Der 11. September "Sieg wäre eine Fata Morgana"

Der ehemalige amerikanische Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski über die Fehler der Regierung von George W. Bush im Kampf gegen den Terror, die Katastrophe des Irak-Kriegs und die Gefahren einer weltweiten Rebellion gegen die Ungleichheit der Lebensbedingungen


SPIEGEL: Professor Brzezinski, Präsident Bush vergleicht die Gefahren des Terrorismus mit den Gefahren im Kalten Krieg und will nur einen "vollständigen Sieg" akzeptieren. Hat er recht oder nimmt er den Mund zu voll?

Präsident Bush auf dem US-Stützpunkt Fort Bragg (4. Juli 2006): "Die Kriegsrhetorik hat ihm geholfen, wiedergewählt zu werden"
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Präsident Bush auf dem US-Stützpunkt Fort Bragg (4. Juli 2006): "Die Kriegsrhetorik hat ihm geholfen, wiedergewählt zu werden"

Brzezinski: Er hat vollkommen unrecht. Ob er sich nun bewusst als Demagoge betätigt oder nur seine historische Unkenntnis offenbart, weiß ich nicht. Vier Jahre lang war ich dafür verantwortlich, die amerikanische Antwort im Falle eines Angriffs mit Atomwaffen zu koordinieren. Und ich kann Ihnen versichern, dass bei einem umfassenden Nuklearkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion innerhalb von 24 Stunden 160 bis 180 Millionen Menschen umgekommen wären. Eine vergleichbare terroristische Bedrohung wird es in absehbarer Zeit nicht geben. Im Übrigen: Terrorismus ist im Wesentlichen eine Technik, Menschen umzubringen, sie ist nicht der Feind selbst. Wenn man nun sozusagen gegen ein unsichtbares, unidentifizierbares Phantom Krieg führt, gerät man in eine Stimmungslage, die gefährliche Übertreibungen und Verzerrungen der Realität geradezu herausfordert.

SPIEGEL: Welche Verzerrungen?

Brzezinski: Nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor 1941 haben die USA energisch und entschlossen reagiert, im Kalten Krieg dann 40 Jahre lang geduldig und überlegt gehandelt. In keinem Fall hat ein Präsident die Furcht als wichtigste Botschaft an seine Landsleute gepredigt, im Gegenteil. Mit seinen unpräzisen Formulierungen erzeugt der Präsident nun ein Klima der Angst, das schädlich für Amerikas Moral ist und politische Entscheidungen beeinträchtigt.

SPIEGEL: Ist Angst nicht etwas sehr Natürliches, etwa beim Gedanken an eine Nuklearwaffe in den Händen von Terroristen?

Brzezinski: Sicher, eine solche Vorstellung ist nicht komplett unrealistisch, andererseits sind wir hier aber nicht mit dem sowjetischen Nuklearwaffenarsenal konfrontiert. Ich will die Bedrohung durch einen oder gar mehrere Terroranschläge überhaupt nicht kleinreden, dennoch sind die Größenordnungen einfach nicht vergleichbar.

SPIEGEL: Manchmal klingen die Diskussionen in den USA, aber auch in Europa dennoch so, als sei der radikale Islamismus an die Stelle der einstigen Sowjetunion getreten, und eine Art kalter Krieg ginge eben einfach weiter.

Brzezinski: Der radikale Islamismus ist auch so ein anonymes Phänomen, das es in einigen Ländern gibt und in anderen nicht. Es ist ernst zu nehmen, aber eben nur eine regionale Gefahr, die es hauptsächlich im Nahen Osten gibt. Und selbst in dieser Region sind die islamischen Fundamentalisten nicht in der Mehrheit.

SPIEGEL: Also: Bange machen gilt nicht?

