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Das Mitmachnetz: Der Krieg der Zwerge

Von Jochen Bölsche

Im Internet prangern "Grüne Gnome" die Abzock-Methoden privater Quizsender an - und lösen bizarre Reaktionen aus.

Wie Marc Doehler, 39, als Schüler zu seinem Spitznamen "Mork vom Ork" kam, ist schnell erzählt. Anfang der Achtziger lief im ZDF eine gleichnamige US-Serie. Thema: Der Herrscher eines Planeten namens Ork entsendet einen Spion namens Mork auf den Menschenstern, um die Lebensverhältnisse der unterentwickelten Erdlinge zu erkunden.

Ob es nun an einer gewissen Ähnlichkeit des Schülers Doehler mit dem Mork-Darsteller lag oder aber schlicht an der Namensverwandtschaft Marc/ Mork - der Knabe hatte ein für allemal seinen Necknamen weg.

Warum Marc aber ein gutes Vierteljahrhundert später auch noch den Beinamen "grüner Gnom" bekam und weshalb er sich seither mit anderen Zwergen im Krieg gegen ein mächtiges Imperium sieht - das ist eine längere Geschichte.

Die Story beginnt Anfang 2006, als Doehler, Systemadministrator in Berlin, so etwas wie eine Lebensaufgabe findet. Wie sein Namensgeber vom Ork sich dem Studium der primitiven Erdzivilisation widmet, will er fortan eine der niedrigsten Formen der irdischen TV-Unterhaltung erkunden: den Orkus des deutschen Schmuddel-Fernsehens.

Zu nächtlicher Stunde war Doehler immer mal wieder in einem jener Trash-Kanäle hängengeblieben, in denen halbnackte Animateusen und aufgegelte Animateure ihr Unwesen treiben: Mit den Marktschreiermethoden von Rheumadeckenverkäufern auf Kaffeefahrten versuchen die TV-Propagandisten, möglichst viele Leichtgläubige zu möglichst vielen teuren Anrufen zu bewegen.

Als Köder dienen sogenannte Quizfragen. Doch der Ablauf gleicht eher einem dubiosen Glücksspiel als einem Wissenstest. Mal sind die Fragen kinderleicht, doch nur ein winziger Bruchteil der vielen Anrufer wird ins Studio durchgestellt. Andere Aufgaben scheinen einfach, sind in Wahrheit aber praktisch unlösbar. So oder so: Statt mit dem ersehnten Gewinn ("zehntau-send Eu-ro!!!") oder den ausgelobten "Geldpaketen" und "Geldwannen" endet das Spiel für die Masse der Anrufer mit einer gebührenpflichtigen Bandansage - "leiiiiiiider hat 's diesmal nicht geklappt".

Während die Außerirdischen auf Ork laut TV-Legende weder Liebe noch Hass kennen, wächst beim irdischen Marc blanke Wut über die Methoden der Abkassier-Sender. Einziges Ziel der Programme sei es, begreift Doehler, den geistig und finanziell Minderbemittelten vor den Bildschirmen mit raffinierten Schaltmethoden und perfiden Psychotricks "den letzten Euro aus der Tasche zu ziehen".

Er sinnt auf Abhilfe - und setzt aufs Internet. Im Frühjahr 2006 richtet der Berliner ein Internet-Portal mit der Adresse Call-in-TV.de ein. Im Diskussionsforum seiner Website, das er selbst unter seinem alten Spitznamen Mork vom Ork moderiert, sammeln sich rasch Hunderte von Gleichgesinnten, die seinen Zorn auf die "Abzock-Sender" teilen.

Zwar tut es sich nur allenfalls jeder hundertste TV-Teilnehmer an, eines der Call-in-Programme zu verfolgen. Doch diese Minderheit wird zumeist mit 50 Cent für jeden Anruf kräftig zur Kasse gebeten, animiert durch nervige Darbietungen mit infernalischem Sirenengeheul und lärmendem Countdown-Geticke, grellen Stroboskopblitzen und schrillem Moderationspersonal.

Dutzende von Zuschauern unterstützten bald Doehlers Vorhaben, besonders dreiste Fälle von TV-Nepp mitzuschneiden, um Beweise zu sammeln. Sein Kalkül: Ins Netz gestellt, könnten die Videos Presse und Justiz, Behörden und Gesetzgeber gegen die Bauernfängerei mobilisieren.

Mit einer Vielzahl von Mitschnitten haben Doehler und seine Mitstreiter seither das Treiben der Sender dokumentiert. Typischer Trick: Gesucht werden Wörter, die verdeckt an einer Tafel stehen, zum Beispiel "Tiere mit S". Ein erster Anrufer kommt durch, nennt "Schwein" - richtig. "Geht 's noch einfacher?", drängt der Moderator zu weiteren Anrufen. Stundenlang lassen sodann falsche Antworten die Senderkasse klingeln, bis schließlich sekundenlang die nicht gelösten Suchwörter aufgedeckt werden: "Samtstirnkleiber", "Saigauantilope", "Stirnlappenbasilisk".

In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", die dieses und andere Beispiele veröffentlichte, kam Autor Stefan Niggemeier nach wochenlanger Programmbeobachtung zu einem vernichtenden Urteil über 9Live: Auf diesem sogenannten Quizsender falle "kaum ein Satz, der nicht dazu dient, die Zuschauer über Chancen und Kosten, Risiken und Spielregeln in die Irre zu führen".

Wie es den Irregeleiteten ergehen kann, zeigt der Mitschnitt einer 9Live-Sendung, den Doehler mit seiner Website verlinkt hat. Eine offenbar betagte Anruferin aus Schwaben ist glücklich, nach vielen teuren Fehlversuchen ins Studio durchgestellt worden zu sein:

Hier ischt die Brigitte ... Endlich komme ich mal in die Leitung ... Ich hab heute mittag schon 300-mal gewählt ... Hab immer denkt, einmal muss es klappen ...

Binnen vier Wochen, verrät sie im Laufe des Gespächs dem forschen Moderator Max Schradin, seien bei ihr 3100 Euro Telefonkosten aufgelaufen:

Ich verspiel Hab und Gut und hinterher ärgert 's mich immer ... Ich kann mir das nimmer länger leischten. Ich seh ja Ihre Sendung bis zum Ende an.

Schradin ("O Gott, wie können Sie sich so was antun, da müssen Sie ja betrunken sein") rät der Frau zur Mäßigung, nachdem er ihr in Gönnerpose einen 650-Euro-Gewinn zugesagt hat: "Achten Sie so 'n bisschen auf Ihr Telefonverhalten." Das sei gar nicht so einfach, erwidert die Spielsüchtige:

Ha nein, da denk i immer wieder: Jetzt rufscht nimmer an. Aber dann kommt wieder ein Rätsel, da meldet sich niemand. Dann bin ich wieder parat, und ich komm nicht in die Leitung.

Die Anruferin ahnt nicht, dass die Call-in-Moderatoren offenbar gezielt den falschen Eindruck zu erwecken versuchen, kaum einer der - in Wahrheit massenhaft anrufenden, aber nur nicht zur Lösungsabgabe durchgestellten - Zuschauer sonst kenne die simple Antwort. "Um diese Zeit guckt eh keiner mehr" - solche und ähnliche Behauptungen sollen suggerieren, die Gewinnchancen für den Einzelnen stiegen gerade jetzt ins Unermessliche.

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© SPIEGEL special 3/2007
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