Fächerreport Liebe zur Geometrie

Mathematiker haben sehr gute, Informatiker gute Berufschancen. Entscheidend ist in beiden Fällen der Bezug zum Arbeitsalltag.

Von Ulrich Jaeger


Es gibt Berufe, die einem kleinen Zirkel Eingeweihter alles, dem Rest der Welt dagegen nichts bedeuten. Was bitte, ist ein "Aktuar"? Und kann so einer, Andreas Huppmann etwa, einem Arbeitgeber nützlich sein? Klassisch Gebildeten mag der lateinische Begriff "actuarius", also "Schnellschreiber", einfallen. Doch das ist Huppmann nicht. Er hat sich vielmehr dem "Produkt Leben" verschrieben, wie er es nennt.

Gefragte Experten: Versicherungen suchen vor allem Fachleute mit Spezialkenntnissen in Statistik, Finanzmathematik und Wahrscheinlichkeitstheorie
DDP

Gefragte Experten: Versicherungen suchen vor allem Fachleute mit Spezialkenntnissen in Statistik, Finanzmathematik und Wahrscheinlichkeitstheorie

Biologen oder Mediziner reden so nicht. Was die Vermutung nährt, dass der 32-Jährige etwas anderes ist, vielleicht hat er ja mit Versicherungen zu tun. Tatsächlich steht "Leben" in Huppmanns Welt für Lebensversicherungen und "Produkt" umfasst von A wie Ausschüttung bis Z wie Zins alles, was ein Aktuar rund um Lebensversicherungen errechnen kann.

Sein Diplom erwarb der Mathematiker der Hamburg-Mannheimer Versicherung 1999 an einer Pariser Universität. Doch weil damit sein Bedarf an Ausbildung offenbar noch nicht gedeckt war, stellte er sich, zurück in Deutschland, einer weiteren langfristigen und kostspieligen Ausbildung. Eben der zum Aktuar. Nach zweieinhalb Jahren Abend-, Wochenend- und Ferienkursen sowie Ausgaben von rund 7000 Euro für Prüfungen und Seminare, Reisen und Unterbringung legte Huppmann neben seiner Arbeit für die Hamburg-Mannheimer im vergangenen Jahr die Prüfung zum Aktuar ab: Sie weist ihn als einen Experten mit fundierten Kenntnissen auf den Gebieten der Wahrscheinlichkeitstheorie, der Statistik und Finanzmathematik aus.

Huppmann gehört einer raren Spezies von derzeit 2800 Individuen an. Nicht bedroht, aber bei Headhuntern für Banken, Versicherungen, Finanzdienstleister und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften eine Trophäe von hohem Wert. Dabei hatte Huppmann schon als Diplomand keinen Grund, sorgenvoll in die Zukunft zu blicken. Seinen ersten Job für ein Pariser Dienstleistungsunternehmen fand er innerhalb von zwei Monaten. Zurück in Deutschland, führten ihn 2002 drei Gespräche in das berufliche Umfeld seiner Wahl, die Versicherungsbranche.

Der Markt für die Nachkömmlinge des Göttinger Mathematikerfürsten Carl Friedrich Gauß boomt. Eben 600 Zahlenwerker waren im März als arbeitslos gemeldet. Seit zwei Jahren, so belegen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, wächst die Nachfrage nach Mathematikern rasant.

Vor allem Absolventen von Hochschulen mit praxisnaher Ausbildung haben nicht nur gute, sondern erstklassige Berufsaussichten. Ralf Korn etwa, Professor für Mathematik an der Technischen Universität Kaiserslautern und Abteilungsleiter Finanzmathematik am dortigen Fraunhofer Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik, weiß von keinem Diplomanden seiner Institute, der nicht bereits kurz nach dem Abschluss einen Job gefunden hätte. Mehr noch, Absolventen mit guten Diplom-Noten schreiben Bewerbungen eher zum eigenen Vergnügen. Ein Zwang dazu besteht nicht, denn auf sie warten bei Abschluss, weiß Korn, "zwei bis drei Stellenangebote".

Den größten Bedarf an Mathematikern haben Banken und Versicherungen. Das gehe so weit, berichtet Korn, dass Geldhäuser wie die Landesbank Baden-Württemberg sich bereits den Mathematik-Studenten an der Universität vorstellen, um potentielle Bewerber anzulocken. Aber auch in vielen Bereichen der Technik, so Korn, herrsche eine "große Mathematiker-Nachfrage".

Noch eine Beobachtung aus der Berufswelt dürfte potentiellen Studenten das als schwierig geltende Fach versüßen. Auf der Karriereleiter in Banken und Versicherungen, so der Professor, verdrängen Mathematiker zunehmend Juristen von den bislang ihnen vorbehaltenen Spitzenpositionen.

Bei den Studierenden, scheint es, ist die Botschaft vom goldenen Boden des Mathe-Handwerks angekommen. Zwar wechseln nicht gerade angehende Geisteswissenschaftler scharenweise ins Zahlenfach. Doch zeichnet sich etwa für die TU Kaiserslautern seit rund drei Jahren eine andere Verschiebung ab: Die Informatik verliert Studenten an die Mathematik.

Ralf Korn ist in Kaiserslautern Professor an der Technischen Universität und Abteilungsleiter am Fraunhofer Institut. Wie begehrt Mathematiker derzeit sind, kann der Hochschullehrer an seinen Studenten beobachten. Kurz nach dem Uni-Abschluss haben alle einen Job, sagt er
Thomas Koziel / TU Kaiserslautern

Ralf Korn ist in Kaiserslautern Professor an der Technischen Universität und Abteilungsleiter am Fraunhofer Institut. Wie begehrt Mathematiker derzeit sind, kann der Hochschullehrer an seinen Studenten beobachten. Kurz nach dem Uni-Abschluss haben alle einen Job, sagt er

Eine Entwicklung, die den Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) alarmieren könnte. Der klagte erst Ende Februar, wie dramatisch der Mangel an Informatikern sei. Nach einer Erhebung der Bitkom gibt es in der Informationstechnologie- und Telekommunikationsbranche 20 000 offene Stellen. Ob Produzenten von Computern, Druckern, Handys, Telefon-Infrastruktur oder digitaler Unterhaltungselektronik - die Branche giert nach Experten. Das Gleiche gilt für Unternehmen aus dem Maschinenbau sowie der Fahrzeug- und Elektroindustrie. Insgesamt schätzt die Bitkom den Bedarf an IT-Fachkräften in der deutschen Wirtschaft auf bis zu 30 000.

Gefragt sind nach Einschätzung von Branchenkennern insbesondere Software-Entwickler, IT-Projektmanager und -Berater. Doch nicht alle Informatik-Spezialisten profitieren von dem Trend: Denn die Personalnachfrage gehe "hin zu höheren Qualifikationen". Zwei Drittel der Unternehmen suchten "ausschließlich Akademiker". Nur jedes fünfte Jobangebot richte sich an Absolventen dualer Berufsausbildungen, bei denen praktische IT-Ausbildung und Berufsschulkurse sich ergänzen.

Schuld am Informatiker-Mangel, daran lässt der Verband keinen Zweifel, sei das deutsche Bildungssystem. Die Ausstattung deutscher Schulen mit Computern und schnellen Internet-Zugängen sei im internationalen Vergleich "sehr schlecht". Lehrerinnen und Lehrer wüssten oft nicht, wie "Lernsoftware, Präsentationsprogramme oder das Internet" sinnvoll in den Unterricht einzubinden seien. Insgesamt seien die Bildungsschmieden "nicht in der Lage, die Anforderungen der Wirtschaft" zu erfüllen.



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