Brzezinski: Wir müssen für diese Region eine Politik formulieren, die uns hilft, unsere potentiellen Freunde zu mobilisieren. Nur wenn wir mit ihnen zusammenarbeiten, können wir auch dieses Phänomen eindämmen und eventuell besiegen. Es ist doch paradox: Im Kalten Krieg war unsere Politik darauf ausgerichtet, unsere Freunde zu einen und unsere Gegner zu spalten. Unglücklicherweise zeigt unser heutiges Verhalten, und dazu gehört auch eine bisweilen Islam-feindliche Sprache, die Tendenz, unsere Gegner zu einen und unsere Freunde zu vergraulen.

SPIEGEL: In manchen Äußerungen erscheint Osama Bin Laden auf einer Stufe mit Mao oder Stalin.

Brzezinski: Genau. Und das ist natürlich eine Verzerrung der Realität - unbeschadet der Tatsache, dass Bin Laden ein Killer ist. Er ist ein Krimineller und sollte als solcher vorgestellt werden und nicht mit voller Absicht zum höchsten Führer einer transnationalen, quasi-religiösen Bewegung hochstilisiert werden.

SPIEGEL: Gab es während der letzten fünf Jahre überhaupt Fortschritte im Kampf gegen den Terrorismus?

Brzezinski: Ja und nein. Klopfen Sie auf Holz, bislang hat es keinen weiteren Terroranschlag auf die USA gegeben, und das ist wahrscheinlich - ebenso wie die Vereitelung der Londoner Anschläge - zum Teil den präventiven Maßnahmen zu verdanken, die wir ergriffen haben. Ansonsten wächst auch bei den modernen Eliten in der islamischen Welt die Erkenntnis, dass der islamistische Terror ihnen selbst schadet - ein, zugegeben, langsamer Prozess. Er wird zusätzlich erschwert, etwa durch unseren Einmarsch in den Irak, der in der islamischen Welt sehr viel Feindschaft gegenüber den USA mobilisiert hat. Unsere unsensible und unklare Haltung im israelisch-palästinensischen Konflikt ist ebenfalls ein sehr wichtiger Grund für die Feindschaft uns gegenüber. Das alles fördert den Terrorismus.

SPIEGEL: Ist ein vollständiger Sieg über den Terrorismus, wie ihn der Präsident fordert, überhaupt möglich?

Brzezinski: Das hängt davon ab, wie man Sieg definiert. Wenn wir uns intelligent verhalten und die notwendigen Koalitionen schmieden, kann die Attraktivität des Terrorismus nachlassen und seine Fähigkeit schwinden, Sympathisanten oder sogar Möchtegern-Märtyrer zu finden. Dann wird er womöglich im Laufe der Zeit ganz verschwinden. Wenn wir uns aber unter Sieg das Äquivalent eines Hitler vorstellen, der sich im Bunker erschießt, wird es das nicht geben. Genau deshalb führt diese ganze Kriegsanalogie in die Irre. Sie taugt nicht dazu, den Leuten klarzumachen, dass wir es mit einem langwierigen Problem in einer leicht entflammbaren Region zu tun haben, bei dessen Lösung es darauf ankommt, moderate Kräfte zu mobilisieren und Fanatiker zu isolieren.

SPIEGEL: Was verspricht sich Bush denn von seiner Kriegsrhetorik?

Brzezinski: Zunächst einmal hat sie ihm geholfen, wiedergewählt zu werden - eine Nation im Krieg entlässt ihren Oberbefehlshaber nicht. Zweitens vergrößert sie seinen Spielraum, die exekutiven Vollmachten des Amtes in einem Maße auszunutzen, wie es kein Präsident vor ihm getan hat. Das bringt natürlich Risiken mit sich, etwa die Beeinträchtigung von Bürgerrechten. Und dann ist da noch sein Anspruch, die US-Streitkräfte ganz nach seinem Gutdünken einzusetzen, selbst ohne eine Kriegserklärung, die eigentlich dem Kongress zusteht.

SPIEGEL: Entwickelt sich da eine Gefahr für die Demokratie?

