserarchäologen.

Mittelbau-Dora ist anders. Das wurde ihm schon bei seiner Ankunft klar. "Trotz der Verfremdung, verschiedener Sprengungen durch die Sowjets und der Dunkelheit ist noch immer spürbar, was die Häftlinge in dem KZ durchmachen mussten", sagt er.

Das Wasser, in das er und sein Team getaucht sind, ist eine schlimme Giftsuppe. Auf der Oberfläche schwimmt ein dünner Dieselfilm, vermischt mit Betonkrümeln und Staubpartikeln. Die grünliche Farbe kommt von einem Grundstoff zur Gipsproduktion, der aus dem Berg herausgewaschen wurde. Die Wassertemperatur liegt konstant bei sieben bis acht Grad, der Sauerstoffgehalt geht nahe null. Kaum ein Lebewesen kann hier überleben. Der Nazi-Schrott schon.

Denn wo kein Sauerstoff ist, kann auch nichts rosten. Und die niedrige Temperatur hat dazu beigetragen, dass die meisten der zurückgelassenen Gegenstände wie in einer Zeitkapsel überdauert haben - 60 Jahre lang -, ohne größeren Schaden zu nehmen. Nur eine dünne Schlammschicht hat sich mit den Jahren auf das Inventar gelegt, eine Folge der Sprengversuche. Archäologen gilt Mittelbau-Dora als Fundgrube.

"Als ich vor 14 Jahren hier hinkam, hätte man sich sogar noch eine V1 zusammenbauen können", sagt Kramer. "Die Flügel standen in den überfluteten Regalen, auch andere Teile. Alles war noch da. Die Bauelemente musste man sich nur zusammensuchen."

"An einer Stelle fanden wir unter Betonplatten einen komplett mit Wasser gefüllten Raum. Da stand noch die Kaffeetasse auf der Werkbank, die Werkzeuge im Regal, Lampen waren noch an der Decke. Es war so unheimlich."

Der erfahrene Archäologe hat jedes noch so kleine Detail inventarisiert, Räume vermessen. Später sind daraus 3D-Modelle entstanden, auch eine DVD mit dem kompletten Bestandskatalog.

Als Kramer und seine Kollegen zum ersten Mal in die Fertigungshallen des ehemaligen Konzentrationslagers abtauchten, begann ein Wettlauf mit der Zeit. Diebesbanden hatten Mittelbau-Dora schon früh für sich entdeckt. Jedes Fundstück hat eine Geschichte. Und jedes Fundstück ist Teil einer Geschichte. All das drohte auch im Südharz verlorenzugehen.

Kramer schätzt, dass seit der Wende etwa 70 Tonnen Material aus den Stollen gestohlen wurden. Das meiste in den Jahren von 1993 bis 1998. In dieser Zeit verweigerte ein Bergwerksbetreiber, der auf der anderen Seite des Kohnsteins Gips abbaute, den Unterwasserarchäologen sämtliche Forschungsarbeit. Zwar gehört das Inventar im Berg dem Land Thüringen. Das Hausrecht über das Tunnelsystem hatte jedoch der Privatunternehmer.

"Der Stollen ist ein Tatort. Hier haben Verbrechen stattgefunden. Und die Beweisstücke liegen immer noch da", sagt Jens-Christian Wagner. Der Leiter der KZ-Gedenkstätte ist überzeugt, dass Kramers Arbeit von unschätzbarem Wert für die Geschichtsschreibung sei: "In Ägypten freuen sich die Archäologen, wenn sie ein Grab finden, das noch nicht geplündert wurde. Hier freuen wir uns, wenn wir in einen Stollen gehen, in dem wir noch alles finden, was damals von Herrn Kramer inventarisiert wurde."

Es waren vor allem Nazis und Pseudohistoriker, die in den Kohnstein eindrangen. Die einen wollten sich ein Andenken daran sichern, was Hitlers Ingenieure in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt hatten. Bei anderen war es blinde Sammelwut. Im April 2002 fasste die Polizei zwei Männer aus Mittelhessen. Sie hatten sich über einen Hintereingang in das Stollensystem abgeseilt.

Im Gepäck hatten die Diebe zwar nur ein paar unbedeutende Bauteile, bei einer Hausdurchsuchung im heimischen Herborn stießen die Beamten jedoch auf ein kleines Privatmuseum. Raketenkomponenten, Panzerfäuste, Stabbrandbomben, Handgranaten - alles fein säuberlich ausgestellt. Sogar der Kampfmittelräumdienst musste anrücken, weil manche Bombenzünder noch scharf waren.

Seit zwei Jahren ist nun auch der Hintereingang versperrt. Der Bergwerksbetreiber hat Pleite gemacht. Mittlerweile gibt es kaum noch Plünderungen.

Willi Kramer stieg im Jahr 1998 zum letzten Mal in die Unterwasserstollen von Mittelbau-Dora hinab. Fünf Jahre später hat ihn ein kanadisches TV-Team eingeladen, den Kohnstein noch einmal zu besuchen. Er hat zugesagt, und es schon kurze Zeit später bereut. Gemeinsam sind sie durch den gut beleuchteten Besucherstollen gegangen, in dem nur ganz am Ende Wasser steht.

Gigantische Wände links und rechts, Decken so hoch wie die einer Kirche. Ein Steg führt durch betonierte Tunnel, seitlich davon türmen sich die Überreste der Raketenproduktion: Leitwerke, Lenksysteme, Flügelteile - in großen, halb sortierten Haufen. Daneben die Trümmerteile der Ausbauten, Stahlschrott, pulverisierte Betonblöcke. Und diese stickige, feuchte Luft bei konstant neun Grad. "Ich habe gefühlt, wie es den Häftlingen ging, die damals dort arbeiten mussten", sagt Kramer. "Ich bin heilfroh, dass ich nie wieder dort hineinmuss."

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