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Jobsuche: "Die Putzfrau verdient genauso viel"

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Die Einstiegsgehälter junger Akademiker klaffen je nach Fachrichtung weit auseinander. Während Ingenieure oder Mathematiker in der ersten Lohnverhandlung hoch pokern können, bleibt den meisten Geisteswissenschaftlern nur der Mut zur Bescheidenheit.

Dass jemand mit einem Magisterabschluss in einem Fach wie Film- und Fernsehwissenschaft nicht mit sofortigem Reichtum rechnen kann, war Nina Selig durchaus bewusst. Auf keinen Fall wollte die 27-Jährige ihre Erwartungen zu hochschrauben, nachdem sie im Oktober vergangenen Jahres ihr Studium an der Ruhr-Universität Bochum beendet hatte. Erst mal wolle sie nur den Einstieg finden, sagte sie sich, das Gehalt müsse ja zunächst nur zum Leben reichen.

Damit waren ihre Erwartungen eigentlich schon zu hoch.

500 Euro brutto im Monat bot ihr die Chefin einer Freiburger Werbeagentur bei ihrem letztem Vorstellungsgespräch strahlend an. Dafür müsse sie zwar 60 Stunden in der Woche arbeiten, und die Stelle sei auch nur auf sechs Monate befristet, aber immerhin könne sie kostengünstig in der firmeneigenen Trainee-WG wohnen. Das sei doch eine ganz klare Win-Win-Situation.

Selig hat die Stelle dann lieber abgelehnt, denn dafür fühlte sie sich doch etwas überqualifiziert. Immerhin konnte sie eine Abschlussnote von 1,3 vorweisen, neun Monate hatte sie in Barcelona studiert, danach war sie drei Monate am Goethe-Institut in Santiago de Chile gewesen. So eine Ausbildung sollte doch mehr wert sein als 500 Euro im Monat. "Das Absurde ist nur, dass ich tatsächlich kurz darüber nachgedacht habe, zuzugreifen" sagt sie. "Es ist nicht so, dass woanders viel mehr geboten wird."

Stattdessen bewirbt sie sich weiter und hält sich mit insgesamt drei Jobs über Wasser, als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Gleichstellungsbüro der Ruhr-Universität, als Filmvorführerin in einem Programmkino und Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit für das kleine Filmfestival "Blicke aus dem Ruhrgebiet". Insgesamt kommt sie damit monatlich auf etwa 1300 Euro brutto, übrig bleiben dann um die 900 Euro. "1200 Euro netto wären natürlich super", sagt sie. "Aber ich weiß auch, dass das total unrealistisch ist."

Damit liegt sie nicht falsch, denn für einen üppigen Gehaltsscheck hat sie einfach das Falsche studiert. Laut der letzten Studie des "Studentenspiegel", einer vom SPIEGEL und der Unternehmensberatung McKinsey durchgeführten Umfrage unter 25.000 Hochschulabsolventen, schwanken die Einstiegsgehälter junger Akademiker je nach Fachrichtung drastisch. Fächer- und branchenübergreifend liegt das durchschnittliche Brutto-Einstiegsgehalt bei 2500 bis 3000 Euro monatlich. Während sich frisch von der Uni kommende Wirtschaftsingenieure über durchschnittlich 3227 Euro brutto im Monat freuen können und Betriebswirtschaftler noch mit 3161 Euro rechnen dürfen, darben beispielsweise die Germanisten bei nur 1598 Euro. Auch mit Geschichte und Medienwissenschaften kommt man anfangs durchschnittlich nicht auf 2000 Euro, für Architekten, Stiefkinder des Arbeitsmarkts, sieht es ebenfalls finster aus.

"Die Wertschätzung für Geisteswissenschaftler wird oft angemahnt, aber die Nachfrage ist doch in Wirklichkeit eher gering", sagt Tim Böger, Geschäftsführer der Vergütungsberatung PersonalMarkt in Hamburg. Das Problem sei, dass Germanisten oder Historiker nach dem Abschluss mangels Alternativen häufig in wissenschaftlichen Einrichtungen anfangen, und da sei eben nicht viel zu holen. "Am besten sieht es in der Autoindustrie aus, auch in der Pharma-Branche oder als Investment-Banker kann man schon früh zu einem Top-Gehalt kommen." Flop-Branchen sind laut PersonalMarkt dagegen auch Behörden und soziale Einrichtungen.

Rosig sind die Zeiten immerhin für Ingenieure, Naturwissenschaftler oder Wirtschaftswissenschaftler. Auch Mathematiker und Informatiker sind gut dran. So werden zum Beispiel bei Siemens in Deutschland vornehmlich Absolventen aus eben diesen fünf Fächergruppen eingestellt, und die können sich laut Unternehmenssprecher Marc Langendorf über ein durchschnittliches Einstiegsgehalt von etwa 3300 brutto freuen, wer von der Fachhochschule kommt, kann mit 3100 Euro rechnen. "Wir suchen natürlich querbeet", sagt Langendorf, "aber das sind schon die primären Fachgebiete." Viel Platz für Exoten gibt es auch bei Siemens nicht. Von den 2300 Jungakademikern, die im vergangenen Jahr bei Siemens angefangen haben, waren allein 1700 Ingenieure, Informatiker und Naturwissenschaftler.

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© SPIEGEL special 2/2007
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