Brzezinski: Langfristig schon. Dennoch, die Demokratie ist so fest in der Psyche und der Gesellschaft der Vereinigten Staaten verankert, dass eine solche Gefährdung nur dann eintreten könnte, wenn ein solcher Präsident über eine sehr lange Zeit eine solche Politik betreiben könnte. Aber Bush kann nicht noch einmal wiedergewählt werden, deshalb ist in zweieinhalb Jahren alles vorbei.

SPIEGEL: Viele europäische Politiker haben sich mit dem Konzept eines Kriegs gegen den Terrorismus nie anfreunden können. Zudem gibt es ausgeprägte transatlantische Meinungsverschiedenheiten, etwa über Befragungstechniken oder Gefangenenlager wie Guantanamo. Wie können die USA und Europa bei solchen unterschiedlichen Auffassungen überhaupt zusammenarbeiten?

Brzezinski: Genau das macht es eben so schwer, das Problem gemeinsam anzugehen. Allerdings muss man realistischerweise auch bedenken, dass es ohne großes Trara natürlich doch eine umfangreiche Zusammenarbeit gibt, vor allem auf polizeilicher Ebene. Aber genau diese Zusammenarbeit spiegelt die Erkenntnis wider, dass die Bekämpfung des Terrorismus letzten Endes eine Operation gegen kriminelles Verhalten ist. Allerdings: Ich teile zwar Europas Kritik an Guantanamo oder Abu Ghureib, an der Misshandlung oder sogar der Folter von Häftlingen. Dennoch sollten die Europäer vor lauter Empörung nicht ihre eigene Vergangenheit vergessen - die Deutschen nicht, aber auch nicht die Franzosen, die einschlägige Erfahrungen im Algerien-Krieg gemacht haben.

SPIEGEL: Die US-Regierung hat den Irak zur zentralen Front im Anti-Terror-Krieg erklärt, doch statt dort Demokratie zu verbreiten, ist der Irak heute ein Magnet für Nachwuchsterroristen. Wie können sich die USA aus dieser selbstgestellten Falle befreien?

Brzezinski: Wir sollten weder weglaufen, noch einen Sieg reklamieren, der ohnehin eine Fata Morgana wäre. Wir müssen mit den Irakern ernsthaft über ein gemeinsam festgelegtes Abzugsdatum für die Besatzungsarmee reden und es dann auch gemeinsam verkünden. Schließlich ist es die Anwesenheit dieser Streitkräfte, die den Aufstand anheizt. Dabei werden wir die Feststellung machen, dass die irakischen Führer, die einen Abzug etwa innerhalb eines Jahres befürworten, eben die Politiker sind, die dann auch im Amt bleiben werden. Die Politiker, die uns beschwören werden, bitte dazubleiben, sind vermutlich die, die mit uns gehen, wenn wir denn gehen. Das sagt alles über die wahre Unterstützung irakischer Politiker aus, was wir wissen müssen.

SPIEGEL: Würde ein solch schneller Abzug nicht Chaos hinterlassen?

Brzezinski: Die irakische Regierung müsste alle islamischen Nachbarn bis hin nach Pakistan und Marokko zu einer Stabilisierungskonferenz einladen. Die meisten sind bereit zu helfen. Und wenn die USA dann abziehen, müssen sie eine Konferenz von solchen Geberländern einberufen, die ein Interesse an einer wirtschaftlichen Erholung des Irak haben, insbesondere an der Erdölproduktion. Das betrifft vor allem Europa und den Fernen Osten.

SPIEGEL: Die Geberkonferenz wird es doch im Herbst sowieso geben.

Brzezinski: Ja, aber ich bezweifle, dass sie großen Enthusiasmus hervorrufen wird, solange die US-Soldaten auf unabsehbare Zeit noch im Land sind. Im Übrigen bin ich ja nicht der Einzige, der so etwas vorschlägt. Das alles deckt sich fast Wort für Wort mit den Vorschlägen des neuen irakischen Sicherheitsberaters.

  • 1. Teil: "Sieg wäre eine Fata Morgana"
  • 2. Teil


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