Familie im Wandel Hölle im Reihenhaus

Die Generation der 68er verachtete die traditionelle Familie als Inbegriff des Spießigen und Autoritären. Mit ihrer Suche nach neuen Lebensformen wollte sich die Nachkriegsgeneration auch von der NS-Verstrickung ihrer Väter und Großväter befreien.

Von Reinhard Mohr


Mit dem Familienbild der 68er verhält es sich in etwa so wie mit der Vorstellung vom christlichen Paradies bei überzeugten Atheisten: Da ist nichts, jedenfalls nichts Greifbares. Metaphysisch Fehlanzeige.

Umso mehr erschließt sich die Sache andersherum: als Anti-Familienbild, als Feindbild, als reaktionäre Retro-Galaxie einer überkommenen Zwangsherrschaft.

Während heute, zu Zeiten eines neuen "Eva-Prinzips", die Rückkehr zu den alten Werten von treusorgender Mutter und Apfelkuchen backender Hausfrau im trauten Kreise der Familie gepredigt wird, galt damals, Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre, die Devise: Nichts wie weg!

"We've Gotta Get Out Of This Place", sangen die Animals schon 1965.

Die Familie - verstanden als (klein-)bürgerliche Schicksalsgemeinschaft, selbst wenn die Eltern proletarischer Herkunft waren - empfanden viele junge Menschen als reine Hölle. Als psychosoziales Gefängnis oder - im Jargon der damaligen Zeit - als "Unterdrückungszusammenhang" mit Reihenhaus, Vorgarten und Jägerzaun. Provinziell, spießig, bedrückend eng und aufgeladen mit einer ungerechtfertigten Autorität des Vaters. Ein Schauplatz heftiger, teils sogar gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen den Generationen.

Was heute undenkbar erscheint, war damals in vielen Familien Alltag: Beim Sonntagsbraten wurde erbittert gestritten, über den Vietnam-Krieg, die Nazi-Zeit, den Holocaust und den Kalten Krieg. Nicht selten führten diese häuslichen Redeschlachten zu tiefen Zerwürfnissen zwischen Vater und Sohn, zu lähmendem Schweigen zwischen Tochter und Vater.

Denn anders als heute, konnten die Väter der Nachkriegskinder noch Nazi-Täter gewesen sein - Gefolgsleute von NSDAP, SA, SS und Gestapo, Frontsoldaten und KZ-Aufseher, Offiziere in Wachbataillonen und Euthanasie-Ärzte, Richter an Freislers Volksgerichtshof und Reichsbahnbuchhalter des Todes. Mitläufer und Mitschuldige.

Von "naziverbundenen Elternkörpern" sprach später der Schriftsteller Klaus Theweleit, als ginge es um eine Art verseuchtes Territorium. Davon wollten sich die nach 1945 Geborenen mit aller Kraft befreien. Nichts weniger als die "Zerschlagung der bürgerlichen Familie" stand auf ihrem Programm. Manch einer hatte jahrelang keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. Dafür las man Friedrich Engels' historische Abhandlung "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats" und wusste Bescheid - alles musste anders werden.

Der "manisch-gewalttätige Rigorismus", mit dem "das Band zwischen Eltern und Kindern durchtrennt" wurde, sei Ausdruck für das unbewusste "Schuldthema der Revolte" gewesen, schreibt der Psychoanalytiker und Alt-68er Reimut Reiche im Rückblick. Selbst die "sexuelle Revolution", so der Historiker Gerd Koenen, sei aufs engste mit dem Versuch verbunden gewesen, "mit den Verstrickungen und Schlacken der Geschichte alle familiären Prägungen hinter sich zu lassen und am Programm der eigenen narzisstischen Neuerschaffung bzw. Selbstverwirklichung" zu arbeiten.



© SPIEGEL special 4/2007
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